Interview
Was muss ein guter Landrat können? Einer weiß, wie es geht
Herr Schröter, der Rhein-Pfalz-Kreis – früher Landkreis Ludwigshafen – wird oft als schwarzer Landkreis bezeichnet. Trotzdem konnten Sie hier 2001 bei der ersten Urwahl des Landrats als SPDler gewinnen. In der Stichwahl holten Sie 55,2 Prozent der Stimmen. Was war da los?
Ich war vorher erfolgreicher Ringer in Schifferstadt, Olympiateilnehmer, Vize-Weltmeister und Vize-Europameister und war deshalb als Sportler bekannt. Die Leute wussten auch, dass ich bei der Stadt Ludwigshafen Leiter des Sport- und Bäderamts war. Meine Vermutung ist daher: Ich war bekannt und hatte Verwaltungserfahrung, deshalb wurde ich gewählt. Gegenkandidat Michael Elster von der CDU war damals Kreisbeigeordneter, wurde aber weniger gemocht.
Popularität spielte also damals eine wichtige Rolle?
Sie spielt immer eine wichtige Rolle.
Wie kam es dazu, dass Sie als Ludwigshafener in den Kreis wollten?
Ein Parteifreund von mir kam auf mich zu, er wusste natürlich, dass ich im Landkreis bekannt bin. Das war Roland Härtel aus Speyer, damals Staatssekretär in der Landesregierung. Er fragte mich, ob ich nicht die Nachfolge von Landrat Ernst Bartholomé antreten möchte.
Wie lange waren Sie da schon in der SPD?
Schon zu Beginn der 1960er war ich in der Partei, als ich noch in Haßloch gelebt habe. Im Nachwuchsbereich war ich erfolgreich als Ringer und wurde vom damaligen Bürgermeister Kurt Flockert geehrt. Der fragte mich, ob ich nicht, weil ich bereits damals Mitarbeiter in der SPD-regierten Stadt Ludwigshafen war, in die Partei eintreten wolle.
Und wie haben Sie Anfang der 2000er-Jahre reagiert, als Härtel Sie um die Kandidatur für das Landratsamt bat?
„Roland, das ist doch nichts für mich“, habe ich gesagt. Dann hat er mich überredet.
Bereut haben Sie das aber nicht?
Nein, das war absolut richtig. Es war eine positive berufliche Veränderung für mich. Ich sage immer, ich habe in meinem Leben eigentlich nur Glück gehabt. Das fing schon früh an: Ich bin in Ostpreußen geboren, meine Mutter ist mit fünf Kindern erfolgreich über die Ostsee geflüchtet. Schon das war Glück. Wir haben zunächst in der Nähe von Sankt Peter-Ording gewohnt. Meine älteren Geschwister hatten dort aber keine Arbeit gefunden, weshalb wir beantragten, nach Rheinland-Pfalz gehen zu dürfen. Zuerst waren wir in der Nähe von Meisenheim am Glan, später zogen wir nach Haßloch.
Wie haben Sie dann Wahlkampf gemacht?
Meine Plakate hießen „Landrat mit Herz“ und dann kam, etwas später, mein Gegenkandidat mit seinen Plakaten: „Landrat mit Herz – und Verstand“ (lacht). Michael Elster war schon immer ein kluger Jurist, es hatte ihm bei dieser Wahl aber nicht geholfen.
Blicken Sie heute mit Wehmut auf Ihre Zeit als Landrat zurück?
Oftmals, ja. Das waren acht schöne Jahre, natürlich mit viel Verantwortung, und ich musste rund um die Uhr vor Ort sein. Ich musste ständig ansprechbar sein.
Trotzdem haben Sie 2009 nicht für eine zweite Amtszeit kandidiert.
Ich war zum Zeitpunkt der Wahl noch 64 Jahre alt, hätte also gewählt werden dürfen. Hätten mich die Bürger wiedergewählt, wäre ich jedoch bis zu meinem 73. Lebensjahr Landrat geblieben. Das war mir zu viel. Wäre ich bei meiner ersten Wahl jünger gewesen, wäre ich bestimmt noch einmal angetreten.
Gibt es da auch Raum für Selbstkritik, wenn Sie heute auf Ihre Zeit als Landrat zurückblicken? Hätten Sie etwas anders gemacht?
Ich glaube, dass ich alles richtig gemacht habe oder es zumindest versucht habe.
Welche Qualitäten muss denn jemand mitbringen, um als Landrat einen guten Job machen zu können?
Ganz wichtig ist es, führen und delegieren zu können und Mut zum Delegieren zu haben und nicht zu denken, dass man alles selbst machen muss. Man sollte den Aufbau der Verwaltung kennen und sie leiten können. Das gilt auch für Sitzungen. Das sind alles Dinge, die ich schon vor meinem Amtsantritt als Landrat gemacht hatte. Als Leiter des Sport- und Bäderamts hatte mir der ehemalige Ludwigshafener Oberbürgermeister Werner Ludwig vollkommen freie Hand gelassen. Ich habe damals schon agiert wie ein Politiker und war in vielen Veranstaltungen, zu denen normalerweise ein Dezernent geht. Deswegen war das für mich keine große Umstellung.
Was steht denn noch auf Ihrer Qualitätenliste?
Man sollte wissen, dass man nie Feierabend und auch am Wochenende Dienst hat, immer ansprechbar sein muss. Man sollte Spaß an der Öffentlichkeit haben, präsent und kommunikativ sein und eine gewisse Ausstrahlung haben. Und man sollte wissen, dass der Landrat der Vorsitzende des Verwaltungsrats der Sparkasse ist. Da braucht es auch ein gewisses Wissen, sonst wird man schnell über den Tisch gezogen. Mir half damals Jürgen Creutzmann von der FDP, wenn ich Fragen hatte. Hochdeutsch zu können, ist ebenfalls wichtig. Meine Mutter hatte ihr ganzes Leben lang nur Hochdeutsch gesprochen. Was manchen unheimlich schwerfiel, war für mich deshalb kein Problem.
Was ist denn wichtiger als Landrat: die zwischenmenschliche Kompetenz oder das Verwaltungswissen?
Beides ist gleichermaßen wichtig.
Wie hilfreich ist es, die Gemeinden vorab zu kennen?
Man sollte die Gemeinden kennen, aber so richtig kennenlernen wird ein Landrat die meisten erst in seiner Amtszeit.
Es gibt so viele Kandidaten wie noch nie für diesen Landkreis. Aus demokratischer Sicht ist das positiv zu bewerten, oder?
Ich finde, es war einfacher – auch für die Wähler – als es nur drei Kandidaten gab, wie zu meiner Zeit. Jetzt gibt es zu viel Zersplitterung.
Welches Problem wären Sie angegangen, wenn Sie heute Landrat wären?
Ein Problem, dass mich auch sehr beschäftigt hätte, ist der Neubau der Kreisverwaltung in Schifferstadt. Ich bin von Grund auf der Meinung, dass die Verwaltung einer Gebietskörperschaft auch in diese Gebietskörperschaft gehört. Deswegen ist die Verlagerung nach Schifferstadt eigentlich richtig. Nachdem aber verkehrspolitisch Ludwigshafen viel besser liegt als Schifferstadt – wenn ich nur an die Erreichbarkeit von Süden und Norden und Westen denke – dann läuft alles nach Ludwigshafen. Deswegen wäre es schwierig für mich zu entscheiden, dass wir nach Schifferstadt gehen.
Die Kreisverwaltung argumentiert gegen Ludwigshafen mit Platzproblemen, dem Parkplatzangebot und den Baustellen.
Im Moment ist es natürlich schwer. Die Kreisverwaltung hat aber auch einen großen Innenhof. Man hätte das Kreishaus auch nach innen erweitern können, um Platzprobleme zu lösen.
Dazu kommt die Diskussion, ob es gut sei, in einen Neubau zu ziehen, in welchem der Kreis dann nur Mieter ist.
Das heutige Kreishaus wurde nach seinem Bau ebenfalls an die Kreisverwaltung vermietet. Als ich als Landrat anfing, war der Kreis Mieter. In meiner Zeit hat der Kreistag dann entschieden, das Gebäude zu kaufen.
Erinnern Sie sich noch an eine Besonderheit aus Ihrer Amtszeit?
Ich sage immer scherzhaft, ich war Landrat in zwei Kreisen: Landkreis Ludwigshafen und Rhein-Pfalz-Kreis (lacht). Den Kreis umbenennen, das wollten schon meine CDU-Vorgänger Paul Schädler und Ernst Bartholomé. Es scheiterte aber immer an der Unterstützung der SPD. Ich habe einige SPD-Kreistagsmitglieder bearbeitet, und dann waren sie dabei.
Warum wollte man den Kreis überhaupt umbenennen?
Jedes Kind hat seinen eigenen Namen. Die frühere Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse hatte mich damals zum Gespräch gebeten und mir gesagt, ich könne das doch nicht machen, weil es dann weniger LU-Kennzeichen an den Autos geben würde. Konnten wir doch.
Was zeichnet den Kreis Ihrer Meinung nach aus?
Mein Amtsvorgänger Ernst Bartholomé hatte an den Zufahrtsstraßen zum Kreis Schilder mit Gemüseköpfen aufstellen lassen. Aus diesen Schildern habe ich dann den Zusatz gemacht „Gemüsegarten Rhein-Pfalz“. Das war meine Idee.
Ihr Nachfolger Clemens Körner hat im Sommer-Interview der RHEINPFALZ gesagt, viele Leute wüssten heutzutage gar nicht, was ein Landrat macht. Sehen Sie das auch so?
Die Leute, die im Landkreis wohnen, die wissen das ganz genau. Weil sie nämlich die Kfz-Zulassungsstelle kennen, die Abfallbeseitigung und die weiterführenden Schulen. Das sind Aufgaben, die nicht gering sind. Die Leute sind sich bewusst, dass der Landkreis für die überörtlichen Aufgaben zuständig ist.
Welchen Ratschlag würden Sie dem künftigen Landrat oder der künftigen Landrätin mitgeben?
Zuhören, was die Menschen bewegt, und rausgehen zu den Leuten und nicht im goldenen Käfig sitzen. Nicht nur mit den Bürgermeistern sprechen, sondern auch mit den Bürgern.
Zur Person
Werner Schröter (80) lebt heute mit seiner Ehefrau Ingrid (78) in deren Elternhaus in Ludwigshafen-Oppau. Zusammengerechnet kommt das Ehepaar auf drei Kinder, vier Enkel und drei Urenkel. Der ehemalige Ringer Schröter war von 2001 bis 2009 Landrat im Rhein-Pfalz-Kreis und ist Vorgänger des noch amtierenden Landrats Clemens Körner (CDU). Nach seiner Pensionierung war Schröter von 2010 bis 2016 Vize-Präsident des Landessportbunds Rheinland-Pfalz. Beisitzer im SPD-Ortsverein Oppau ist Schröter noch immer.
