Rhein-Pfalz-Kreis
Wald erzählt Geschichte(n): Merkwürdige Hügel bei Harthausen
Wir stehen im Harthausener Gemeindewald, könnten uns aber genauso gut in Dudenhofen befinden oder im Schifferstadter Wald. „Das Phänomen, dass wir sehen, gibt es an anderen Stellen in der Vorderpfalz auch“, sagt Volker Westermann, der im Forstamt Pfälzer Rheinauen für die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. In dieser Serie sind wir mit ihm im Wald unterwegs, um Geschichten zu sammeln, die er uns erzählt. Also der Wald. Aber eben auch der Förster. Denn wie hier, in dieser Gemarkung, muss man schon wissen, was man vor sich hat. Sonst bleibt Geschichte Vermutung. Das Gelände wellt sich. Doch Hügelgräber sind es nicht. „Hier haben Förster vor gut hundert Jahren dafür gesorgt, dass frisch gepflanzte Bäume nicht wieder absaufen“, setzt Westermann zu einer Erklärung an.
Wald sollte schnell wachsen
Vor über hundert Jahren, als der Erste Weltkrieg gerade vorbei war, gab es einige kahle Flächen in deutschen Wäldern. Und eben auch hier, bei Harthausen. Von Reparationshieben spricht man eigentlich nur im Zusammenhang mit der Abholzung des Waldes durch die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg. „Doch auch 1918 haben die Sieger sicher Bäume gefällt als Entschädigung. Hier in der Pfalz werden die Franzosen den einen oder anderen Stamm mitgenommen haben“, berichtet Westermann. „Aber natürlich war nach dem Krieg auch Bauholz gefragt. Die Industrie musste angeheizt werden. Und Brennholz für den Ofen brauchten die Leute ebenfalls, keine Frage.“ Wald musste also schnell nachwachsen. Westermanns Vorgänger haben auf Kiefern und Fichten gesetzt. Beide Baumarten wachsen schneller als die eher gemächliche Eiche. „Der Wald hier konnte sehr nass sein, im Frühjahr regelrecht das Wasser stehen. Und so hat man die jungen Bäume auf ein erhöhtes Bett gesetzt, damit sie trockene Füße behielten.“
Heute wäre diese Arbeit nicht mehr nötig. Die Veränderung zu früher sei verblüffend, meint Westermann. Und für den Wald auch entscheidend. „Heute ist der Grundwasserstand extrem tief, nicht zuletzt durch die landwirtschaftlichen Brunnen. Landschaft hat sich verändert.“ Forstwirtschaft ebenso.
Heute gibt’s keine nassen Füße
Dass die Förster damals auf schnellwachsende Rohstoffe setzten, könne man aus ihrer Sicht verstehen. „Heute wissen wir, dass gesunde Mischwälder ökologisch betrachtet besser und stabiler sind und deshalb machen wir wieder die Rolle rückwärts“, sagt Westermann. Wir gehen mit ihm noch ein Stück tiefer in den Wald hinein, bis wir vor kleinen Stämmchen mit blauen Plastikbändern stehen: Junge Eichen, geschützt vor dem Verbiss des Wildes. „Das Klima hat sich verändert, Kiefern und Fichten fallen aus. Wir setzten wieder auf die Eiche“, erklärt der Förster. Back to the roots – zurück zu den Wurzeln. Denn Eichen waren im Wald immer wieder von großer Bedeutung.
Wir fahren mit dem Auto ein Stück weiter über holprige Waldwege, ehe wir erneut stoppen und in den Wald hinein laufen. Schnurstracks auf eine knorrige Eiche zu. Naja, so schnurstracks das eben im unebenen Gelände geht, auf dem sich einem auch noch Büsche in den Weg stellen. Oder Hainbuchen. Aber zu denen kommen wir gleich erst wieder zurück. „Die sieht doch schön knorzig aus, diese alte Eiche“, findet Westermann. Wir stehen jetzt darunter. Den Kopf im Nacken und gucken in die Krone. Die war laut Förster einst noch ausladender. Und auf die fette Krone kam es im Mittelwald auch an.
Was ist denn ein Mittelwald?
Der Mittelwald ist kein Wald in der Mitte von irgendetwas, sondern eine Form der Waldbewirtschaftung. Erste Belege dafür gibt es bereits aus dem Mittelalter. Aber deshalb heißt Mittelwald auch nicht Mittelwald. „Eher, weil es ein Mittelding ist. Zwei Bewirtschaftungsformen treffen dabei aufeinander. Nieder- und Hochwald. Der Mittelwald besteht demnach aus zwei Baumschichten, dem Oberholz, das gerne alt werden darf. Und dem Unterholz, das immer wieder als Brennholz geerntet wurde“, erklärt der Förster.
Die dichte Unterschicht besteht aus stockausschlagsfähigen Baumarten wie zum Beispiel der Hainbuche und einer starken Oberschicht aus Eichen, Eschen und Erlen mit weit ausladenden Kronen. So konnten auf ein und derselben Fläche Bau- und Brennholz produziert werden. „Und unter die Eichenkronen wurde bis zur Einführung der Landwirtschaft mit Ställen und Zäunen das Vieh zum Füttern geführt. Man hat sich etwas dabei gedacht, Wald so anzulegen“, sagt Westermann.
Forsthistorisches Wissen erhalten
Früher wurde wenig aufgeschrieben, früher wurde gemacht. „Heute dokumentieren wir Förster alles.“ Dafür erzähle der Wald, was sich die Menschen damals mit ihm gedacht hatten. Und in einigen Gegenden Deutschlands sind alte Mittelwaldbestände sogar unter Schutz gestellt. Einmal zum Erhalt forsthistorischen Wissens, zum anderen, weil sie eine gewisse Rolle im Naturschutz spielen, da sie unter Artenschutzaspekten zu den wertvollen Waldwirtschaftsformen zählen. Die lichten Strukturen bieten etwa Lebensraum für zahlreiche Pflanzenarten.
Wir stehen nun vor der Hainbuche. „Ihr Stock kann 200 Jahre alt sein. Immer wieder wurden ihre Ausschläge abgeholzt. So alle zwölf bis 15 Jahre hat man das gemacht“, sagt Westermann. Gerade nach so einer Ernte kam Licht und Wärme bis zum Waldboden. Auch heute noch denke sich der Mensch etwas mit seinem Wald. „Und in ein- oder zweihundert Jahren bewerten unsere Nachfahren, ob wir richtig oder falsch gehandelt haben. Dieser Gedanke macht mich immer ein wenig demütig.“ Denn eines sei ja gewiss, meint der Förster: Das menschliche Denken ändere sich schneller, als Wald es umsetzen kann. „Ich hoffe, spätere Förstergenerationen können einmal sagen, damals mit Beginn des Klimawandels hatten unsere Vorfahren gute Ideen. Das heißt, ich hoffe, sie stehen hier, wo wir jetzt sind, immer noch im Wald.“ Und im Wald stehen, meint der Förster in diesem Sinne positiv.
Die Serie
Wald erzählt Geschichte, oft seine eigene. Wie er entstanden ist zum Beispiel. Aus welchen Bedürfnissen heraus. Oder welche Ereignisse ihn prägten. Wald erzählt aber auch Geschichten: dramatische, romantische und bisweilen sehr lustige.