Dannstadt-Schauernheim
Wenn die Räder nicht rollen
Umsatz im Juni 2019: 160.000 Euro, im Juni 2021: 12.000 Euro. Umsatz im April 2019: 110.000 Euro, im April 2021: 8000 Euro. Die Zahlen, die Walter Rau vorliest, dokumentieren die Entwicklung der vergangenen (Corona-) Jahre. Und auch, wenn es jetzt gerade wieder aufwärtsgeht, die Nachfrage steigt, Reisen und Ausflüge wieder möglich sind – davon könne sich sein Betrieb nicht mehr erholen, sagt der 72-Jährige.
Sein Betrieb, das ist die Reisebüro Star GmbH; hervorgegangen aus der Rau Touristik GmbH in Dannstadt. Ein Familienunternehmen, dessen Wurzeln auf Raus Vater Heinrich zurückgehen, der 1968 mit dem Kauf eines Mercedes-Omnibusses den Grundstein legte. Drei Jahre später stieg Sohn Walter, der ursprünglich in der BASF Maschinenbauer lernte und sich an der Abendschule zum Techniker fortbildete, nach seiner Bundeswehrzeit ein. Die Firma wuchs, die Busflotte vergrößerte sich auf bis zu 38 Busse, die im Reise- und im Linienverkehr, teilweise auch im Werksverkehr in der BASF etwa, unterwegs waren.
Busse verkauft
Der Linienverkehr läuft seit einigen Jahren mit gut 40 Bussen und ebenso vielen Fahrern unter dem Dach der Rau Verwaltungs GmbH unter Sascha Rau, Enkel des Firmengründers, am gleichen Standort in der Dannstadter Industriestraße. Den reinen Reisebetrieb jedoch, dem sich Walter Rau in „seiner“ Gesellschaft widmet, „hat Corona umgebracht“, wie der Senior es formuliert.
Über Monate standen die Räder still im Corona-Lockdown. Busreisen, Vereinsausflüge, Klassenfahrten, Tagesausflüge – nicht daran zu denken. Die Kosten liefen weiter. Auf 3500 Euro belaufen sich die Kosten für so einen Bus monatlich, sagt Rau. Wie erwirtschaften während des Stillstands? Die Finanzierungsgesellschaften habe Corona nicht interessiert, sagt Walter Rau. Er hat nach und nach einen Großteil seiner Busse verkauft, einen davon an seinen Sohn, den er nach Bedarf zurückmieten kann. Die Fahrer hat er an andere Unternehmen weitervermittelt, um keinen einfach so entlassen zu müssen, sagt er.
Nur ein Schreibtisch
Im großen Büro, wo einst vier Schreibtische fürs Büro-Personal standen, steht nur noch sein eigener Arbeitsplatz, „ich mache jetzt fast alles selbst, das ist schon stressig“. Im Vorraum sitzt Marita Stanger, die den Reisebürobetrieb managt – auch dieser auf ein Minimum zurückgefahren.
Einen großen Bus hat die Reisebüro Star GmbH noch, dazu zwei Achtsitzer-Kleinbusse und zwei Pkw für den Flughafen-Shuttle-Betrieb – der jetzt, nachdem Flugreisen wieder stattfinden können, wieder Fahrt aufgenommen hat. Fünf Aushilfsfahrer sitzen für Rau noch am Steuer, „alles Rentner so wie ich“, sagt Walter Rau und lacht. Der 72-Jährige setzt sich selbst ans Steuer, wenn Not am Mann ist. Rau hat sich über die Jahrzehnte Stammkunden erarbeitet, die ihm die Treue gehalten haben. Jetzt muss er aber auch mancher Anfrage absagen, weil er die Kapazitäten nicht mehr hat – und sie sich nicht mehr leisten kann.
Den letzten übrig gebliebenen großen Bus will Rau zum Ende des Jahres ebenfalls verkaufen. Ob er selbst ganz aufhören wird – „das kann ich jetzt noch nicht sagen“. Vielleicht werde er mit einem kleinen Bus und dem Flughafen-Shuttle weitermachen – „ganz gemütlich“, sagt er lachend. Seine gute Laune hat der Dannstadter nicht verloren.