Römerberg
Warum Heiligensteiner einen fast vergessenen Heiligen verehren
Keine Frage: Die Heiligensteiner Kirche ist aus kirchenhistorischer Sicht nicht nur das bedeutendste Gotteshaus der Gemeinde Römerberg, sondern auch das älteste sakrale Bauwerk in der heutigen Großgemeinde. Schon in früherer Zeit war die Kirche von überörtlicher Bedeutung, denn sie war Mutterkirche von Berghausen, Mechtersheim und zeitweise auch Dudenhofen. Vermutlich auch von den Wüstungen Marrenheim und Winternheim. Ja selbst die Katholiken von Lingenfeld waren zeitweise hier eingepfarrt. Der heutige Standort des Gotteshauses geht gesichert bis aufs Jahr 1364 zurück, wenngleich in den vergangenen Jahrhunderten aufgrund von Kriegen und Zerstörungen immer wieder Neubauten und Umbaumaßnahmen erfolgten.
In diesen Tagen feiert nun die Pfarrgemeinde den 1500. Todestag ihres Kirchenpatrons mit Namen Sigismund, eines Burgunderkönigs zu Beginn des 6. Jahrhunderts. Sein Patrozinium in Heiligenstein ist einmalig in der gesamten Diözese Speyer. Dieser Heilige hat bis in unsere Tage kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Das Wissen um und über ihn, ist nur wenigen erschlossen. Im ganzen süddeutschen Raum findet man wenige Gotteshäuser mit ihm als Patron.
Verwechslungsgefahr mit gleichnamigem Kaiser
Die Antwort auf die Frage, weshalb man ausgerechnet Sigismund als den Patron der Heiligensteiner Kirche wählte, ist unklar. Erst seit einigen Jahren ist durch einen Erbbestandsbrief über das sogenannte ehemalige „Kauffengut“ zu Heiligenstein aus dem Jahr 1476 der älteste Hinweis dazu bekannt. So mancher bringt den Heiligensteiner Kirchenpatron irrigerweise in Verbindung mit Kaiser Sigismund, dem „Vater“ des Konzils in Konstanz im 15. Jahrhundert. Vielleicht kommt dieser Aspekt daher, weil bei der umfangreichen Kirchenvisitation im Jahre 1583/84 – darunter auch in Heiligenstein – der damalige Visitator Beatus Moses das Altarbild des Patrons als „Kaiser Sigismund“ deutete.
Wir können heute davon ausgehen, dass das Patrozinium der Zeit Kaiser Karls IV. (1316 bis 1378), eines großen Förderers der Sigismundverehrung, entstammt. So ließ der Monarch seinen dritten Sohn auf den Namen Sigismund taufen. Bischof Lambert von Born (1364 bis 1371) war ein enger Vertrauter des Kaisers. Auffällig ist, dass dieser Zeitraum in den für 1364 belegten Heiligensteiner Kirchenbau fällt, was ein nahezu 700-jähriges Patrozinium bedeuten würde. 1365 weilten Kaiser und Bischof in Speyer. Da ist es denkbar, dass es aus diesem Anlass in Heiligenstein ein Wechsel des Patroziniums zu Ehren von Sigismund gegeben hat.
Zerstörung und Aufbau
Die Heiligensteiner Kirchenchronik nennt das 1512 erwähnte Gotteshaus dem Heiligen Sigismund geweiht, obgleich sich bislang hierzu kein Beleg findet. Im sogenannten „Fürstenkrieg“ von 1552 wurde nicht nur der Pfarrhof in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch die Kirche. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die instandgesetzte Kirche erneut schwer beschädigt, wenn nicht gar völlig zerstört. Für die folgenden Jahrzehnte sind Reparaturarbeiten überliefert. 1686 stiftete Heinrich Peville der Heiligensteiner Kirche eine Figur des Heiligen Sigismund. Anfang des 18. Jahrhunderts erwähnen die Speyerer Domkapitelprotokolle einen Kirchenbau. 1746 wird das kleine Kirchlein wieder als sehr ruinös bezeichnet, besonders über dem Chor.
Rechnungen aus der Zeit von 1770 bis 1780 dokumentieren die Errichtung eines schlichten Zweckbaus aus der Übergangszeit vom Barock zum Klassizismus. Die Konsekration der neuen Kirche erfolgte im Jahr 1787. Das fertiggestellte Gotteshaus war nun Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins und Wohlstandes. Die St. Sigismund Kirche aus jener Zeit steht noch immer. 1971 wurde sie renoviert und erweitert.
Es ist ein Verdienst des ehemaligen Pfarrers Monsignore Otto Kern, dass heute wieder in gewisser Weise eine Sigismundkultur in Heiligenstein herrscht. Auf ihn gehen unter anderem die Initiativen zu zwei umfangreichen Festschriften zurück, aber auch zu einem Altarblatt am Hochaltar, „Kreuzabnahme mit dem heiligen Sigismund“, sowie einer überlebensgroßen Statue nach Vorlage der alten Figur von 1686 in der seit Fertigstellung der Kirche leerstehenden Turmnische und einem Sigismund-Lied. 1977 erhielt die Gemeinde von der bei Straßburg gelegenen Sigismund-Pfarrei Matzenheim von der dort aufbewahrten oberen Hirnschale des Heiligen ein Reliquienpartikel als Geschenk.
Zur Sache: Gedemütigt und rehabilitiert
Sigismund war von 516 bis 523 König von Burgund. Beim Volk äußerst beliebt, wusste er durch Volksnähe, Gerechtigkeitssinn und eine kluge Amtsführung geordnete Verhältnisse im Land herbeizuführen. Der Kirche verhalf er durch eine enge Bindung mit den Bischöfen zu einer segensreichen Entwicklung inklusive Klostergründungen.
Der Herrscher konvertierte vom Arianismus zum Katholizismus. Dies hatte die Ablösung des Arianismus als Staatsreligion zur Folge. Ein dunkler Schatten auf seiner Biographie ist die von Sigismund angeordnete Erdrosselung seines Sohnes Siegerich anno 522 aufgrund falscher Anschuldigungen, was für ihn härteste Bußen über Jahre nach sich zog. Aufgrund seiner strengen Buße und vieler erlittener Bedrängnisse und Demütigungen, nicht zuletzt auch infolge seinen gewaltsamen Todes durch den damals noch heidnischen Frankenkönig Chlodomir (um 495 bis 524), haben ihn die Gläubigen dennoch rehabilitiert und bald sogar als Heiligen verehrt. Zahlreiche Wunder sollen an seinem Grab geschehen sein.
Durch die Kirche hat er offiziell einen festen Platz im Heiligenverzeichnis zugewiesen bekommen. Starke Verbreitung fand der Sigismundkult schon im Mittelalter und dann wieder im Spätmittelalter in den Alpenländern, in der Schweiz, in Tirol, Oberitalien, Savoyen und schließlich in Böhmen und Polen. Sein Todestag ist der 1. Mai. Wegen konkurrierender Heiligengedächtnisse wird sein Gedenktag jedoch am 2. Mai begangen.lob