Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel „Wenn schon Corona, dann hier“: Alexander Weber berichtet im Interview über die Arbeit im Kreisgesundheitsamt

Nein, die Mitarbeiter des Gesundheitsamts in Ludwigshafen testen nicht. Aber sie bearbeiten alle bestätigten Fälle und verfolgen
Nein, die Mitarbeiter des Gesundheitsamts in Ludwigshafen testen nicht. Aber sie bearbeiten alle bestätigten Fälle und verfolgen, wer die Kontaktpersonen der Infizierten sind. Eine Aufgabe, die verzwickt werden kann.

Wieso gibt es mehr Corona-Fälle auf dem Land als in der Stadt? Wieso wird nicht jeder getestet? Und wie verläuft die Krankheit? Das grassierende Virus löst Fragen aus – und Ängste. Alexander Weber leitet die Abteilung Gesundheit und Verbraucherschutz der Kreisverwaltung, zu der das Gesundheitsamt gehört. Er hat täglich mit Corona zu tun. Das hat er sich vor ein paar Wochen noch nicht vorstellen können. Und trotzdem: Es gibt auch positive Nachrichten.

Herr Weber, drei Städte, ein Landkreis, 324 Corona-Fälle – ist das viel?
Nein, das ist nicht signifikant hoch. Der Kreis liegt dabei derzeit leicht über dem Landesdurchschnitt, die Städte darunter. Vor allem Speyer und Frankenthal. Aber die Zahlen sind immer nur eine Momentaufnahme und ändern sich täglich. Fakt ist: Ein Hotspot sind wir nicht. Fakt ist auch: Die Zahlen werden weiter steigen, die Frage ist immer nur, wie schnell.

Warum gehen die Zahlen im Rhein-Pfalz-Kreis schneller nach oben als in den umliegenden Städten? Die Menschen leben auf dem Land doch weiter auseinander?
Man muss die Fallzahlen immer auch in Relation zu den Einwohnerzahlen sehen. Frankenthal und Speyer haben weniger Einwohner. Ludwigshafen und den Rhein-Pfalz-Kreis kann man besser vergleichen, und es gibt tatsächlich einen Grund dafür, warum es auf dem Land mehr Fälle gibt als in der Stadt: Es gab da unglaublich viele Reiserückkehrer. Ganz viele waren im Skiurlaub und dann auch noch in Südtirol und Tirol. Einige sind sogar noch gefahren, obwohl es schon als kritisch galt. Das war nicht sehr verantwortungsvoll. Zumal jeder Infizierte ja weitere Menschen anstecken kann. Gerade innerhalb der Familie.

Die Zahlen für den Rhein-Pfalz-Kreis werden vom Gesundheitsamt nicht auf die Gemeinden aufgeschlüsselt, warum nicht?
Wir haben uns bewusst entschieden, die Zahlen nicht auf die Ebenen der Gemeinden herunterzubrechen. Ich weiß, dass andere Kreise das teilweise machen. Unsere Beweggründe waren zum einen, dass wir die Menschen nicht weiter beunruhigen wollen. Im Prinzip würde dann nämlich versucht werden, diese Zahlen weiter zu interpretieren und zu vergleichen, was unseres Erachtens nur für weitere Verunsicherung sorgt. Zum anderen wollen wir auch vermeiden, dass insbesondere in kleineren Orten spekuliert wird, wer infiziert sein könnte und dann gegebenenfalls stigmatisiert wird.

Wie verläuft die Krankheit bei denen, die positiv getestet wurden? Liegen Ihnen Erkenntnisse vor, wie schwer die Verläufe sind, wie viele Patienten im Krankenhaus liegen und eventuell beatmet werden müssen?
Wir haben Fälle, die ins Krankenhaus mussten und darunter auch Fälle, die an die Beatmung kamen. Das waren überwiegend ältere und vorerkrankte Menschen, also genau die immer wieder beschriebene Risikogruppe. Ein 81-Jähriger ist gerade leider verstorben. Allerdings verlaufen 80 Prozent der Fälle mild bis moderat. Bei 15 Prozent ist der Verlauf schwerer. Und nur etwa fünf Prozent der positiv Getesteten erkranken so schwer, dass es bisweilen kritisch bis lebensbedrohlich wird.

Um auch mal das Positive zu nennen: Wie viele sind denn auf dem Weg der Besserung oder sogar schon wieder gesund?
Es gibt keine gesetzliche Pflicht, das zu erheben. Zumal es ein zusätzlicher Aufwand und auch gar nicht so einfach ist. Man kann natürlich die Krankenhausentlassungen zählen. Aber was ist mit denen, die in häuslicher Quarantäne sind? Da kann man nur hochrechnen. Sind die 14 Tage vorbei und ist jemand symptomfrei, gilt er als genesen. Das sind in unserem Zuständigkeitsbereich inzwischen etwa 50 Patienten.

Uns hat jemand erzählt, Corona zu haben, sei wie zu ertrinken. Das klingt furchtbar. Haben Sie da beruhigendere Nachrichten?
Nun, das beschreibt schon einen schweren Verlauf. Aber wie gesagt, zu 80 Prozent verläuft die Krankheit ja moderat. Das ist kein Trost, wenn man zu den kritischen Fällen gehört. Aber es ist tröstlich zu wissen, dass wir in unserem Land – und auch gerade hier in der Region – ein tolles Gesundheitssystem haben. Auch wenn immer wieder Kritik laut wird, sind wir gut ausgestattet. Klar, besser geht immer. Aber ich muss sagen, wenn man schon an Covid-19 erkrankt, dann hier bei uns in Deutschland. Die Intensivkapazitäten wurden und werden hochgefahren. Die Krankenhäuser haben viel geleistet und viel geschafft. Deshalb können wir sehr dankbar sein – und auch beruhigt.

Die Angst davor, sich anzustecken, treibt viele um. Auch das bekommen wir im Kontakt mit Lesern mit. Einige schreiben uns sogar extra und teilen ihre Sorgen mit. Etwa darüber, dass Nachbarn, die positiv getestet waren, nun aus der Quarantäne gehen, ohne noch einmal untersucht zu werden. Warum gibt es keinen abschließenden Test?
Der abschließende Test ist laut Robert-Koch-Institut nicht mehr vorgesehen, weil jemand, der zwei Wochen in Quarantäne war und keine Symptome mehr zeigt, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr als ansteckend gilt und deshalb sollen die Testkapazitäten nicht unnötig strapaziert werden. Es gilt also folgende Regel: Wer positiv getestet wurde, bleibt 14 Tage in Quarantäne, ist er darüber hinaus 48 Stunden symptomfrei, gilt er als genesen. Wenn es ängstliche Menschen beruhigt: Wir telefonieren immer wieder mit den positiv Getesteten und fragen ihren Gesundheitszustand ab.

Viele stellen sich vor, dass die Mitarbeiter vom Gesundheitsamt persönlich losziehen, an der Haustür klingeln und Tests machen. Das ist aber nicht ihre Aufgabe. Sie haben dennoch sehr viel zu tun, haben Sie im Vorgespräch anklingen lassen. Beschreiben Sie doch bitte mal die Lage.
Das Coronavirus beschäftigt uns seit Anfang des Jahres. Als Gesundheitsamt haben wir die Entwicklungen genau beobachtet. Wir waren demnach nicht unvorbereitet, aber die Wucht der Ausbreitung hat uns dann doch überrascht. Wer hätte im Januar gedacht, dass wir Schulen und Geschäfte schließen, Plätze sperren und alle sozialen Kontakte, soweit es geht, vermeiden? Als in Italien der große Ausbruch kam, haben wir Vollgas gegeben und umstrukturiert. Gerade stocken wir sogar noch Personal auf. Viele alltägliche Aufgaben können wir derzeit trotzdem nicht mehr wahrnehmen. Es gibt keine Begehungen mehr, es gibt keine Belehrungen mehr und keine amtsärztlichen Untersuchungen. Es sind eigentlich alle von uns mit dem Corona-Komplex beschäftigt.

Und das sieht wie aus?
Ganz viele in unserem Team sind mit der Fallbearbeitung beschäftigt. Mit jedem, der positiv getestet wurde, nehmen wir sofort Kontakt auf. Auch am Samstag und am Sonntag. Es ist also immer jemand im Dienst. Im Idealfall haben wir eine Telefonnummer und ordnen mündlich Quarantäne an. Dann setzt die Recherche ein: Wo könnte sich der Betroffene angesteckt haben und mit wem hatte er anschließend noch Kontakt? Kontaktpersonen der Kategorie I müssen ebenfalls in Quarantäne, das sind in der Regel Personen im gleichen Haushalt. Außerdem sind wir damit beschäftigt, Fragen zu beantworten, zu informieren und zu beruhigen. Wir haben inzwischen zehn Leute an der Hotline. Und die Telefone klingeln weiter, auch wenn sich teils die Fragen ändern. Zu Beginn haben viele gefragt, ob sie ihre Versammlungen stattfinden lassen können, jetzt geht es oft um Entschädigungen, obwohl wir dafür eigentlich gar nicht zuständig sind. Wir vermitteln dann. Insgesamt machen alle einen tollen Job. Es wird seit Wochen nun schon sieben Tage in der Woche gearbeitet und jeder ist sehr engagiert, damit wir die Situation gut meistern, dafür möchte ich mich bei allen sehr bedanken.

Gerade hilft das Gesundheitsamt, eine Corona-Ambulanz in Mutterstadt aufzubauen. Infrastruktur ist wichtig. Wie ist Ihre Sicht der Dinge: Müssen noch mehr Leute getestet werden? Vielleicht sogar Menschen ohne Symptome – auch, um die Kontaktsperre wieder lockern zu können?
Mehr Tests sind immer sinnvoll – auch um die Ausbreitung besser verfolgen zu können. Doch noch ergibt es keinen Sinn, jemanden ohne Symptome zu testen. Die Tests, die es derzeit gibt, sind nur aussagekräftig, wenn jemand eben Husten, Halsschmerzen, Fieber und so weiter hat. Gerade ist man allerdings dabei, noch sensiblere Tests zu entwickeln, die auch ohne Symptome reagieren. Auch Schnelltests werden kommen, das wird vermutlich gar nicht mehr so lange dauern.

Haben Sie eine Vorstellung vom Ausstiegsszenario?
Bis nach den Osterferien soll sich die Infizierungsrate verlangsamen – und auf dem Weg sind wir hoffentlich. Die Auflagen der Politik scheinen zu greifen. Irgendwann müssen die Zügel aber auch wieder gelockert werden. Geschäfte müssen öffnen, Schüler in die Schule, Leute zum Friseur. Das alles sollte schrittweise geschehen, sonst schnellen die Fallzahlen erneut sehr schnell nach oben. Wichtig ist, dass Risikogruppen weiter geschützt bleiben. Und da werden die Tests wichtig: Das Personal in Pflegeheimen und Krankenhäusern sollte konsequent durchgetestet werden, damit das Virus nicht unkontrolliert in die Einrichtungen eingeschleppt wird.

Nochmal zurück nach Mutterstadt. Was unsere Leser ebenfalls beschäftigt: Wie kommt man ohne Auto nach Mutterstadt? Wer Corona-Symptome zeigt, sollte ja wohl nicht in den Bus steigen ...?
Nein, wirklich nicht. Bitte nicht in den Bus steigen! Wer nicht fahren kann, weil er kein Auto hat oder sich nicht gut fühlt, kann den Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigung – die 116117 – anrufen. Dann ist ein Test auch zu Hause möglich.

Hoffentlich stirbt man nicht, während man versucht, an dieser Hotline durchzukommen. Mit solchen Behördennummern haben schon viele nicht die besten Erfahrungen gemacht.
Nein, das System ist optimiert worden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, beim Hausarzt anzurufen, der auch einen Test in die Wege leiten kann. Wem es ganz schlecht geht, sollte ohnehin die 112 wählen.

Wie lange dauert es, bis man Bescheid bekommt, wie ein Test ausgefallen ist ? Gibt es da unterschiedliche Informationswege oder ist das Verfahren standardisiert?
Die positiven Fälle bekommen wir gemeldet. Und wir verständigen die Betroffenen. Ich habe vorhin gesagt, im Idealfall haben wir die Telefonnummer. Das ist leider nicht immer der Fall. Bei der Fülle der Tests gehen Informationen schon mal verloren oder aber die Personalbögen sind unvollständig ausgefüllt. Dann beginnt eine oftmals sehr aufwendige Recherche, die viel Zeit kostet. Negative Ergebnisse bekommen wir nur zum Teil mitgeteilt. Da kommt es darauf an, wo und von wem jemand getestet wurde. Wenn wir negative Ergebnisse bekommen, geben wir das auch an die Testpersonen weiter, aber da kann es mal zu einer Verzögerung von einem Tag kommen, weil eben die positiv Getesteten vorgehen.

Wer negativ getestet wurde, kann aufatmen?
In der Regel. Aber das Ergebnis sollte immer noch mit einem Arzt besprochen werden, denn es kommt eben darauf an, wann und wie jemand getestet wurde. Ein gutes Beispiel ist unsere Bundeskanzlerin. Frau Merkel ist inzwischen drei Mal negativ getestet worden. Aber sie hat auch keine Symptome. Vorsichtshalber ist sie deshalb in Quarantäne geblieben.

Wie schützen sich die Mitarbeiter im Kreisgesundheitsamt, beziehungsweise, wie sind Sie derzeit aufgestellt, um den Betrieb aufrechterhalten zu können?
Wir arbeiten so gut es geht auf Abstand. Und wir halten selbstverständlich alle geltenden Hygieneregeln ein. Allerdings können wir nicht allzu viel im Homeoffice ausrichten. Wir müssen für unsere Aufgaben vor Ort sein. Das Gesundheitsamt ist eine zentrale Anlaufstelle. Für unser Team gilt demnach der Slogan: „Wir bleiben für euch hier – bleibt ihr bitte für uns zu Hause!“

Interview: Britta Enzenauer

Alexander Weber
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