Mutterstadt
Warum die „Ruchheimer Wiese“ etwas ganz Besonderes ist
Bei fast 25 Grad im Schatten und bewölktem Himmel ist an diesem Morgen ungewöhnlich viel los auf der „Ruchheimer Wiese“. Knapp ein halbes Dutzend junger Männer und eine Frau mähen das hohe Gras und die Kräuter mit Doppelmesser-Mähern ab. Das Mähgut bleibt auf dem Boden liegen, während ein Mann mittleren Alters mit Baumwoll-Einkaufstaschen über die Wiese geht und mal hier, mal dort, ein paar verblichene Blüten einsammelt.
„Die Samen der Pflanzen verwende ich, um in anderen Gebieten in der Region neue Wiesen anzulegen oder bestehende zu verbessern“, erklärt Sammler Franz-Otto Brauner. Er ist so etwas wie der Trainer oder Coach der jungen Leute, die die „Ruchheimer Wiese“ mähen. Denn diese sind die Mitarbeiter des selbstständigen Landschaftspflegers aus Worms. Brauner entnimmt von der Mutterstadter Fläche mit Genehmigung der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd als Oberer Naturschutzbehörde die Samen meist landes- und bundesweit seltener Pflanzen. Und er hat auch die aufwendige Pflege der Wiese im Auftrag der Neustadter Behörde übernommen.
Warum wird so viel Aufwand betrieben?
Koordinatorin aller Aktionen zum Schutz der „Ruchheimer Wiese“ ist die Biologin Petra Jörns aus Rödersheim-Gronau. Als Biotopbetreuerin ist sie ebenfalls im SGD-Auftrag auf die ökologisch wertvolle Fläche gekommen. Dort leitete sie Anfang Juli eine „Bereisung“ mit Vertretern der SGD, der Unteren Naturschutzbehörde, der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) sowie der Gemeinde.
Doch warum wird so viel Aufwand betrieben für eine Wiesenfläche im Besitz der Gemeinde Mutterstadt von gerade mal 9000 Quadratmetern im Flurstück „Im Schönes“? Weil sie als Stromtalwiese unabhängig von ihrer Größe geschützt sei, erklärt Jörns. „Im Rhein-Pfalz-Kreis liegt die westlichste Verbreitungsgrenze dieses Wiesentyps, deshalb haben wir eine besondere Verantwortung für ihren Erhalt“, betont die Biologin. Aus diesem Grund investiere das Land Rheinland-Pfalz auch nicht wenig Geld in den Schutz dieses Naturschatzes. Das Land hat bereits im Jahr 2000 das „Artenschutzprojekt Stromtalwiesen“ aufgelegt. Demnach gilt als Stromtalwiese eine Fläche, auf der mindestens zwei von 22 Charakterarten dieses Biotoptyps sowie mindestens eine von neun für Streuwiesen typische Arten nachgewiesen sind.
Viele Arten verschwunden
„Die ,Ruchheimer Wiese‘ wurde 2007 in der Biotopkartierung des Landes als basenreiche Pfeifengraswiese registriert“, sagt Jörns. Blaues Pfeifengras (Molinia caerulea) sei neben der Gewöhnlichen Brenndolde (Cnidium dubium) die wichtigste Pflanzengesellschaft der Stromtalwiesen. Genau genommen sei die „Ruchheimer Wiese“ eine Stromtalwiese vom Typ Brenndolden-Pfeifengraswiese.
Während jedoch das Blaue Pfeifengras auf dem Flurstück „Im Schönes“ nach wie vor recht zahlreich vorkommt, ist die Gewöhnliche Brenndolde dort nicht mehr zu finden. „Wir möchten sie hier wieder ansiedeln. Das ist eines der Themen, die wir bei der Bereisung im Juli besprochen haben“, teilt Jörns mit.
Außerdem soll die Wiese möglichst nach Süden hin vergrößert werden. Dort hat ein Landwirt einen Spargelacker angelegt, weshalb die Gemeinde mit ihm über einen Geländetausch sprechen will. „In den Randzonen der ,Ruchheimer Wiese‘ ist der Artenreichtum kleiner als in zentralen Bereichen. Das liegt vor allem am Einfluss von Dünger, den Landwirte auf den angrenzenden Flächen ausbringen“, sagt Jörns.
Die Wiese spielt eine Exoten-Rolle
Rolf Schneider von der Gnor berichtet, dass in den vergangenen rund 100 Jahren mindestens 30 Pflanzenarten auf der Wiese verschwunden seien. Das entspreche rund einem Viertel der einstigen Artenanzahl. Gründe für den Schwund, von dem neben der Brenndolde etwa auch das Wanzen-Knabenkraut (Orchis coriophora) betroffen sei, seien eine Grundwasserabsenkung durch den Autobahnbau, zu seltenes Mähen in den ersten Jahren nach der Unterschutzstellung der Wiese Anfang des 20. Jahrhunderts und ein verstärkter Nitrateintrag durch die Landwirtschaft.
Früher sei die Wiese wie ähnliche Flächen andernorts vor allem als Quelle von Einstreu für Stallvieh genutzt worden, weiß Schneider. Womit die Wiese nicht allein aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht inzwischen eine Exoten-Rolle spielt. Damit ein solcher Naturschatz der einstigen Kulturlandschaft nicht verloren geht, ist ein großer Einsatz zahlreicher Experten nötig – wie sich am Beispiel der „Ruchheimer Wiese“ zeigt.
Zur Sache: Seltene Pflanzenarten
Acht der 22 für Stromtalwiesen charakteristischen Arten sind auf der „Ruchheimer Wiese“ heimisch, sagt Biotopbetreuerin Petra Jörns: Kantenlauch (Allium angulosum), Knollige Kratzdistel (Cirsium tuberosum), Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris), Sumpf-Siegwurz (Gladiolus palustris), Sumpf-Platterbse (Lathyrus palustris), Sumpf-Knabenkraut (Orchis palustris), Echter Haarstrang (Peucedanum officinale) und Gelbe Spargelerbse (Tetragonolobus maritimus).
Keine dieser Arten ist im „Heilpflanzenführer“ des Franck-Kosmos-Verlags (Auflage 2010) genannt. Selbst im einschlägigen „Was blüht denn da?“ aus dem selben Hause mit fast 900 beschriebenen Pflanzen sind von diesen acht Charakterarten bloß drei zu finden.
Die typische Streuwiesenart Gewöhnliche Färber-Scharte (Serratula tinctoria) ist im Werk ebenfalls nicht erwähnt. Ihr Name verrät, dass sie einst zum Färben von Kleidung verwendet worden ist – das Ergebnis war ein Gelb mit Grünstich. Im „Heilpflanzenführer“ fehlt außer der Scharte auch die Kriech-Weide (Salix repens). Auch dies spricht für die Seltenheit der Gewächse der „Ruchheimer Wiese“. Rolf Schneider von der Gnor betont, dass es vom Sumpf-Knabenkraut neben der „Ruchheimer Wiese“ nur noch einen weiteren Standort im Bundesland gibt, weshalb es als vom Aussterben bedroht gilt (Rote-Liste-Kategorie eins).