Rhein-Pfalz Kreis „Warum hast du mir das angetan?“

Bobenheim-Roxheim. „An den Wassern zu Babel, da saßen wir und weinten ...“ singen Boney M. Das Lied wird auf Partys heruntergedudelt und klingt nicht nach einem Psalm, der an der Klagemauer gebetet wird. Übersehen wir die Psalmen in unserem Alltag? Psalmen wurden tatsächlich in unzähligen Kirchenliedern und klassischer Musik vertont. Die Texte stammen aus der jüdischen Tradition und sind über 3000 Jahre alt. Trotzdem haben sie ihre Kraft über die Jahrhunderte bewahrt. Auch wer mit Religion nichts am Hut hat, spürt, dass Psalmen Lebenslieder sind. Warum strahlen sie so eine Kraft aus? Psalmen sprechen zugleich Herz, Gefühl, Verstand und Körper an. Lebenserfahrung wird darin auf poetische Weise in Worte gefasst. Und zwar die ganze Bandbreite des Lebens: Freude, Dank, Jubel, Klage, Schmerz, Depression bis hin zum Zorn. Ein gläubiger Mensch wendet sich an Gott und bittet um Zuspruch: Warum tust du mir das an, du könntest es doch ändern? Er kann mit Gott als „Du“ ins Gespräch kommen und mit ihm streiten. Es gibt ja sogar mehr Klagepsalmen als Lobpreisungen. Das passt doch eigentlich nicht in unsere Zeit, in der wir uns stets mit einem Lächeln im Spiegel anspornen. Gerade deshalb tut das Klagen den Menschen so gut. Man darf darin alles, was man erlebt, ausdrücken. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Und geteilte Freude doppelte Freude. Daher finden Psalmen ihren Platz heute in Gemeinschaftsveranstaltungen wie Taize. Ursprünglich wurden sie allein gebetet. „Nur gering sei die Zahl seiner Tage. Seine Kinder sollen zu Waisen werden und seine Frau zur Witwe.“ Darf man als Christ wie in Psalm 109 fluchen? Man darf alles vor Gott tragen. Wenn ich solche Gefühle in mich hineinfresse, ist das nicht heilsam. Die Bilder in den Fluchpsalmen sind urtümlich und Ausdruck des persönlichen Erlebens. Das sind Gedanken, die uns auch heute nicht fern sind. Einige Fluchpsalmen wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil allerdings aus dem Psalter entfernt. In manchen werden Kriegsbilder benutzt, die früher angebracht waren, aber mit denen wir uns heute schwer tun. Das Christentum interessiert sich für Frieden und Feindesliebe, nicht für die Verdammnis. Deshalb werden diese Psalmen natürlich nicht mehr in der Lithurgie verwendet. Trotzdem sind sie da und verständlich. Psalmen heißen „Lieder zur Harfe“, weil sie gesungen wurden. Muss man sie laut lesen, damit sie wirken? Seine volle Wirkung entfaltet der Psalm erst durch das Singen, Nachsprechen oder Murmeln. In Benediktinerklöstern werden alle 150 Psalmen einmal die Woche oder monatlich durchgebetet. Wenn man sie in der gleichen Tonlage spricht wie ein Mantra, führen sie in die Meditation. Ich habe selbst vor einigen Jahren im Kloster erlebt, wie mich plötzlich ein Wort daraus angesprochen hat. Man erhält eine Antwort, die weiterhilft. Kann das eine Ausstellung mit Stellwänden leisten? Die Begleitveranstaltungen mit Musik und Meditation ergänzen das natürlich. Ich habe die Ausstellung in Kirchen und Gemeindezentren und am ökumenischen Kirchentag gesehen. Auf den Plakaten, die fünf Räume bilden, sind Bilder und Texte, die betroffen machen und reinziehen. Die Original-Psalmen werden zitiert, aber auch Nachdichtungen und Vertonungen. Man kann da nicht mal so eben durchlaufen, sondern muss sich einzelne Räume vornehmen, sonst ist man erschlagen. Ich habe beobachtet, wie die Leute davor verweilen und manche mehrmals kommen. Die Themen sprechen auch durch ihre Aktualität an: Auf einem Foto sieht man ein Flüchtlingsboot. Was hat denn das Flüchtlingsboot mit dem Psalm zu tun? Psalmen sind Gebete einzelner, aber von Menschen geschrieben, die wissen, dass man in eine Gemeinschaft eingebunden lebt. Man ist auf die Hilfe anderer angewiesen und trägt Verantwortung, dass das Leben in Gemeinschaft gelingt – nicht nur im kleinen Ort, sondern in der ganzen Welt. Haben Sie einen Lieblingspsalm? „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.“ Diesen Psalm 139 finde ich sehr ansprechend. Er gibt das Gefühl, Gott kennt mich und nimmt mich, wie ich bin. Gott hat mich im Blick, ohne mich zu kontrollieren.