Mutterstadt
Was die große Liebe mit einer geklauten Handtasche zu tun hat
„Wir waren auf der Mutterstadter Kerwe. Da haben wir uns dann kennengelernt“, schildert Volker Bereswill kurz und bündig, wie er im August 1962 seine Doris zum ersten Mal traf. „Wir haben getanzt“, bestätigt die 80-Jährige. Da die junge Frau damals allerdings recht schüchtern war, hätte es auch passieren können, dass es bei dieser einen Begegnung geblieben wäre. Doch Bereswill, der zu dieser Zeit als Bundeswehrsoldat in Wetzlar stationiert war, griff zu einer List: „Ich habe sie nach Hause gebracht und ihr die Handtasche geklaut.“
Natürlich ging es dem damals 22-Jährigen nicht um den Inhalt der Tasche. Vielmehr wollte er einen Vorwand haben, seine Tanzpartnerin wiederzusehen. Und sein Plan ging auf: Als er ihr die Tasche am nächsten Tag gebracht habe, hätten sie sich für den Abend erneut verabredet. Danach mussten sie ihre Beziehung jedoch lange vor allem per Post führen, weil Volker Bereswills Gesuch um Versetzung nach Speyer erst im September 1964 Erfolg hatte.
Die Eltern gefoppt
Kurz darauf habe sein Spieß ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Abfindung zum Ende der Dienstzeit für Verheiratete 2000 Mark mehr betrage. „Das war ein halber VW-Käfer“, ordnet Bereswill diese Summe ein. Heiraten wollte das Paar ohnehin, wenn auch erst im August des folgenden Jahres. Und so beschlossen die beiden, den Termin vorzuverlegen, um sich die höhere Abfindung nicht entgehen zu lassen.
„Dann haben wir es unseren Eltern beigebracht – schonend“, berichten die Eheleute, wobei ihr spitzbübisches Lächeln verrät, dass es nicht ganz so schonend war. „Wir haben gesagt, wir müssen heiraten“, verrät Volker Bereswill. Wohl wissend, dass die Eltern dahinter zunächst einen anderen Grund vermuten würden. Ein Scherz, der dem Paar bis heute sichtlich Vergnügen bereitet.
Geheiratet wurde am 23. Januar 1965 in Mutterstadt, wo Doris Bereswill mit ihrer Familie seit der Geburt lebte. Volker Bereswill wurde in Ludwigshafen geboren, verbrachte die ersten Lebensjahre in Oberbayern, kam aber im Alter von sechs Jahren zurück in die Pfalz. Eigentlich hätte sich das spätere Paar schon viel früher begegnen müssen, denn eine Freundin von Doris wohnte nur zwei Häuser von Familie Bereswill entfernt. Doch erst als der gelernte Laborfachwerker sich für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete und in die Ferne zog, lernten sie sich kennen.
Doris Bereswill war im Lebensmitteleinzelhandel tätig. „Verkaufen hat mir Spaß gemacht“, sagt die Hauswirtschaftsmeisterin. Volker Bereswill arbeitete zunächst im Chemie-Betrieb Giulini in Ludwigshafen, wechselte aber später in die Versicherungsbranche. Lebensmittelpunkt des Paares, das zwei Söhne bekam, blieb seit der Hochzeit Volker Bereswills Elternhaus in Mutterstadt, das um einen Anbau erweitert wurde.
Ein verfrühtes Geschenk
Als ehemaliger langjähriger Vorsitzender des Athleten-Clubs 1892 Mutterstadt ist Volker Bereswill auch im gesellschaftlichen Leben Mutterstadts fest verankert. „Da muss ich meiner Frau danken, dass sie immer mitgemacht und mitgeholfen hat“, betont der 85-Jährige. Zusammen hat das Paar auch im Kirchenchor gesungen. Viel Freude hatten sie zudem an gemeinsamen Reisen mit dem Wohnwagen. Vor allem der Bayerische Wald hat es ihnen angetan.
Heute genießen sie es, mittags essen zu gehen oder sich etwas liefern zu lassen. „Ich will nicht mehr kochen“, erklärt Doris Bereswill. Und beide sind sich darin einig, dass es an der Zeit ist, es sich so angenehm wie möglich zu machen. Überhaupt ist Einigkeit wohl das Geheimnis ihrer nunmehr 60 Jahre währenden Ehe. „Wir haben immer alles zusammen geplant und gemacht“, sagt Volker Bereswill. Und seine Frau ergänzt, dass es sehr wichtig sei, sich gegenseitig zu achten.
Das sei ihnen gelungen, und so können sie nun in Zufriedenheit mit der Familie ihre Diamantene Hochzeit feiern. Das beste Geschenk haben sie allerdings schon rund zwei Wochen vorher bekommen: Da erblickte ihre zweite Urenkelin das Licht der Welt.