Waldsee
Warum Chorleiter Stefan Spindler nach 50 Jahren noch nicht ans Aufhören denkt
Mit Händen und Füßen hat sich Stefan Spindler (72) gewehrt. Aber es half nichts. Im zarten Alter von 15 Jahren hat sein Vater ihn das erste Mal mit zur Concordia-Chorprobe geschleppt. Prinzipiell habe er das ja schon gewollt, sagt er, aber eben erst zwei Wochen später. Damals lief nämlich gerade die Fernsehserie „Auf der Flucht“. „Ich habe alle Folgen gesehen, bis auf die letzten zwei“, erinnert er sich. „Ich weiß bis heute nicht, wie es ausgegangen ist.“
Zwar nicht bei der Frage ob, aber immerhin bei der Frage, wann er denn die Chorleitung übernehmen wolle, hatte Stefan Spindler dann schon ein bisschen Mitspracherecht. Das war im März 1973. Der damalige Chorleiter Adolf Eichenlaub hatte sein Abschlusskonzert gegeben, und der Ausschuss, der sich im Café Christmann traf, war der Meinung, Stefan Spindler solle übernehmen. „Ich habe zugesagt, mir aber ein Jahr für die Vorbereitung ausbedungen“, sagt er.
Auf Musikstudium umgestiegen
In diesem Jahr, während Manfred Knittel als Interims-Chorleiter einsprang, ist viel passiert. Damals studierte Stefan Spindler noch Mathematik für das Lehramt. „Ich bin auf Musik umgestiegen. Erst für Grund- und Hauptschule, später für Realschule. Das war gut so.“ Parallel hat er ein Chorleiterseminar beim Pfälzischen Sängerbund besucht.
Dann, 1974, war es endlich so weit: die erste Singstunde, damals noch im großen Saal des „Löwen“. „Ein schöner Saal mit Ölheizung. Es hat nach Öl gestunken und es war nur auf einer Seite warm“, erinnert er sich. „Er ist dagestanden wie ein begossener Pudel“, bemerkt sein Bruder Reinhard nüchtern. Das erste Lied war „Wahre Freundschaft“ und „es ging irgendwie rum“, sagt Stefan Spindler. „Es gab damals schon einige, die dachten: ,Das wird nichts.‘ Aber sie haben sich getäuscht“. Es wurde und es wurde gut. „Mein Vorgänger Adolf Eichenlaub war chorpädagogisch ein Ass. Auf dieser Grundlage konnte ich aufbauen.“
Nie auf Englisch gesungen
Fortan arbeitete Stefan Spindler am Repertoire des Chores. Weg von „Deutscher Eiche“ hin zu moderner Chorliteratur. Modern und weltoffen, aber in den ganzen 50 Jahren, die folgen sollten, nie auf Englisch. „Ich bin Englischlehrer, das tu ich mir mit einem Laienchor nicht an“, erklärt er.
1976 war der Generationenwechsel endgültig vollzogen, als Werner Claus Vorstand wurde. „Das war ein Menschenfänger, er hat alles eingefangen, was nicht bei drei auf den Bäumen war, und zum Singen gebracht“, erzählt Stefan Spindler. Rund 80 Sänger hatte der Chor dann in dieser Zeit. 1986 wurde das 125-jährige Vereinsjubiläum mit einem rauschenden Fest gefeiert. Weitere Feste und viele Konzerte sogar bei Konzertreisen ins Ausland folgten.
Ausgefeilte Shows
Das Milleniumskonzert war das erste Open-Air-Konzert der Concordia. Alle drei Jahre gab es eine Neuauflage. 1996 hatte Stefans Bruder Reinhard den Vorsitz des Vereins übernommen und die Show rund um den Gesang der Männer wurde immer ausgefeilter. „Super“ war gestern, für Reinhard Spindler geht es nicht unter „mega“ oder „giga“.
So gingen die Jahre hin, sinniert Stefan Spindler, der durchaus auch ein Leben außerhalb der Concordia und außerhalb Waldsees hat. „Ich wollte schon recht bald raus aus dem Dorf, dorthin wo dir keiner in die Suppe schaut“, erzählt der einstige Musik- und Englischlehrer. Mit seiner Frau Christine lebt er in Ludwigshafen. Von 1994 an bis zu seiner Pensionierung war er stellvertretender Schulleiter der damaligen Kopernikus Realschule, die mittlerweile mit der ehemalige Grund- und Hauptschule Wilhelm-Leuschner zur Albert-Einstein-Grund-und Realschule plus verschmolzen ist.
Dirigent mit feinsinnigem Humor
Die Concordia ist nicht sein einziger Verein. Vor 40 Jahren war er Mitbegründer des Chorleiter-Chores der Pfalz, in dem er heute noch singt. Das habe auch positive Auswirkungen auf die Arbeit mit der Concordia gehabt, sagt er. Seit 1995 dirigiert er in Waldsee die TG Singfrauen, von 1986 bis 2000 zudem den Chor des Obst- und Gartenbauvereins. „Ich habe es gern, wenn Leute singen und wenn sie auch noch ein bisschen geordneter singen, ist das noch schöner“, erklärt er und nicht erst jetzt wird klar: Ohne seinen feinsinnigen Humor geht es bei ihm nicht.
Berührungsängste vor jeglicher Art der Musik kennt der 72-Jährige nicht und so soll es auch bleiben. An Aufhören denkt Stefan Spindler nämlich noch kein bisschen. „Ich würde jetzt gerne noch ausprobieren, wie das ist, für 60 Jahre Chorleitung geehrt zu werden.“
Termin
„Bleib doch stehn für einen kleinen Moment“ – unter diesem Motto feiert der Männergesangverein (MGV) Concordia 1861 Waldsee das Chorleiterjubiläum seines Dirigenten Stefan Spindler am Samstag, 17. August, um 20 Uhr mit einem Open-Air-Konzert auf dem Parkplatz „Altriper Straße“ in Waldsee. Neben den Sängern des MGV Concordia stehen Auftritte von Gästen auf dem Programm: Es singen Ekaterina und Harald Kronibus, die TG Singfrauen und Stefan Zier von den Mainzer Hofsängern. Im letzten Teil des Konzerts stehen die Concordia-Sänger und die Kultband Grand Malör gemeinsam auf der Bühne. Karten gibt es zum Preis von 18 Euro bei allen Sängern und an der Esso-Tankstelle in Waldsee.