Rhein-Pfalz-Kreis
Wald für den Hausgebrauch: Beerenstarke Geschichten
Na ja, lecker ist anders. Wenig fruchtig, dafür ganz schön mehlig. So fühlt sich eine Weißdornbeere im Mund an. „Damit wurde in schlechten Zeiten ja auch das Mehl gestreckt“, sagt Volker Westermann. Das erklärt einiges. Und den Tipp sollte man vielleicht mal im Hinterkopf behalten, denn es ist noch nicht allzu lange her, da haben Hamsterkäufer für Mehlengpässe in den Läden gesorgt. Wir wissen jetzt also, wo Ersatz wächst. Aber eigentlich wollen wir mit den Beeren, die so langsam ihre Reife finden, kein Brot backen, sondern einen Aufstrich für darauf herstellen. „Die Weißdornbeeren können schon gepflückt werden“, lautet das Fazit des Bildungsförsters vom Forstamt Pfälzer Rheinauen nach der Kostprobe.
Die vielen roten Tupfen im Gebüsch zeigen, dass der Weißdorn dieses Jahr ordentlich Früchte trägt, und wer sich ans Sammeln macht, kann einige Gläser mit Mus füllen. Da die Beeren wenig Saft enthalten, wird ihr Fruchtfleisch am einfachsten mitsamt den Kernen in Apfel-, Orangen- oder Traubensaft ausgekocht und anschließend durch ein Sieb gedrückt. Man kann auch einfach nur Wasser nehmen, doch wird das Aroma mit Saft fruchtiger. Der Aufstrich soll nicht nur lecker sein, sondern auch gesund. Wie überhaupt alles aus Weißdorn. 2019 wurde der Strauch mit den fiesen Dornen zur Heilpflanze des Jahres gekürt.
Weißdorn soll bei Kummer helfen
Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde der Universität Würzburg steckt hinter dieser Auszeichnung, die er selbstverständlich begründet: „Der pflanzliche Wirkstoff wirkt sich positiv auf die Pumpleistung des Herzens aus.“ Zahlreiche Studien hätten die Wirkung von Weißdorn untersucht. Und diesen zufolge wird die Durchblutung der Herzkranzgefäße und des Herzmuskels gesteigert. Als Heilpflanze war der Weißdorn schon bei den alten Griechen bekannt. Und ein Tee aus Blättern, Blüten und Früchten soll das Herz stärken, heißt es in der Fachliteratur, etwa in dem Buch „Mythos Baum“ von Doris Laudert. Nebenwirkungen sind keine bekannt. Steht dort geschrieben. Pfarrer Sebastian Kneipp und andere Lehrer der pflanzlichen Heilkunde schreiben dem Weißdorn zudem Kräfte zu, die bei seelisch bedingten Krankheiten helfen, wie sie etwa Trauer und Kummer auslösen. Und wer keinen Tee trinken mag, sondern lieber zu Hochprozentigem greift, kann aus Beeren und Blättern einen Herzwein ansetzen. „Ihr seht, insgesamt ist der Weißdorn eine Herzensangelegenheit – auch aus forstlicher Sicht“, sagt Volker Westermann. „Die Sträucher sind toll für Insekten. Wartet das nächste Frühjahr ab, wenn der Weißdorn blüht, und stellt euch mal darunter. Da könnt ihr das Gesumme und Gebrumme erleben.“
Summen werden wir erst mal etwas anderes. Ein Kinderlied als Überleitung zum nächsten Strauch, vor dem wir jetzt stehen. „Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm. Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um. Sagt, wer mag das Männlein sein ...“ Nein, es ist nicht der Fliegenpilz - auch diese Antwort ist auf die im Liedtext gestellte Frage schon gefallen. Es ist – ganz klar – die Hagebutte. Denn eines ist ganz sicher: Der Fliegenpilz hat auf seinem Haupte kein schwarz Käpplein klein. Es sei denn, einer Fliege oder einem Vögelein ist ein kleines Malheur passiert. Egal, ein Pilz passt heute so gar nicht in unsere Reihe. Schon gar kein giftiger. Wir wollen kleine Früchte für süße Marmelade.
Komplizierte Früchte
Wild- oder Heckenrosen sind das gesamte Jahr über nicht besonders auffällig. Aber ihre Früchte, die Hagebutten, haben es in sich. Sie stecken vor allem voller Vitamin C – aber auch Vitamin A und B sind reichlich enthalten. Die kleinen Vitaminbomben leuchten jetzt im Herbst wie knallrote Farbtupfer zwischen den gelb werdenden Blättern der Wildrosen. Wie Erdbeeren gehören sie zu den Sammelnussfrüchten. Wenn es kalt wird, sind Hagebutten eine wichtige Nahrungsquelle für einheimische Vögel. Das heißt, wer sie für eine fruchtige Marmelade sammeln möchte, sollte sich ranhalten. „Sie sind gerade schön reif“, sagt Westermann. Ein bisschen mühselig ist das Geschäft schon, so Beere für Beere vom Strauch zu zupfen. Und Erdbeermarmelade kochen ist eindeutig einfacher. Denn die Hagebutten müssen entweder vor dem Kochen entkernt oder danach durch ein Sieb oder die Flotte Lotte gepresst werden. „Wer aber die Arbeit nicht scheut, bekommt einen leckeren süßen Brotaufstrich, der auch sehr gut zu Käse passt“, meint der Förster.
Überhaupt sind es etwas komplizierte Früchte, die er uns heute vorstellt. Die Schlehe etwa ist so stachelig wie der Weißdorn, und ehe man ihre blau-lila Früchte ernten kann, sollte der erste Frost über sie gegangen sein. Erst dann sind sie süß. Frost! Haha. „Wieso, es wird doch schon kühler“, sagt Westermann und grinst. Na klar, die Hoffnung stirbt zuletzt. Zu früheren Zeiten waren Schlehen, insbesondere im Winter, wenn heimische essbare Früchte kaum vorhanden waren, ein wichtiger Lieferant für wertvolle Vitamine und Ballaststoffe. In der alten Volksmedizin wurden die Beeren zudem unter anderem als Heilmittel bei Verdauungsproblemen eingesetzt und die Sträucher oftmals dicht an die Häuser gepflanzt, um sie vor Feuer und Hexen zu schützen. „So viel zum Aberglauben. Ich denke, der wahre Grund war, dass immer genügend Beeren in der Nähe waren, um einen leckeren Schnaps ansetzen zu können.“ Westermann lacht.
Gesunde Vogelbeere?
Wir lachen nicht mehr, als er uns kurz darauf auch noch die Vogelbeere als leckeres Früchtchen andrehen will. Haben uns davor nicht immer unsere Mütter gewarnt? „Zu unrecht, die Beere der Eberesche, die sogenannte Vogelbeere, ist ungiftig, im Gegenteil! Sie ist sehr gesund!“ Allerdings sollten die roten Früchte nicht roh verzehrt werden. Wer jedoch einmal eine rohe Beere probiert hat, wird sehr wahrscheinlich gern auf weitere Kostproben der stark sauer bis bitter schmeckenden Frucht verzichten. Gekocht lassen sich Vogelbeeren jedoch zu schmackhaften Produkten verarbeiten, und auch als Heilbeeren sind sie nicht zu unterschätzen. Gerade dem Mus wird eine wohltuende Wirkung für den Darm nachgesagt. Ebereschenmus pflegt die Darmflora und hilft beim Aufbau des Darms nach Antibiotikagaben und Darmerkrankungen. Bei Appetitlosigkeit, Magenverstimmung und zur Kräftigung der Lunge kann man es nach Angaben von Naturheilexperten ebenfalls einnehmen. Die Inhaltsstoffe der Eberesche sollen zudem stärkend und belebend auf den gesamten Organismus wirken. „Klingt doch gut, oder?“, fragt Westermann. Schon, aber wie bringen wir das unseren Müttern bei? „Ganz einfach, sammelt die Beeren und kocht ein gutes Mus daraus. Und: Ich habe schon einige Vogelbeeren vernascht und bin der lebende Beweis dafür, dass sie wirklich nicht giftig sind.“ Wir schauen unseren Bildungsförster an, wie er mal wieder total begeistert vor uns steht und uns Wald für den Hausverbrauch verkauft. Sehr lebendig! Na gut, dann bleibt nur noch eine Frage zu klären: Warum heißt die Vogelbeere Vogelbeere?
„Nichts leichter als das“, antwortet Westermann. „Der lateinische Name aucuparia heißt soviel wie ,Vogel fangen’ und in der Tat nutzten die Menschen Ebereschenbeeren früher als Lockmittel beim Vogelfang. Doch nicht nur Vögeln bietet der Baum Nahrung, auch Mäuse, Rehe und Insekten ernähren sich von seinen Blättern und Früchten. Eine sehr wertvolle Pflanze ist das also, die ihr da vor euch habt.“ Und mit diesem Happy End beschließen wir diese beerenstarke Geschichte.
Zur Serie
Rezept: Hagebuttenmarmelade
- Zutaten: 1 Kilo Hagebutten, 1 Liter Wasser (oder Wasser-Fruchtsaft-Gemisch) und 500 Gramm Gelierzucker (2:1)
- Zubereitung: Gib die Hagebutten zusammen mit der Flüssigkeit in einen Topf und koche den Inhalt für eine Stunde. Lass die Masse etwas abkühlen und püriere den Topfinhalt. Gib das Mus in ein Sieb oder die Flotte Lotte und trenne so die Kerne vom reinen Fruchtmus. Fülle das Mus nun wieder in den Topf, füge Gelierzucker hinzu, verrühre alles gut und koche die Marmelade für weitere fünf Minuten unter Rühren auf. Anschließend kann die Marmelade in die vorbereiteten Gläser gefüllt und die Gläser verschlossen werden.