Rhein-Pfalz Kreis Wanderer zwischen den Welten

Er ist so freiheitsliebend, dass er die Wände im Aquarium mit dem Kopf rammt, bis er stirbt: Kein Wunder, denn in Freiheit legen die Tiere bis zu 6000 Kilometer zurück, um von den Flüssen über die Nordsee bis zu den Bahamas in der Sargassosee zu schwimmen und dort zu laichen. Der Lambsheimer Nachtweideweiher ist dagegen ein bescheidenes Domizil und doch Teil des Versuchs, das Überleben der Art zu sichern. Seit den 80er-Jahren ist der Bestand in Europa dramatisch reduziert.
Ein rätselhafter Geselle ist der Aal. Bis heute liegen Teile seines Lebenszyklus’ im Dunkeln, und was man weiß, lässt einen staunend den Kopf schütteln. „Warum sie Tausende Kilometer weit schwimmen, weiß keiner“, sagt Ralf Kopecek, Pressewart bei den Lambsheimer Sportanglern. Verborgen bleibt auch, wo genau und wie die Aale in der Sargassosee der Karibik laichen. Niemand hat es bisher gesehen. Als Larven, zart wie Weidenblätter, lassen sie sich mit dem Golfstrom durch den Atlantik treiben. In diesem Stadium ihres Lebens wurden sie lange Zeit als eigene Fischart angesehen. Und doch verwandeln sie sich auf ihrer Reise in durchscheinende Glasaale, die nach drei Jahren die Flussmündungen der europäischen Küsten erreichen, die Flüsse hinaufwandern und dabei zu Gelbaalen heranwachsen. Forscher zeigten sich lange irritiert, weil sie keine Geschlechtsorgane finden konnten. Sie schwellen erst im erwachsenen Alter an, wenn die Tiere mit zwölf bis 15 Jahren als Blankaale mit silbrig glänzender Haut wieder ins Meer zurückgekehrt sind. Für die Odyssee stellen sie das Fressen komplett ein und zehren von ihrem Fettvorrat. Wegen des Fetts wiederum wird der Wanderfisch (Anguilla anguilla) in Japan als Delikatesse verzehrt – gegrillt, nicht roh, weil sein Blut ein Nervengift enthalten soll. Da das Fett Umweltgifte bindet, sind die Tiere allerdings anfällig für Krankheiten. Nicht nur die Feinschmecker gefährden den Aalbestand, sondern auch die zugebauten Flüsse. In den Turbinen der Wasserkraftwerke drohen sie auf ihren Reisen hinauf und wieder hinab verletzt oder zerhäckselt zu werden. Glasaale werden wie Kaviar für südeuropäische Restaurants gefangen. Im Rhein werden die erwachsenen Exemplare abgefischt. Über Zucht konnten Aale bisher nicht ausreichend vermehrt werden. Man befürchtet, dass in 20 bis 30 Jahren Aale aus europäischen Flüssen verschwunden sein werden. Naturschützer fordern deshalb, dass überhaupt keine Aale mehr gefangen werden sollten. Die Europäische Union schränkt unterdessen den Handel mit Aal ein und setzt seit 2007 auf Bewirtschaftungspläne. Glasaale werden an der Mündung eingefangen, aufgepäppelt und von der Aalversandstelle flussaufwärts verschickt, damit sie in Flüssen heranwachsen können. Oder im Lambsheimer Nachtweideweiher. Im Frühjahr haben auch die Sportangler 150 Kilo dieser Farmaale im Nachtweideweiher ausgesetzt. Erst ab einer Größe von 45 Zentimetern dürfen sie in einigen Jahren geangelt werden. „Jeder Angler, der bei uns Aale fängt, lässt die Tiere im Rhein in Ruhe, wo sie eine Chance haben, ins Meer zurückzugelangen“, beschreibt Kopecek seinen Beitrag zum Artenschutz. Vor zehn Jahren war der Markt noch leergefegt und die Preise explodiert: 1000 Euro pro Kilo Glasaal. Weil sich der Bestand etwas erholt, sind nun wieder Jungaale zu bekommen. Bekannt ist, dass die schleimigen Fische sogar aus Seen entkommen und sich durch den Schlamm robbend Richtung Fluss orientieren. „Wenn das Wasser wie in diesem Sommer hochsteht, könnte es sein, dass Aale in einer feuchten Nacht über die Isenach abwandern“, sagt Kopecek. „Wir Angler sind oft nachts unterwegs, aber haben noch keine gesehen, auch keine Schleimspuren.“ Der Aal sei so launisch wie alle Fische. Es heißt, in schwül-warmen Gewitternächten könne man ihn an den Haken bekommen, gelockt mit einem großen Tauwurm – einem Regenwurm. „Wenn er eine Baumwurzel oder einen Stein findet, verknotet er sich allerdings, und man kann ihn nicht rausziehen“, sagt Kopecek. Er hofft, dass aus dem Besatz 200 bis 300 Exemplare heranwachsen. Da konkurrieren die Angler allerdings mit dem Kormoran, für den der Aal ebenfalls ein Festschmaus ist. Spannend wird auch, ob dann in Lambsheim mehr kleine Männchen (bis zu einem halben Meter lang) leben oder mehr große Weibchen (über einen Meter). „Über das Geschlecht entscheiden die Wassertemperaturen, die Nahrung und die Herkunft“, sagt Kopecek. Und was es hier zu fressen gibt, beeinflusst, ob sie sich zu Breitmaulaalen entwickeln, die auf Jagd gehen, oder zu Spitzmaulaalen, die Insekten bevorzugen. Die Serie Oben paddeln Enten, Schwäne und Badegäste – aber was schwimmt unten? In unserer Serie stellen wir einige Bewohner in der Tiefe der Baggerweiher, im Altrhein und in Bächen vor. Von Aal bis Zander erzählen uns Angler von heimischen Fischen. |jel