Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Warum die „Ruchheimer Wiese“ etwas ganz Besonderes ist

Bis zu 80 Blüten in einer Halbkugel vereint: Der Gewöhnliche Teufelsabbiss (Succisa pratensis) war Blume des Jahres 2015.
Bis zu 80 Blüten in einer Halbkugel vereint: Der Gewöhnliche Teufelsabbiss (Succisa pratensis) war Blume des Jahres 2015.

Zwischen Spargelfeldern und Kartoffeläckern liegt auf halber Strecke von Mutterstadt nach Ruchheim eine Wiese von der Größe eines Fußballplatzes. Die Fläche abseits viel befahrener Feldwege wird von Biologen als artenreiches Biotop geschätzt. Zum Schutz der „Ruchheimer Wiese“ werden Fachleute in der Stärke einer Fußballmannschaft eingesetzt.

Bei fast 25 Grad im Schatten und bewölktem Himmel ist an diesem Nachmittag Ende August ungewöhnlich viel los auf der „Ruchheimer Wiese“. Knapp ein halbes Dutzend junger Männer und eine Frau mähen das hohe Gras und die Kräuter mit Doppelmesser-Mähern ab. Das Mähgut bleibt auf dem Boden liegen, während ein Mann mittleren Alters mit Baumwoll-Einkaufstaschen über die Wiese geht und mal hier, mal dort, ein paar verblichene Blüten einsammelt.

Samen sammeln für andere Wiesen

„Die Samen der Pflanzen verwende ich, um in anderen Gebieten in der Region neue Wiesen anzulegen oder bestehende zu verbessern“, erklärt Sammler Franz-Otto Brauner. Er ist so etwas wie der Trainer oder Coach der jungen Leute, die die „Ruchheimer Wiese“ mähen. Denn diese sind die Mitarbeiter des selbstständigen Landschaftspflegers aus Worms. Brauner entnimmt von der Mutterstadter Fläche mit Genehmigung der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd als Oberer Naturschutzbehörde die Samen meist landes- und bundesweit seltener Pflanzen. Und er hat auch die aufwendige Pflege der Wiese im Auftrag der Neustadter Behörde übernommen.

Koordinatorin aller Aktionen zum Schutz der „Ruchheimer Wiese“ ist die Biologin Petra Jörns aus Rödersheim-Gronau. Als Biotopbetreuerin ist sie ebenfalls im SGD-Auftrag auf die ökologisch wertvolle Fläche gekommen. Dort leitete sie Anfang Juli eine „Bereisung“ mit Vertretern der SGD, der Unteren Naturschutzbehörde, der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) sowie der Gemeinde.

Doch warum wird so viel Aufwand betrieben für eine Wiesenfläche im Besitz der Gemeinde Mutterstadt von gerade mal 9000 Quadratmetern im Flurstück „Im Schönes“? Weil sie als Stromtalwiese unabhängig von ihrer Größe geschützt sei, erklärt Jörns. „Im Rhein-Pfalz-Kreis liegt die westlichste Verbreitungsgrenze dieses Wiesentyps, deshalb haben wir eine besondere Verantwortung für ihren Erhalt“, betont die Biologin. Aus diesem Grund investiere das Land Rheinland-Pfalz auch nicht wenig Geld in den Schutz dieses Naturschatzes. Das Land hat bereits im Jahr 2000 das „Artenschutzprojekt Stromtalwiesen“ aufgelegt. Demnach gilt als Stromtalwiese eine Fläche, auf der mindestens zwei von 22 Charakterarten dieses Biotoptyps sowie mindestens eine von neun für Streuwiesen typische Arten nachgewiesen sind.

Verschwundene Art wieder ansiedeln

„Die ,Ruchheimer Wiese‘ wurde 2007 in der Biotopkartierung des Landes als basenreiche Pfeifengraswiese registriert“, sagt Jörns. Blaues Pfeifengras (Molinia caerulea) sei neben der Gewöhnlichen Brenndolde (Cnidium dubium) die wichtigste Pflanzengesellschaft der Stromtalwiesen. Genau genommen sei die „Ruchheimer Wiese“ eine Stromtalwiese vom Typ Brenndolden-Pfeifengraswiese.

Während jedoch das Blaue Pfeifengras auf dem Flurstück „Im Schönes“ nach wie vor recht zahlreich vorkommt, ist die Gewöhnliche Brenndolde dort nicht mehr zu finden. „Wir möchten sie hier wieder ansiedeln. Das ist eines der Themen, die wir bei der Bereisung im Juli besprochen haben“, teilt Jörns mit.

Seltenes Biotop nach Süden ausdehnen

Außerdem soll die Wiese möglichst nach Süden hin vergrößert werden. Dort hat ein Landwirt einen Spargelacker angelegt, weshalb die Gemeinde mit ihm über einen Geländetausch sprechen will. „In den Randzonen der ,Ruchheimer Wiese‘ ist der Artenreichtum kleiner als in zentralen Bereichen. Das liegt vor allem am Einfluss von Dünger, den Landwirte auf den angrenzenden Flächen ausbringen“, sagt Jörns.

Rolf Schneider von der Gnor berichtet, dass in den vergangenen rund 100 Jahren mindestens 30 Pflanzenarten auf der Wiese verschwunden seien. Das entspreche rund einem Viertel der einstigen Artenanzahl. Gründe für den Schwund, von dem neben der Brenndolde etwa auch das Wanzen-Knabenkraut (Orchis coriophora) betroffen sei, seien eine Grundwasserabsenkung durch den Autobahnbau, zu seltenes Mähen in den ersten Jahren nach der Unterschutzstellung der Wiese Anfang des 20. Jahrhunderts und ein verstärkter Nitrateintrag durch die Landwirtschaft.

Früher sei die Wiese wie ähnliche Flächen andernorts vor allem als Quelle von Einstreu für Stallvieh genutzt worden, weiß Schneider. Womit die Wiese nicht allein aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht inzwischen eine Exoten-Rolle spielt. Damit ein solcher Naturschatz der einstigen Kulturlandschaft nicht verloren geht, ist ein großer Einsatz zahlreicher Experten nötig – wie sich am Beispiel der „Ruchheimer Wiese“ zeigt.

Zur Sache: Charakteristische Stromtalwiesenarten

Acht der 22 für Stromtalwiesen charakteristischen Arten sind auf der „Ruchheimer Wiese“ heimisch, sagt Biotopbetreuerin Petra Jörns: Kantenlauch (Allium angulosum), Knollige Kratzdistel (Cirsium tuberosum), Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris), Sumpf-Siegwurz (Gladiolus palustris), Sumpf-Platterbse (Lathyrus palustris), Sumpf-Knabenkraut (Orchis palustris), Echter Haarstrang (Peucedanum officinale) und Gelbe Spargelerbse (Tetragonolobus maritimus).

Keine dieser Arten ist im „Heilpflanzenführer“ des Franck-Kosmos-Verlags (Auflage 2010) genannt. Selbst im einschlägigen „Was blüht denn da?“ aus dem selben Hause mit fast 900 beschriebenen Pflanzen sind von diesen acht Charakterarten bloß drei zu finden.

Die typische Streuwiesenart Gewöhnliche Färber-Scharte (Serratula tinctoria) ist im Werk ebenfalls nicht erwähnt. Ihr Name verrät, dass sie einst zum Färben von Kleidung verwendet worden ist – das Ergebnis war ein Gelb mit Grünstich. Im „Heilpflanzenführer“ fehlt außer der Scharte auch die Kriech-Weide (Salix repens). Auch dies spricht für die Seltenheit der Gewächse der „Ruchheimer Wiese“. Rolf Schneider von der Gnor betont, dass es vom Sumpf-Knabenkraut neben der „Ruchheimer Wiese“ nur noch einen weiteren Standort im Bundesland gibt, weshalb es als vom Aussterben bedroht gilt (Rote-Liste-Kategorie eins).

Bei Mahd ausgespart: Auf der „Ruchheimer Wiese“ sind Ende August Blüteninseln stehen geblieben. Rechts vorne blüht unter anderen
Bei Mahd ausgespart: Auf der »Ruchheimer Wiese« sind Ende August Blüteninseln stehen geblieben. Rechts vorne blüht unter anderen der Gewöhnliche Teufelsabbiss.
Schonende Technik: Bei der Mahd mit Doppelmesser-Mähern werden weniger Insekten getötet als bei anderen Verfahren.
Schonende Technik: Bei der Mahd mit Doppelmesser-Mähern werden weniger Insekten getötet als bei anderen Verfahren.
Sammelt Pflanzen-Samen: Landschaftspfleger Franz-Otto Brauner ist für Mahd und Saatgutgewinnung auf der „Ruchheimer Wiese“ zustä
Sammelt Pflanzen-Samen: Landschaftspfleger Franz-Otto Brauner ist für Mahd und Saatgutgewinnung auf der »Ruchheimer Wiese« zuständig.
Eine Charakterart von Stromtalwiesen: die Knollige Kratzdistel (Cirsium tuberosum).
Eine Charakterart von Stromtalwiesen: die Knollige Kratzdistel (Cirsium tuberosum).
Darf bis in den Herbst hinein blühen: Auch die Knollige Kratzdistel wurde bei der Mahd verschont. Sie fühlt sich auf wechselfeuc
Darf bis in den Herbst hinein blühen: Auch die Knollige Kratzdistel wurde bei der Mahd verschont. Sie fühlt sich auf wechselfeuchten Flächen wie der »Ruchheimer Wiese« wohl.
Eine für Streuwiesen typische Art: die Färber-Scharte (Serratula tinctoria). Früher wurde die Pflanze auch zum Färben von Kleidu
Eine für Streuwiesen typische Art: die Färber-Scharte (Serratula tinctoria). Früher wurde die Pflanze auch zum Färben von Kleidung verwendet.
Freut sich über eine weitere typische Streuwiesenart auf der „Ruchheimer Wiese“: Biotopbetreuerin Petra Jörns hält einen Zweig d
Freut sich über eine weitere typische Streuwiesenart auf der »Ruchheimer Wiese«: Biotopbetreuerin Petra Jörns hält einen Zweig der Kriech-Weide (Salix repens) fest.
Darf weiterwachsen: Die Kriech-Weide ist ebenfalls nicht ganz abgemäht worden.
Darf weiterwachsen: Die Kriech-Weide ist ebenfalls nicht ganz abgemäht worden.
Zwei Stromtalwiesen-Charakterarten auf einen Blick: Kantenlauch (Allium angulosum; halbkugelförmige Samenstände) und Sumpf-Wolfs
Zwei Stromtalwiesen-Charakterarten auf einen Blick: Kantenlauch (Allium angulosum; halbkugelförmige Samenstände) und Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris; rote Stängel).
Auch mal alleinstehend: Sumpf-Wolfsmilch auf der „Ruchheimer Wiese“.
Auch mal alleinstehend: Sumpf-Wolfsmilch auf der »Ruchheimer Wiese«.
Namensgebend: Nach dem Blauen Pfeifengras (Molinia caerulea) ist der Stromtalwiesentyp, zu dem die „Ruchheimer Wiese“ zählt, unt
Namensgebend: Nach dem Blauen Pfeifengras (Molinia caerulea) ist der Stromtalwiesentyp, zu dem die »Ruchheimer Wiese« zählt, unter anderem benannt.
Seine Blüten ähneln denen von Fenchel: Der Echte Haarstrang (Peucedanum officinale) ist eine weitere Stromtalwiesen-Charakterart
Seine Blüten ähneln denen von Fenchel: Der Echte Haarstrang (Peucedanum officinale) ist eine weitere Stromtalwiesen-Charakterart, die auf der »Ruchheimer Wiese« gedeiht.
Wächst im Verborgenen: die Gelbe Spargelerbse (Tetragonolobus maritimus, Mitte). Auch sie ist für Stromtalwiesen charakteristisc
Wächst im Verborgenen: die Gelbe Spargelerbse (Tetragonolobus maritimus, Mitte). Auch sie ist für Stromtalwiesen charakteristisch.
Wird bis zu 1,50 Meter hoch: der Echte Eibisch (Althaea officinalis). In Mitteleuropa ist er selten.
Wird bis zu 1,50 Meter hoch: der Echte Eibisch (Althaea officinalis). In Mitteleuropa ist er selten.
Saugen an reifen Samen von Doldenblütlern wie dem Echten Haarstrang: Streifenwanzen (Graphosoma italicum). Diese hier sitzt abfl
Saugen an reifen Samen von Doldenblütlern wie dem Echten Haarstrang: Streifenwanzen (Graphosoma italicum). Diese hier sitzt abflugbereit auf einer verblichenen Blüte des Echten Eibischs.
Einzige Fangschrecke, die in unseren Breiten vorkommt: die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa).
Einzige Fangschrecke, die in unseren Breiten vorkommt: die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa).
Muss sich vor der Gottesanbeterin in Acht nehmen: eine Langfühlerschrecke.
Muss sich vor der Gottesanbeterin in Acht nehmen: eine Langfühlerschrecke.
Verdankt einen Teil ihres Namens den kräftigen vorderen Beinpaaren: die veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia). Die Art is
Verdankt einen Teil ihres Namens den kräftigen vorderen Beinpaaren: die veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia). Die Art ist in Deutschland weit verbreitet. Weibchen können ihre Farbe von weiß über gelb bis grün verändern.
Ein Festmahl für Schwalben: Bald nach der Mahd der „Ruchheimer Wiese“ haben sich die Singvögel mit geschickten Flugmanövern unzä
Ein Festmahl für Schwalben: Bald nach der Mahd der »Ruchheimer Wiese« haben sich die Singvögel mit geschickten Flugmanövern unzählige Insekten geschnappt.
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