Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Wer der Schnakenhölle nicht entrinnen kann: Förster und Waldarbeiter berichten

Schnake am frühen Morgen. Ein Opfer wird sich heute doch wohl finden .... ?!
Schnake am frühen Morgen. Ein Opfer wird sich heute doch wohl finden .... ?!

Es ist dieses Geräusch, dass einem den Nachtschlaf rauben kann. Dieses Summen auf dieser schnakentypischen Frequenz. Doch eine Stechmücke im Schlafzimmer ist nichts gegen die Schnaken-Invasionen im Wald. Forstleute sprechen von schwarzen Wänden. Und ja: Dort sieht man die Plagegeister erst, bevor man sie hört. Für Förster und Waldarbeiter ist dieser Sommer eine echte Belastungsprobe.

Die Klagen sind überall in diesem Sommer zu vernehmen. Sie nerven im Biergarten, sie nerven am Badesee, sie nerven auf der Terrasse, sie nerven beim Spazierengehen, sie nerven beim Campen. Schnaken. Überall Schnaken. Doch so richtig arg ist es eigentlich erst, wenn der Arbeitsplatz dort ist, wo es von Schnaken nur so wimmelt. Wenn man quasi dort rein muss, wo der Feind lauert. Tag für Tag für Tag. „Für mich sind meine Kollegen die Helden des Sommers“, sagt Bildungsförster Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen. Als er vor ein paar Tagen im Wald quasi „aufgefressen“ wurde, hatte er die Idee zu einem Pressetermin vor Ort, um zu zeigen, wie hart es Förster und Waldarbeiter in diesem Jahr trifft. Da überlegt man als Journalistin zweimal, ob man ja sagt. Denn wer möchte schon dorthin, wo Schnakenterror droht?

„Ohne das steige ich gar nicht mehr aus dem Auto“, sagt Simon Henrich und hält eine Flasche Mückenschutzspray hoch. Er ist der jüngste Förster im Forstamt Pfälzer Rheinauen. Der Westpfälzer hat vor einem Jahr seine Stelle in der Rheinebene angetreten, und die Schnake hat ihn quasi völlig überrumpelt. „Als Hinterpfälzer ist man so etwas einfach nicht gewohnt“, sagt er mit einem schiefen Grinsen. Man kann es ihm nachfühlen. Der Vorderpfälzer ist zwar an Schnaken gewöhnt, aber eben auch nicht an so viele. Nicht mehr, muss man sagen. Aber dazu später mehr.

Nicht sehr romantisch

Simon Henrichs erster Sommer als Revierförster in der Vorderpfalz entpuppt sich also als wenig romantisch. Henrich ist für Speyer zuständig und Teile des südlichen Rhein-Pfalz-Kreises, und mit der Neustrukturierung des Forstamts wird sein Zuständigkeitsbereich fast bis Worms reichen. Altrip, Waldsee, Bobenheim-Roxheim, Maxdorf und Fußgönheim gehören zu den Gemeinden, die er dann betreut, um einige Beispiele zu nennen. Er ist in Teilen dort bereits unterwegs, um sich mit den Revieren vertraut zu machen. Und gerade im Auwald gibt es wunderschöne Flecken mit Blick auf den Altrhein. Auf Seen, versteckte Tümpel, saftig grüne Lichtungen. Sehr schön. Sehr romantisch. Aber heuer besonders verschnakt. „Wenn man in manche Teile des Waldes reingeht, ist es, als laufe man gegen eine schwarze Wand. An bedeckten Tagen, so um die 25 Grad, ist es die Hölle.“

 Die Stechmückensaison begann für die Schnakenbekämpfer dieses Jahr deutlich früher als gewöhnlich – auch wegen des nassen Winte
Die Stechmückensaison begann für die Schnakenbekämpfer dieses Jahr deutlich früher als gewöhnlich – auch wegen des nassen Winters.

Und dabei waren die Schnakenbekämpfer dieses Jahr bereits früh im Einsatz. Schon im März. „Trotz des vielen Regens in diesem Jahr hat die Kabs eine deutliche Reduzierung des Stechmückenaufkommens erreicht, dennoch wird man in Anbetracht der Hochwassersituation die Stechmücken in diesem Jahr in vielen Bereichen deutlich spüren“, schreibt die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage bereits im Juni. Und sie sollte recht behalten. Es ist zu spüren. Selbst Bildungsförster Westermann zählt den einen oder anderen Stich. „Dabei gehen sie an mich normalerweise eher nicht.“ Er hat gerade wieder gelesen, dass der Kohlendioxid-Gehalt der Atemluft eine Rolle spielen soll. Heißt: Wer viel Kohlendioxid ausatmet – wie Sportler, große oder kräftigere Menschen – ist Forschern zufolge für Mücken attraktiver. Aber auch der individuelle Körpergeruch kann eine Rolle spielen.

Mückenforscher erklären, dass der spezifische Geruch eines Menschen vor allem von den Bakterien abhängt, die auf unserer Haut zu finden sind. Denn alle Menschen sonderten zwar ähnliche Fettsäuren ab. Aber auf jeder Haut finde sich eine individuelle Kombi von Bakterien. Und diese Bakterien zersetzten die Fettsäuren und produzierten dadurch Gerüche, die wir üblicherweise als menschliche Gerüche wahrnehmen. Schnaken auch. Und manche Menschen mögen sie eben lieber riechen als andere. „Leider“, sagt Simon Henrich. Er ist aber guter Dinge, dass er sich mehr und mehr an die Plagegeister gewöhnt. Und es muss ja nicht jeder Sommer so außergewöhnlich werden.

Hotspot Mutterstadter Wald

Doch nicht nur im Auwald in Rheinnähe und im Überschwemmungsgebiet gibt es in diesem Sommer viele Schnaken. „Auch im Mutterstadter Wald ist es in diesem Jahr extrem“, sagt Michael Paradowski. „Dort ist es recht feucht, daran wird es liegen.“ Paradowski ist Waldarbeiter und einer von Westermanns Helden. Jeden Tag ist er den Heeren von Stechmücken ausgesetzt. Paradowski schützt sich durch lange, recht dicke Kleidung. „Schwitzen tue ich ohnehin, aber jeden Tag möchte ich mich nicht mit einem Antimückenspray einsprühen. Wer weiß, was da alles drin ist, und was das mit der Haut auf Dauer macht?“ Sein Kollege Waldemar Wiest sieht es genauso. Er schützt seinen freiliegenden Nacken mit einem Tuch, das er unter eine Kappe geklemmt hat. Als wir die beiden treffen, summt es gewaltig. Es ist dieses Summen in dieser schnakentypischen Frequenz.

Förster Simon Henrich mag seine Arbeit in den Rheinauen, aber die Schnaken verleiden ihm schon etwas den Sommer hier.
Förster Simon Henrich mag seine Arbeit in den Rheinauen, aber die Schnaken verleiden ihm schon etwas den Sommer hier.

Das macht auch Simon Henrich nervös, wenn er durch den Wald geht. Gerade beim Auszeichnen mache ihn das Gesummse ganz kirre. „Bei dieser Arbeit bleibe ich ja immer wieder stehen, schaue mit die Bäume genau an und überlege, was zu tun ist, damit sich der Wald an dieser Stelle gut entwickelt. Und: Sobald ich stehen bleibe, sind sie da, die Schnaken.“ Bei der Flucht ins Auto nach der Arbeit müsse er höllisch aufpassen. „Sonst habe ich hundert Schnaken im Auto.“ Henrich setzt zumindest in diesem schlimmen Steckmückenjahr auf das Spray in der gelben Flasche. „Egal, was da alles drin ist. Besser als schlaflose Nächte, weil der ganze Körper juckt.“

Ohne Kabs ging’s gar nicht

Es ist schlimm. Es könnte aber noch schlimmer sein. „Wenn es nämlich die Kabs nicht gebe“, sagt Volker Westermann. Er kann sich noch an Zeiten erinnern, als er in seiner Ausbildungszeit im Bienwald eingesetzt war. Damals habe er erlebt, wie sein Arm komplett schwarz vor Mücken war. „Ich habe darüber gewischt. Danach war der Arm rot von meinem Blut. Das ist gut 40 Jahre her.“ Westermann erinnert sich auch, dass vor Einsatz der Schnakenbekämpfer den Menschen in den Orten direkt am Rhein kein Sommerabend auf der Terrasse vergönnt war.

Der frühere Landrat des Landkreises Ludwigshafen, Paul Schädler, hat die Kabs im Jahr 1976 aus der Taufe gehoben. Mittlerweile sind rund 100 Kommunen entlang des Rheins Mitglieder des Vereins. Sie finanzieren die Arbeit der Schnakenbekämpfer. Ein Durchbruch in der Schnakenbekämpfung ist die Entwicklung des Wirkstoffs BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) gewesen, der sehr spezifisch gegen die Larven der Schnaken wirkt und Experten zufolge eine weitaus geringere Wirkung auf Nicht-Zielorganismen hat als andere Insektizide.

Es summt. Es summt auf dieser schnakentypischen Frequenz. Westermann schlägt sich auf den Arm. Wenn er schon als Opfer auserkoren ist, wird es definitiv Zeit, den Wald zu verlassen. Als Journalistin geht’s in die Redaktion. Mit drei, vier juckenden Andenken. Lange Hosen, langes Hemd und jede Menge Spray aus einer roten Flasche haben für eine Stunde im Schnakenwald geholfen. Michael Paradowski und Waldemar Wiest bleiben jedoch in der Schnakenhölle zurück. Und auch Simon Henrich muss sich für den nächsten Einsatz dort wappnen. Ssssssss.

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