Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn der Lieblingskaffee im Versand-Nirwana entschwindet

Mit „Paketstation gestört“ nahm das Unheil seinen Lauf.
Mit »Paketstation gestört« nahm das Unheil seinen Lauf.

Die Paketboten sind meistens schneller als ich. Obwohl ich in Erwartung einer Lieferung nur noch angezogen und mit Laufschuhen an den Füßen schlafe, gelingt es mir nicht, in weniger als zehn Sekunden die Treppe zwei Stockwerke runter und 20 Meter durch den Hof zum Hoftor zu schaffen. Direkt aus dem Dachfenster springen, hatte ich schon erwogen, schien mir aber wegen der vielen Passanten auf dem Gehsteig zu gefährlich für Unbeteiligte. Also habe ich eine Umleitung der Pakete in eine Packstation online geschaltet.

Die Packstation hat auch meistens funktioniert. Jüngst jedoch gewann ich den Eindruck, dass der Paketdienst an Zuverlässigkeit und Kompetenz auf Augenhöhe mit der Deutschen Bahn liegt. Da war die Packstation kaputt, was aber nicht unnötig publik gemacht wurde. Diese Situation ist für mich allerdings dramatisch, denn ich hatte bei einem Importeur 2,5 Kilo meines französischen Lieblingskaffees bestellt. Es ist allgemein bekannt, dass im Körper eines Journalisten gut die Hälfte des Kreislaufs aus Kaffee besteht. Bei Kulturjournalisten wird die andere Hälfte von Medizinern meist als „Grand Cru“ nach Jahrgang diagnostiziert.

Der Importeur teilte mir den Versand samt Sendungsnummer mit. Kurz darauf informiert der Paketdienst: „Die Packstation ist gestört, die Sendung kommt an Ihre Hausadresse.“ Ich wartete, ständig auf dem Sprung. Nach 14 Tagen roch ich etwas komisch – ich konnte ja nicht duschen, denn natürlich wartete der Paketbote nur darauf bis ich eingeseift war, um seinen „Sie waren nicht zu Hause“-Zettel einzuwerfen. Es kam kein Paket. Nachfrage beim Versender. Der schreibt: „Paket ist raus.“ Die Sendungsverfolgung des Paketdienstes sagt: „Paket wurde angekündigt. Wir haben kein Paket.“ Ich warte noch eine Woche. Nichts Neues. Der Versender sagt: Ich kann nichts machen, fragen sie den Paketdienst. Auf der Website des Paketdienstes klicke ich mich durch alle Menüpunkte und lande bei: Haben Sie online bestellt, fragen Sie den Online- Shop. Als Empfänger kann man keine Vermisstenanzeige fürs Paket aufgeben.

Ich rufe die Hotline des Paketdienstes an. Für die Maschine am anderen Ende muss ich auch nur drei Mal die 20-stellige Sendungsnummer eingeben. Die Maschine versichert mir, dass mir „schnellstmöglich“ geholfen werde. Leichte Musik dudelt los. Es sind drei Akkorde in E-Dur. Und um „schnellstmöglich“ zu überbrücken, stelle ich das Telefon auf laut und nehme meine Gitarre, um zu der Warteschleifenmusik zu üben. Kaum dass ich 25 Minuten Fingerübungen in E-Dur gemacht habe, meldet sich auch schon eine freundliche Frau. Ob sie ihren Namen gesagt oder heftig geniest hat, kann ich nicht sagen. Sie spricht mit einem sehr starken Akzent. Ich klage ihr langsam und deutlich mein Leid und sage, dass der Versender nicht tätig wird. Sie sagt, ich müsse mit dem Versender sprechen. Ich sage, der kümmert sich nicht. Sie sagt, ich müsse mit dem Versender sprechen. Sie wiederholt auch beim dritten Mal Wort für Wort, was sie gesagt hat. Ich bin nicht mehr sicher, ob ich mit einem Menschen spreche. Womöglich gibt es schon Roboter mit Akzent. Die Frau sagt dann, ich soll online ...

Ich radle in die Filiale des Paketdienstes. Tatsächlich treffe ich dort zwei menschliche und ausgesprochen freundliche Mitarbeiterinnen. Die beiden sind ganz offensichtlich leidgeprüft, denn ohne Anzeichen von Überraschung erkennen sie die Sackgasse. Eine hat eine Idee. Sie kommt mit einem Formular zurück. „Ich habe hier einen Nachforschungsauftrag. Füllen Sie den aus. Wir schicken das per Brief.“ Dann sagt sie: „Wir sollen das eigentlich alles online machen, aber das geht ja bei Ihnen nicht.“ Dann seufzt sie und sagt: „Ich weiß wirklich nicht, ob die an der zuständigen Stelle noch Briefe öffnen. Ich drücke Ihnen die Daumen.“

Um dem drohenden Koffeinmangel zu begegnen und als Trost-Trunk, schickte mir der Kaffeeimporteur ein Päckchen einer anderen Marke mit demselben Paketdienst. Ich habe schnell die Umleitung über die Packstation abgestellt. Kurz nach der Versandbestätigung bekomme ich vom Paketdienst die Nachricht „Ihr Paket kommt schneller als erwartet“. Ich habe das Gefühl, jemand will mich in den Wahnsinn treiben. Ich schlafe seither wieder angezogen.

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