Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Was die Corona-Pandemie mit einer Kreuzfahrt und Klippen aus glitzernden Bastelfarben zu tun hat

Den Asphalt als Leinwand nutzen in der Krise viele Kinder, die ihre Malkreiden ausgepackt haben.
Den Asphalt als Leinwand nutzen in der Krise viele Kinder, die ihre Malkreiden ausgepackt haben.

Auf den Straßen und Spielplätzen tummeln sich endlich wieder Kinder. Nach zehn Wochen Isolation sogar mehr als je zuvor. Der Kurpfalzplatz in Bobenheim-Roxheim gleicht einer Spielstraße.

Mit Rollschuhen, Springseilen und Malkreide ausgerüstet, erobern Kinder sich die Welt rund um das Eiscafé und den Brunnen vor der Bücherei zurück. Weil Fußballtraining, Klavierstunden oder Schule am Nachmittag ausfallen, haben sie viel Zeit dafür. Ein Stück unbeschwerte Kindheit, die nach warmen Asphalt und vertropften Zitroneneis riecht. Das sind die idyllischen Seiten der Pandemie.

Die weniger schönen verschwinden deswegen aber nicht. Arbeiten mit Kindern zu Hause bleibt weiterhin kräftezehrend. Meine Vierjährige hat sich kürzlich während eines Telefonats ins Arbeitszimmer geschlichen, sich hinter meinen Rücken auf den Stuhl gequetscht und dabei lautstark in mein Ohr gerufen. „Ich dachte, du telefonierst mit der Arbeit?“ Offensichtlich war sie erstaunt, dass ich mich nicht, wie sonst üblich, mit vollem Körpereinsatz von Innen gegen die Tür des Zimmers geschmissen habe. „Ich telefoniere auch mit der Arbeit. Aber diese Arbeit hat selbst Kinder“, erkläre ich Kind 2 meine unübliche Gelassenheit.

Die Szene enthüllt eine wichtige Wahrheit: Die Pandemie teilt uns alle in Gruppen ein, und die wenigsten sitzen im gleichen Boot. Die einen steuern es gemeinsam mit Kindern durch die Fluten, die anderen mit Sorgen um ihre Existenz oder die Gesundheit vorerkrankter Verwandter. Dabei ärgert vor allem, dass manche, in deren Leben sich kaum etwas geändert hat und die damit – bildlich gesprochen – das Glück hatten, einen Platz auf einem Kreuzfahrtschiff zu ergattern, sich nun beschweren, dass das Shuffle-Board ein paar Tage geschlossen bleibt oder sie es nur mit Maske nutzen können.

In unserem Boot wurde letzte Woche viel gebastelt, schließlich stand der Vatertag an. Zum Muttertag habe ich mich noch geweigert, mir unter Mithilfe des Nachwuchses selbst ein Geschenk herzustellen. Lieb gemeinte Vorschläge hatte die Klassenlehrerin meiner siebenjährigen Tochter ins virtuelle Klassenzimmer eingestellt. Neben Homeoffice und Homeschooling ist mir dafür aber irgendwo der Elan abhandengekommen. Für den Gatten packe ich allerdings Kleber, Schere und Glitzerfarben aus. Erwähnte ich, dass sich das Gen für künstlerische Unfähigkeit in unserer Familie dominant vererbt? Ich wette, mein Mann hat am Vatertagsmorgen die Erzieherinnen und Lehrerin unserer Töchter genauso vermisst wie ich zuvor beim Basteln. Wir zählen also die Tage bis Kindergarten und Schule wieder öffnen. Bis dahin paddeln wir weiter in unserem Boot und hoffe, dass missglückte Bastelprojekte die größten Klippen bleiben, die wir umschiffen müssen.

Vera Barth
Vera Barth
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