Rhein-Pfalz Kreis Wald mal besenrein

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Ludwigshafen. Bäume statt Gemüseäcker: Nach Ende der letzten Eiszeit sah der Rhein-Pfalz-Kreis noch ganz anders aus, hatte sich doch in Mitteleuropa großflächig der Wald ausgebreitet. Ausnahmen im Dickicht: Flüsse, Seen und Moore. Wo heute Radieschen, Kohlköpfe und Grumbeere wachsen, standen damals häufig Buchen. Andere Bäume hatten kaum eine Chance: Alte Buchenwälder lassen kaum Sonnenstrahlen durch, sie verdrängen Baumarten mit größerem Lichtbedarf. Geändert hat sich das Bild, als die Menschen nicht mehr als Jäger und Sammler vom Wald lebten, sondern sesshaft wurden: Vor rund 6000 Jahren holzten die ersten Siedler Bäume ab, um Flächen für den Ackerbau zu gewinnen – der Gemüsegarten Vorderpfalz war angelegt. So professionell und geplant wie heute funktionierte Landwirtschaft aber noch nicht: Waren die Ackerböden ausgezehrt, wurden einfach weitere Waldflächen gerodet. Der Gemüsegarten dehnte sich aus. Und der Wald? Der holte sich Land teilweise zurück. Auf den Brachflächen wuchsen neue Bäume, und jetzt bekamen auch andere Arten als die Buche Gelegenheit, groß zu werden: Kiefern, Birken und Eichen. „Dass die Eiche eine besonders wertvolle Holzart ist, haben Menschen sehr schnell herausgefunden. Sie wurde früh gefördert und damit zur historischen Wald-Kultur-Pflanze“, sagt Ernst Christian Driedger. Der Förster aus Schifferstadt interessiert sich nicht nur für die 2500 Hektar Kreiswald heute, sondern auch für die Vorgänge, die ihn immer wieder verändert haben. Mit ihm springen wir vor ins Mittelalter. Und hören es im Wald grunzen. „Die Menschen haben die Schweine des Dorfs in den Wald zur Schmalzweide getrieben. Dort sollten sie sich im Herbst an den Eicheln, Bucheckern und Kastanien fett fressen“, erzählt Driedger. Interessant: Das Wort Mast bezeichnete ursprünglich Baumfrüchte, die als Viehfutter nutzbar waren. Heute wird das Wort allgemein für das „Fettmachen“ von Tieren verwendet. Und: Der Wert des Waldes wurde damals nicht zwangsläufig daran bemessen, wie viel Holz er hergab, sondern wie viele Schweine sich darin satt essen konnten. Aber auch Kühe, Ziegen und Pferde wurden auf die Waldweide geführt. Und das gab irgendwann Probleme. Der Schifferstadter Förster Niederreuther berichtete am 6. Mai 1744 an seine Dienststelle über den Eintrieb von Ziegen in den Wald: „ganzer Haufen weis in den Wald trotz Verbotes“. Die meckernden Tiere hinterließen schlimme Schäden am Jungwald. 1788 schrieb Niederreuthers Sohn, ebenfalls Förster, dass tagsüber 600 Stück Rindvieh und nachts noch Pferde in den Unterwald getrieben würden. „Und wenn der Rhein Hochwasser führte und die Otterstadter Wiesen überschwemmt waren, kam manchmal noch das Vieh von der Nachbargemeinde dazu“, weiß Ernst Christian Driedger. „Der Wald wurde schlichtweg übernutzt.“ Die Folge: Aus Wald wurde in vielen Bereichen langsam Heide. Viele Gemarkungsnamen weisen noch darauf hin: Portheide, Brandheide, Neubronner Heide. „Die Lüneburger Heide ist übrigens genauso entstanden. Dieses fantastische Naturschutzgebiet ist streng genommen also keine Natur, sondern eine ausgeplünderte und ausgenutzte Landschaft“, sagt Driedger. Dann verschwanden Schweine und Kühe im Stall. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte David Möllinger die Idee der Stallviehhaltung. Der „Erfinder“ kommt aus der Region, er lebte zunächst in Mutterstadt, später in Monsheim. Mit dem produzierten Mist aus den neuen Tierbehausungen konnte die Dreifelderwirtschaft abgelöst werden, was zu einer landwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung führte. Der Gemüsegarten Vorderpfalz gedieh. Und der Wald? Der hatte mal wieder das Nachsehen. Zwar nagten keine Ziegen mehr an Zweigen, dafür rückten Menschen an – bewaffnet mit Traggurten und Besen. Ja, Besen. Wer Vieh im Stall hatte, begann im Wald zu kehren: Laub- und Nadelstreu wurden zusammengefegt, um Stroh zu sparen. „Das war viel zu wertvoll, um es als Einstreu im Viehstall zu nutzen. Es wurde verfüttert.“ Der Schifferstadter Forstexperte kennt zwar die Streunutzung auch nur aus Büchern und Erzählungen, kann sich aber vorstellen, wie sie sich auf den Wald ausgewirkt hat: „Dem fehlte Biomasse – Nährstoffe, die er selbst produziert.“ Der Wald sah damals wie gefegt aus, zumal auch jedes noch so dürre Ästchen als Brennholz nach Hause getragen wurde. Die Förster mussten eingreifen und Nutzungspläne erstellen. Seit dem Mittelalter gab es zudem Bestimmungen, die Häuslebauer verpflichteten, das untere Stockwerk aus Stein zu errichten, weil zu wenig Bauholz vorhanden war. Die Holznot war zwischenzeitlich sogar so groß, dass selbst Stöcke, sprich Baumstümpfe, ausgegraben wurden. Die Stubbenlöcher wurden wieder verfüllt. Die letzten Stockgrabungen im Rhein-Pfalz-Kreis erfolgten nach dem Zweiten Weltkrieg im Gemeindewald Mutterstadt. Übrigens: Bereits eine Karte von 1513 zeigt die Rheinebene als nahezu waldlose Landschaft. Wer den Waldblick so schweifen lässt, stellt bald fest: Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Forst ziemlich ausgebeutet. „Naturnaher Waldbau, wie wir ihn heute betreiben, ist aus Sicht unserer Vorfahren Luxus“, sagt Driedger. Dem Förster fallen sogar noch mehr Beispiele intensiver Forstnutzung ein: Nicht sehr baumfreundlich erscheint uns heute das Harzen, das bis zum Ersten Weltkrieg in den Wäldern des Rhein-Pfalz-Kreises betrieben wurde: Harzer entfernten dafür die Rinde am Stamm und schnitten das Holz ein, so dass der Baum verletzt wurde und Harz floss. Das wurde aufgefangen, gesammelt und weiterverarbeitet – beispielsweise zu Dichtungsmaterial. Das „Ausbluten“ machte den Baum als Bau- oder Nutzholz weitgehend unbrauchbar. Ein Grund, warum zwischen Harzern und Forstleuten oft Feindschaft herrschte. „Selbst Bereiche des häufig überfluteten Auenwaldes wurden genutzt“, erzählt Driedger. Kopfweideplantagen produzierten den Rohstoff für das Korbmacherhandwerk. „Heute gehören die Reste der ehemaligen Kopfweidebestände zu den wertvollsten Naturschutzbiotopen bei uns.“ Überhaupt ist es den Förstern ein Anliegen, die verbliebenen Waldreste zu erhalten, denn am Ende der Geschichte heißt es: Gemüseäcker statt Bäume.

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