Grosse Themen, kleine Welt: RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Anti-Atomkraft-Aktivist zur AKW-Laufzeitverlängerung steht

Grünes Licht für längere Laufzeiten: Das Kernkraftwerk Emsland in Lingen ist eine der Anlagen, die nun doch nicht zum Jahresende
Grünes Licht für längere Laufzeiten: Das Kernkraftwerk Emsland in Lingen ist eine der Anlagen, die nun doch nicht zum Jahresende abgeschaltet werden.

2022 war das Jahr, in dem die Atomkraft in Deutschland zumindest ein kleines Comeback erlebte. Nach leidenschaftlicher Diskussion dürfen die verbliebenen drei deutschen Atomkraftwerke länger am Netz bleiben. Der Römerberger Jürgen Schall hat jahrzehntelang für den Atomausstieg gekämpft. Sieht er nun den Erfolg der Anti-Atom-Bewegung bedroht?

Das Kernkraftwerk in Philippsburg, in bedrohlicher Nähe zum Heimatort gelegen, war es, das Jürgen Schall aus Berghausen zum Aktivisten gegen Kernenergie machte. Seit ihrer Gründung ist er Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen ein atomares Zwischenlager in Philippsburg. Als vor elf Jahren in Berlin der Atomausstieg bis Ende 2022 beschlossen wurde und als im Mai 2020 die Kühltürme jenseits des Rheins fielen, waren das Meilensteine auch auf Schalls Lebensweg. Die Abschaltung der letzten drei deutschen Atomkraftwerke Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland bis Ende des Jahres hätte eigentlich das Schicksal der Atomkraft in Deutschland besiegeln sollen. Doch durch den Ukraine-Krieg, ausbleibende Gaslieferungen und eine drohende Energiekrise wurden die Karten neu gemischt. Mit dem Ergebnis, dass die Meiler statt Ende des Jahres erst nach dem 15. April 2023 abgeschaltet werden sollen.

Jürgen Schall fühlt sich durch den Entschluss nicht um die Früchte seiner jahrelangen Aktivistenarbeit betrogen. Die Entscheidung der Ampel-Koalition ist für ihn verschmerzbar – und sogar nachvollziehbar. „Im Frühjahr und Sommer war vollkommen unklar, wie sich die Situation weiterentwickelt“, sagt der 59-Jährige. Kaum jemand hätte damals angenommen, dass die Gasspeicher zu Beginn des Winters zu 100 Prozent gefüllt seien. „Die Option der Laufzeitverlängerungen zumindest zu erwägen, war sicherlich richtig, denn die politische Leidensfähigkeit von Demokratien ist doch sehr eingeschränkt“, findet Schall. Der Planungs- und Versorgungssicherheit sei Vorrang eingeräumt worden.

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„Über Schatten gesprungen“

Jürgen Schall ist Fraktionsvorsitzender der Grünen im Römerberger Ortsgemeinderat und im Verbandsgemeinderat. Ihm sei bei der Debatte über die Laufzeitverlängerung klar gewesen, dass es in seiner Partei Leute geben würde, die strikt dagegen seien, weil der Atomausstieg eine Art goldenes Kalb für sie sei. Er habe aber ebenso erwartet, dass es Vertreter der Grünen gebe, die pragmatischer an die Sache herangehen und für die eine dreimonatige Laufzeitverlängerung verkraftbar sei. Letztlich sei jeder ein Stück weit über seinen Schatten gesprungen. Was den Römerberger stört: „Es wurde deutlich, dass es mal wieder um reine Symbolpolitik geht.“ Es sei ausgiebig über diese dreieinhalb Monate zusätzlich diskutiert worden. Das seiner Meinung nach viel wichtigere Thema, wie die Energiewende in Deutschland vorangetrieben werden kann, sei dabei aber hintenrunter gefallen.

Die Hauptgründe, warum es dabei nicht schneller vorwärts geht, sieht Schall in einer entscheidungsschwachen Politik und in einem aufgeblähten Genehmigungsrecht. Ein Beispiel sind für ihn die Stromtrassen, die zu dem Umspannwerk führen, das in Philippsburg gebaut wird und die Energie aus erneuerbaren Quellen von Norden nach Süden transportieren sollen. Deren Bau stocke nämlich schon seit Jahren. Dass es möglich ist, solche großen Vorhaben auch in Deutschland schnell umzusetzen, wenn nur der politische Wille das ist, zeige ein anderes Projekt: „Wenn man sieht, wie schnell ein Flüssiggasterminal hergestellt werden konnte, fragt man sich schon, warum der Trassenbau so schleppend beziehungsweise überhaupt nicht vorankommt“, sagt Schall. „Im Vergleich zu diesem Desaster spielen die drei Monate keine Rolle“, kommt er wieder auf die Laufzeitverlängerung zurück. Diese „schmerzt, ist aber nur eine Randnotiz im Vergleich zu der Herkulesaufgabe, vor der wir stehen“.

„Risiko und Chance“

Ob drei Monate früher oder später, Deutschland wird in naher Zukunft aus der Atomenergie aussteigen. Viele andere Länder auf der Welt gehen den entgegengesetzten Weg und bauen neue Kernkraftwerke. Das hat natürlich auch Jürgen Schall beobachtet. „Wir sind meilenweit davon entfernt, dass die ganze Welt Deutschland beim Atomausstieg folgt. Ob die Renaissance der Atomkraft eine gute Entscheidung ist, wird sich zeigen“, betrachtet er die Sache nüchtern. Es sei entscheidend, ob der Ausstieg so gelingt, dass die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt. Für diese sei der Prozess ein Risiko, aber auch eine Chance. Auffällig sei, dass die großen Stromproduzenten nicht Hurra geschrien hätten, als es um die Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke ging. Für die Wirtschaft sei generell Planungssicherheit wichtig.

Schall erkennt durchaus eine gewisse Doppelmoral bei den politischen Entscheidungen der vergangenen Monate, auch wenn es für ihn keine echte Alternative gab. „Dass Habeck eine seiner ersten Dienstreisen nach Katar unternimmt, um nach Gas zu betteln, hat er sich sicherlich anders vorgestellt“, sagt er. Aus Sicht der Menschenrechte sei das verheerende. Als Lieferant werde ein autokratisches System durch ein anderes ersetzt. Auch deshalb plädiert der Römerberger für den Ausbau der erneuerbaren Energien. „Darüber kann ich Abhängigkeiten reduzieren“, glaubt Schall.

Die Serie

Themen des Jahres 2022: Was haben Menschen in der Region mit den Ereignissen zu tun, die im Jahr 2022 Schlagzeilen gemacht haben? Die Serie blickt zurück – auf große Themen und darauf, was sie in der kleinen Welt des Speyerer Umlands bewegten.

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