Bobenheim-Roxheim
Warum zwei junge Frauen Presbyterinnen geworden sind
Eva Voigt ist der „Shooting Star“ der Presbyteriumswahl, sagt Pfarrer Ralf Hettmannsperger. 451 Stimmen von rund 890 Wählern hat sie im November bei der Wahl in der protestantischen Kirchengemeinde in Bobenheim-Roxheim bekommen. Mehr als jeder Zweite hat ihren Namen auf der Liste angekreuzt – und das, obwohl er auf der alphabetisch geführten Liste ganz unten stand.
Wählen konnten sie aus 19 Kandidaten, davon elf Frauen, die für die zehn Plätze im Presbyterium angetreten sind. Und Voigt hat einen davon ergattert. Gerechnet hat die freiberufliche Diplompsychologin mit so einem guten Ergebnis nicht, erzählt sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Ganz von ungefähr kommt es aber wohl nicht: In den vergangenen Jahren hat die 39-Jährige bereits ehrenamtlich im Martin-Luther-Gemeindehaus geholfen. Und ein bisschen Presbyteriumsluft schnuppern konnte sie schon: In der vergangenen Amtszeit war Voigt für ein anderes Mitglied nachgerückt.
Entscheiden über Finanzen, Kita und Gottesdienste
Auch Carina Haag ist überrascht über ihr Wahlergebnis. 427-mal wurde bei ihrem Namen ein Kreuz gesetzt. Damit bekommt auch sie einen Sitz im Presbyterium, das zusammen mit dem Pfarrer in den nächsten sechs Jahren das Geschehen in der Kirchengemeinde lenken muss. „Die Wähler wollten vielleicht mal frischen Wind reinbringen und haben deshalb jemand Junges gewählt“, versucht sich die 33-jährige das überraschende Ergebnis zu erklären. Die Leiterin der protestantischen Kita Löwenzahn ist im Ort aufgewachsen und freut sich schon auf ihr neues Amt.
Die Richtung der Kirche mitentscheiden
Wieso haben sich die beiden aber überhaupt aufstellen lassen? „Ich finde es toll, dass ich in meinem Amt Einfluss nehmen kann, in welche Richtung die Kirche geht“, erklärt Eva Voigt. Das Presbyterium trifft alle wichtigen Entscheidungen für eine Kirchengemeinde vor Ort: etwa, wie viel Geld für die Kirchengebäude ausgegeben wird, wie viele Erzieher für die protestantische Kita eingestellt werden, was mit der Kirchensteuer gemacht wird, wann Gottesdienste oder Kirchenfeste stattfinden. Um allen ihren Aufgaben nachzukommen, treffen sich die Mitglieder einmal im Monat – zumindest ohne Corona-Pandemie.
Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellen
Neben der Möglichkeit, das Gemeindeleben zu gestalten, reizt die beiden Frauen aber auch etwas anderes am Presbyteramt: „Es ist schön, ein Teil dieser netten und tollen Gemeinschaft zu sein“, sagt Carina Haag. In der Vergangenheit habe sie bereits gemeinsam mit dem protestantischen Kindergarten bei der Gestaltung von Kirchenfesten und Familiengottesdiensten mitgeholfen. „Die Kirche ist, worauf sich die Gemeinschaft aufbaut und vielleicht auch manchmal wieder zurückbesinnen sollte“, findet die 33-Jährige.
Als Erzieherin und Kita-Leiterin liege ihr vor allem die Arbeit mit Kindern am Herzen. In ihrem neuen Amt will Haag dazu beitragen, dass diese Zusammenarbeit auch weiterhin so gut laufe. Generell seien ihr die christlichen Werte privat wie beruflich sehr wichtig, weshalb sie diese auch an die jüngere Generation weitergeben möchte.
Wahlbeteiligung diesmal sehr hoch
Dass die Wahlbeteiligung diesmal so hoch war – mit rund 36 Prozent lag sie fünf Prozent über der Wahlbeteiligung im Jahr 2014 – könnte genau an diesem Gefühl von Gemeindeleben liegen, mutmaßt Voigt. Außerdem wird es die letzte Amtszeit von Pfarrer Hettmannsperger sein. „Die hohe Wahlbeteiligung ist ein Kontrast zur allgemeinen Tendenz und zeigt, dass die Arbeit in unserer Kirchengemeinde so falsch nicht sein kann“, glaubt Voigt. Sie meint, dass das Wahlergebnis im Gegensatz zu der Prognose, dass die Stellung der Kirche in der Gesellschaft immer mehr abnehme, ein klares Statement setze.
Nächste Aufgabe: Die Reparatur des Kirchenturms
Viel konnte das neue Presbyterium wegen der Corona-Pandemie und den Kontaktbeschränkungen allerdings noch nicht tun. In der ersten Sitzung wurde lediglich die Absage des Weihnachtsgottesdienstes beschlossen, berichten die jungen Frauen. „Es ist ein Zeichen der Liebe, da jetzt auf Abstand zu gehen“, meint Voigt.
Den ganzen Januar über konnten ebenfalls keine Gottesdienste stattfinden. Auf den traditionellen Gottesdienst, bei dem das neue Presbyterium eingeführt und das alte entlassen wird, müssen die beiden Frauen ebenfalls noch warten.
Große Aufgaben stehen dennoch schon an, etwa die Entscheidung über die Reparatur des Kirchturms. „Ich freue mich schon sehr darauf, wenn das Kirchenleben hoffentlich bald wieder Fahrt aufnehmen kann“, sagt Voigt und will optimistisch bleiben.