Böhl-Iggelheim
Wie in der Sandgasse fast die Erde gebebt hätte
Erdbeben in Böhl-Iggelheim: Diese Meldung ist am Freitag unverhofft in der Rhein-Pfalz-Kreis-Redaktion gelandet. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie hat es gemeldet: Ein Erdbeben der Stärke 3,4 ist am Donnerstag in der Nacht – genau um 3.07 Uhr – in dem schönen Ort im schönen Rhein-Pfalz-Kreis gemessen worden. Ein Anruf bei der in Wiesbaden angesiedelten Behörde bestätigt es, aber: „Für rheinland-pfälzische Erdbeben“ seien die linksrheinischen Kollegen zuständig. Das ist das Landesamt für Geologie und Bergbau in Mainz. Genauer: der dort angesiedelte Landeserdbebendienst Rheinland-Pfalz.
Dessen Leiter Bernd Schmidt wiederum ist ob der Nachfrage aus Ludwigshafen überrascht. Denn in Mainz weiß man nichts von bebender Erde im Gemüsegarten Vorderpfalz. Einige Nachforschungen später dann seine Erklärung: Es hat tatsächlich ein Erdbeben der Magnitude 4,2 gegeben zu jener Zeit – in Schopfheim, im ebenfalls schönen Landkreis Lörrach (Baden-Württemberg).
Solche Ereignisse können laut Schmidt zu Fehllokalisierungen in einigen Netzwerken führen. Sprich: zu falschem Alarm andernorts. Dafür kann der Experte eine Reihe von Beispielen aufzählen. „Die Kunst ist, diese Geschehnisse auszusortieren“, erläutert Schmidt. Und er versichert: Wenn wirklich die Erde in der Sandgasse gebebt hätte, hätte die Behörde dies längst vermeldet.
Meldungen wie die aus Wiesbaden werden automatisch ausgelöst. Das Hessische Landesamt vermeldet es auch klipp und klar auf seiner Webseite: „Automatische Lokalisierungen und Bestimmungen der Magnitude der Erdbeben können mit erheblichen Fehlern behaftet oder unter Umständen sogar gegenstandslos sein. Ob ein Ereignis automatisch (in der Tabelle: Typ A) oder manuell (in der Tabelle: Typ M) ist, hängt davon ab, ob die Lokalisierung des Bebens durch das automatische EDV-System des Hessischen Erdbebendienstes (Typ: A) oder durch einen Wissenschaftler (Typ: M) bestimmt wurde.“
Die Meldung vom Erdbeben hat selbstverständlich auch die Gemeindeverwaltung in Böhl-Iggelheim bekommen. Doch Büroleiterin Martina Eisel ist nach eigenem Bekunden nichts bekannt von heruntergefallenen Stiften, Tassen oder Telefonen. Und es habe auch noch niemand angerufen und nach einem Erdbeben gefragt.
An diesem Punkt hätte man stutzig werden können. Normalerweise ist ja immer irgendjemand wach. Und im Zeitalter moderner Massenmedien und Sozialer Netzwerke postet immer irgendjemand, wenn die Katze gerade niest, der Goldfisch hustet – oder die Erde bebt. Aber nichts von alledem.
Also der nächste Anruf. Diesmal bei der Polizei in Schifferstadt. Unser aller Freund und Helfer muss es doch wissen, wenn irgendwas unterirdisches den Kreis erschüttert hat. Deren Chef Kai Giertzsch bestätigt: Ja, auch seine Inspektion habe die Nachricht vom Erdbeben in Böhl-Iggelheim bekommen. Eine Streife sei sofort ins Dorf gefahren. Schäden, zum Beispiel ausgefallene Straßenlaternen oder Ampeln, seien aber nicht festgestellt worden.
„Das war das erste Mal, dass wir solch eine Meldung bekommen haben. Und ich bin jetzt seit 22 Jahren hier in Schifferstadt“, sagt Giertzsch. Grundsätzlich finde er die Benachrichtigung gut. „Es können ja auch Alarmanlagen ausgelöst werden.“
Was folgt, ist eine Anrufkette epischen Ausmaßes. Wieder bei Martina Eisel: Es war ein Erdbeben. Die Polizei hat die Nachricht auch bekommen. Aber nix passiert. Dann die Entwarnung aus Mainz: Fehlalarm. Also wieder bei Martina Eisel anrufen. Fehlalarm. Erleichtertes Lachen auf beiden Seiten und ein schönes Wochenende gewünscht.
Letzter Anruf bei Kai Giertzsch. Fehlalarm. „Echt? Schön. Aber das hätte man dann ja auch mal melden können.“ Ja, offenbar ist das Erdbebenwarnsystem für die Vorderpfalz noch nicht ganz ausgereift. Aber immerhin war die Presse mal nicht der Überbringer einer Hiobsbotschaft oder von Fake News. Lachen auf beiden Seiten. Ein schönes Wochenende gewünscht. Erdbeben- und erschütterungsfrei, versteht sich.