Rhein-Pfalz-Kreis
Winterwaldvögel: Eulen auf der Balz
Der Vollmond scheint auf ein verfallenes Schloss, es ist von Nebel verhangen. Ein Mensch irrt durch den Wald und dann erklingt dieser schaurige Ruf: „huuuh-huhuhu-huuuh“ – klassisches Gruselfilmmaterial. Dabei ist eben dieser Ruf Vogelkundlern zufolge der Liebesgesang des heimischen Waldkauzes. Die Männchen buhlen damit um die Gunst der Weibchen, die mit einem „Ku-witt, Ku-witt“ antworten. In klaren kalten Winternächten ertönt das Duett, das für Menschenohren unheimlich klingen mag.
„Wer spät abends oder nachts in Waldnähe oder im Wald unterwegs ist, kann die Balzrufe des Waldkauzes ab Ende Januar, Anfang Februar hören“, sagt Thomas Dolich. Auch die Waldohreule ruft und balzt. Doch ihr „Huuh“ ist laut dem Neuhofener Vogelexperten, der sich im Vorstand der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz engagiert, nur mit guten Ohren und auf kurze Entfernung zu hören. Balz im kalten Winter, anstatt auf Frühlingsgefühle zu warten? „Ja“, sagt Dolich. „Die wenigsten wissen, dass jetzt, im Winter, bei manchen Waldvögeln die Aktivitäten zum Brutgeschäft beginnen. Im März, wenn die Natur erwacht, sitzen die Eulen bereits auf den Eiern.“
Ein Fall von Nachteulen
Der Waldkauz ist ein Fall für Nachteulen und sehr ausdauernde Beobachter. Nur mit Glück lassen sich die nachtaktiven Tiere auch tagsüber beim Sonnen erspähen, wenn Singvögel etwa durch Zetern den Aufenthaltsort des Jägers verraten. Bei unserem Streifzug mit dem Förster durch den Winterwald am Vormittag bleibt uns allenfalls, nach Spuren der letzten Nacht zu suchen: gelassene Federn oder gefallene Reste. Die unverdaulichen Teile wie Haare, Knochen und Zähne würgt der Waldkauz raus. Die Klumpen werden Gewölle genannt.
Als Lebenszeichen muss uns das reichen. Um uns ein Bild von dem Eulenvogel machen zu können, muss ein Foto her. Wie eingangs beschrieben, fallen sofort die großen Augen auf. „Die sind toll, nicht wahr?“, sagt Volker Westermann. „Damit können sie auch mit ganz wenig Licht noch etwas sehen, viel wichtiger ist jedoch der Gehörsinn. Und das ist wahrlich erstaunlich: Aus hundert Metern Entfernung hört der Waldkauz beim Fliegen das Rascheln einer Maus.“ Unser Bildungsförster ist begeistert von der Natur, die die Ohröffnungen am Käuzchenköpfchen etwas versetzt angebracht hat, so dass ein Geräusch mit minimaler Zeitdifferenz an die Ohren kommt und Geräuschquellen exakt lokalisiert werden können.
Wer zur Beute wird
Käuzchen? Köpfchen? Die Verniedlichungsform ist bei diesem Vogel gerade noch angebracht. Er besitzt ungefähr die Größe einer Krähe, wird also nicht größer als 40 Zentimeter und wiegt nur etwa 600 Gramm. Die Waldohreule ist allerdings noch ein Stückchen kleiner. „Sie misst zirka 35 Zentimeter und ist etwas leichter, weshalb die Waldohreule dem Kauz schon mal zur Beute werden kann, sagt Dolich.
Beide Arten sind reine Fleischfresser und bevorzugen die verschiedenen Mäusearten, Maulwürfe, Fledermäuse, Frösche, Käfer, wobei es beim Waldkauz bis hin zu Jungkaninchen, Ratten und Eichhörnchen gehen kann. Bei Mäusemangel weichen Kauz und Eule Dolich zufolge auf Vögel als Nahrung aus, meist Kleinvögel in Meisen- oder Sperlingsgröße. Wobei sich der Waldkauz auch an größere Arten traue.
Der Kauz lockt nicht
Der Waldkauz ist also doch ein Todesvogel. „In Sachen Beutejagd ja“, sagt der Förster. Aus ernährungstechnischen Gründen sozusagen. Aber nicht in der unheimlichen Art, wie ihn die Leute früher gesehen haben. „Wer seinen Ruf hörte, bekreuzigte sich und machte sich schleunigst von dannen.“ Dass er sich Häusern näherte, in denen ein Mensch im Sterben lag, müsse mit den Nachtfaltern zu tun haben, die durch das Licht der Nachtwachen angelockt wurden, meint Westermann. Auch Dolich hält nichts von der Todesvogel-Theorie. „Der Ku-witt-Ruf des Waldkauzes wurde jedoch als ,Komm mit’ interpretiert, als Aufforderung des Todesvogels, ihm in das Reich des Todes zu folgen. Aber eigentlich haben bei uns die Eulen zu Recht ein eher positives Image.“
Stimmt. Bei Kindern sind die Vögel beliebt, Kinderkleidung wird gerne mit Eulenmotiven geschmückt. Servietten, Kalender, Tassen ebenso – auch für Erwachsene. Und die großen Eulenaugen bedienen, sagt Dolich, das Kindchenschema. Auch der Kauz oder ein kauziges Verhalten gelte eher als speziell und sonderlich und nicht als gefährlich. „Interessant ist dabei, dass es nur im deutschen Sprachraum die Bezeichnung Kauz für Eulenarten mit rundem Kopf und ohne Federohren gibt. In allen anderen Ländern heißen sie immer Eulen.“
Mit Schalldämpfer unterwegs
Verstanden. Wir Menschen müssen nicht gleich erstarren, wenn wir Kauz und Eule rufen hören. „Und der Maus bleibt dafür keine Zeit“, sagt Förster Westermann. Das mache die Kombination aus drei Faktoren: Waldkäuze und Waldohreulen fliegen fast geräuschlos, dank eingebauter „Schalldämpfer“. Die Flügel haben auf der Vorderseite einen Kamm aus steifen Federn, auf der Hinterseite des Flügels sind die Federn stark ausgefranst. Und: Die Flügeldecke ist feinsamtig und flaumig. „Dadurch erscheinen die Vögel wie aus dem Nichts. Anwohner von Flughäfen würden solch geräuschlose Landungen wohl gutheißen. Die Maus am Waldboden findet’s eher fies ...“.
Waldkauz und Waldohreule sind Indikatoren für intakte Naturlandschaften, informiert Westermann. „Bei uns in den Auenwäldern ist vor allem der Kauz Gott sei Dank noch häufig zu Hause.“ Dass der Waldkauz unsere häufigste Eule ist, bestätigt Dolich. Der Brutbestand ist etwa doppelt so hoch wie der der Waldohreule. „Während der Waldkauz größere, zusammenhängende Waldgebiete bevorzugt, bewohnt die Waldohreule lieber lichtere Wälder oder auch die Offenlandschaft, in der dann aber immer auch Bäume vorhanden sein müssen, wie Feldgehölze oder Baumreihen an Bächen.“
Der Waldkauz ist ein Höhlenbrüter. Sein Gelege hat er in Baumhöhlen, das können ausgefaulte Bruch- oder Blitzeinschlagstellen oder auch alte Schwarzspechthöhlen sein. „Darum ist es für ihn wichtig, große alte Bäume in den Wäldern zu erhalten, in denen ausreichend große Höhlen vorhanden sind“, sagt Dolich. „Genau das ist ein Grund, warum wir Förster abgestorbene Bäume gerne im Wald stehen lassen, sie nicht nutzen und auch nicht als Brennholz verkaufen“, sagt Westermann. Totholz gehöre zu einem intakten Wald mit dazu. Zwischen Rheindamm und Rhein sollen im Rhein-Pfalz-Kreis künftig Naturwaldreservate entstehen. Die Teile des Waldes, die dem Land gehören, werden aus der Bewirtschaftung genommen. „Dadurch wird dort der Anteil an alten Bäumen mit Höhlen noch deutlich ansteigen. Gut für den Waldkauz“, findet der Förster.
Nicht nach Athen
Die Waldohreule verhält sich anders, sie brütet ausschließlich offen, in ehemaligen Krähen- oder Greifvogelnestern. Sie ist Dolich zufolge auf die Vorarbeit anderer Vogelarten angewiesen. Auch beim sonstigen Verhalten gebe es große Unterschiede zwischen den beiden Waldeulen.
Während der Waldkauz einer der ausgeprägtesten Standvögel in unserer heimischen Vogelwelt ist, die meisten Waldkäuze bleiben ihr Leben lang ihrem Revier treu, ist die Waldohreule deutlich mobiler. „Insbesondere die Jungvögel ziehen manchmal größere Strecken zwischen Brut- und Winterquartier.“ Durch Beringung der Eulen wurde, berichtet Dolich, mehrfach nachgewiesen, dass sich bei uns im Winter auch Gäste aus nordöstlichen Regionen aufhalten. Eine bei Bobenheim-Roxheim im Winter beringte Waldohreule wurde im Frühjahr im östlichen Weißrussland gesichtet. „1600 Kilometer von hier entfernt.“
Förster wie Vogelexperte hoffen, dass sich Waldkauz und Waldohreule weiterhin bei uns in der Rheinebene wohlfühlen. Dass sie, trotz intensiver Landwirtschaft mit chemischer Mäusebekämpfung, Nahrung finden. Oder dass sie lernen, den drehenden Rotorblättern der vielen Windkraftanlagen auszuweichen. „Den Ruf des Waldkauzes will ich nicht missen“, sagt Dolich. Westermann stimmt ihm zu: „Auch wenn er unheimlich klingen mag, wir wissen ja jetzt, dass es ein Liebeslied und kein Totengesang ist.“
Die Serie
In unserer Serie Winterwaldvögel schauen wir mal, wer alles so da geblieben ist und es den Winter über hier aushält. Die gefiederten Waldbewohner haben in der kalten Jahreszeit so ihre Überlebensstrategien.