Hessheim
Warum dieser Flohmarkt bei Eltern so beliebt ist
Hinter dem Förderverein der örtlichen Kita liegen am Samstagabend heiße Tage. Eine Woche lang hatte der Verein den nunmehr vierten Abgabeflohmarkt organisiert. Die rund 40 Helfer sind mehr als zufrieden: Über 1100 Euro wurden für die Einrichtung eingenommen. Mehr als 2000 Artikel wurden verkauft.
Am Samstagvormittag reicht die Besucherschlange bis zum Feuerwehrhaus. Vortritt haben werdende Mütter, sie dürfen eine halbe Stunde früher stöbern. Dann beginnt das Rennen um die Schnäppchen. Es geht zu wie beim Sommerschlussverkauf. Auf den Wühltischen sind die Konfektionsgrößen tischweise säuberlich sortiert. Wo die Ware für Mädchen liegt, baumeln mit Helium gefüllte rosa Luftballons in der Luft, die jeweilige Größe steht drauf.
Nadine Schlick strebt zum hellblauen Luftballon mit der 98/104. Sohnemann Louis braucht bald eine neue Komplettausstattung. „Ich liebe Flohmärkte und bin schon zum zweiten Mal hier“, sagt die Frankenthalerin, während sie für ihren Sohn ein grünes Sweatshirt aus dem Stapel angelt. „Abgabeflohmärkte sind super, weil man schnell einen Überblick bekommt. Schade nur, dass man hier nicht feilschen kann.“
Kundschaft aus einem Umkreis von 40 Kilometern
Wie das Wort Abgabeflohmarkt schon sagt, geben die Besitzer ihre Ware dem Veranstalter in Kommission, der diese zu einem Festpreis verkauft. Nicole Hanewald, die Vorsitzende vom Förderverein der Kita Heßheim, ist inzwischen Expertin darin: „Wir nutzen die Plattform Basarlino, ein mobiles Kassensystem mit QR-Codes.“ Eine Woche zuvor hatte der Verein die App freigeschaltet und damit das Signal für die Teilnahme gegeben. „Innerhalb einer Stunde war schon die Hälfte der Plätze für die Teilnehmer vergeben“, berichtet die 36-jährige Mutter von Zwillingen beeindruckt. „Und drei Tage später hatten wir bereits über 4000 Artikel beisammen. Das Interesse war so groß, dass wir eine Warteliste für die Teilnehmer brauchten. Die Kundschaft kommt aus einem Umkreis von 40 Kilometern.“
92 Eltern ließen am Ende ihre Ware – 50 Artikel pro Person sind maximal erlaubt – beim Abgabeflohmarkt verkaufen. Ihr Part dabei: Sie mussten die Artikel etikettieren und abgeben. Den Rest erledigten der Förderverein und seine Helfer: Sie scannten die Preisschilder, die einen QR-Code erhielten. Dann wurde die Ware – mehr als 5000 Einzelteile im Gesamtwert von rund 20.000 Euro waren angeboten worden – im Bürgerhaus ansprechend drapiert. An vier Kassen zahlten die Kunden und konnten danach gemütlich essen und trinken. Auch das war Teil des Basars: 25 Kuchen gab es für die Besucher, dazu Dampfnudeln und Suppe von örtlichen Gastronomen.
Privilegien für Helfer
„Heute ist mein Flitztag“, erklärt Hanewald, die die Großveranstaltung atemlos koordiniert. Kurz vor Beginn hat sie noch zusätzliche Kleiderbügel und Kleiderständer besorgt. Pausenlos klingelt ihr Handy. Sie berät Kunden, unterstützt die Helfer in den roten Westen. Damit kein Gedränge an den Kassen entsteht, hat die Betriebswirtin ein markiertes Leitsystem wie in Kaufhäusern aufstellen lassen. Wie in den meisten Vereinen fehlt es an Helfern. Auch dafür hat Hanewald eine Lösung gefunden: Wer beim Flohmarkt hilft, darf nicht nur 50, sondern 90 Artikel verkaufen. Auch die Kuchenbäcker erhalten einen Sonderbonus – sie können bis zu 70 Einzelteile anbieten.
„Frau Hanewald, wie viele Kindersachen hat unser Sohn schon losbekommen?“, fragen Renate und Gerhard Ackermann, die mit Enkel Otto gekommen sind. „Momentchen“, die Organisatorin kann die Verkäufe von jedem Anbieter auf der App live verfolgen. 72 Euro hat Sohn Jürgen bis jetzt verdient, erfahren die Ackermanns. Und dass sie die Restware in wenigen Stunden abholen können. „Wir bewundern die Technik, die hinter dem Markt steckt“, loben Ottos Großeltern.
Entscheidung in der Pandemie getroffen
Hanewald, deren eigene Kinder vier Jahre alt sind, sieht viele Vorteile bei dem Konzept: „Die Anbieter delegieren den Verkauf und sparen sich so einen ganzen Tag, an dem sie selber am Stand verbringen müssten.“ Der Förderverein würde bei einem traditionellen Basar nur an der Standgebühr verdienen, „so aber bekommen wir 15 Prozent vom Erlös, plus zwei Euro je Verkäufer“. Neben dem Aspekt der Nachhaltigkeit würde das Budget der Familien gerade in Zeiten der Inflation geschont. „Die Kinder wachsen schnell raus aus ihren Sachen, da ist manchmal in wenigen Wochen schon die nächste Kleidergröße fällig. Und wenn die Kleinen toben, ist schnell mal ein Loch in Jacke und Hose“, sagt die Mutter mit Vollzeitjob beim Chemieriesen BASF. Die Entscheidung für dieses Modell sei in der Pandemie gefallen – wenn es Kassen statt Verkäufern vor Ort gibt, sinkt die Ansteckungsgefahr.
Wer fertig ist, schaut sich noch am Marktstand um: Vor dem Bürgerhaus bieten die Hortkinder der Kita Obst und Gemüse feil, gespendet von regionalen Erzeugern. Soeben sortiert der achtjährige Meo die Kürbisse nach Größe, während die ein Jahr jüngere Clara Äpfel abwiegt. „Was kosten die?“, fragt sie ihren Hortbetreuer Winston Effenberger. Sieben Kinder dürfen hier am Markttag Verkäufer spielen. „Sie lernen dabei, mit Fremden in Kontakt zu treten. Und das Rechnen macht ihnen mehr Spaß als im Unterricht“, sagt der Erzieher.