Maxdorf
Vorstand von Netzwerk Hilfe kritisiert Verwaltung und tritt zurück: Ein Scherbenhaufen
In der Mitte steht Malu Dreyer (SPD). Um die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin hat sich eine Maxdorfer Delegation geschart, darunter Rainer Bahnemann, Vorsitzender des Netzwerks Hilfe, mit seinen Vorstandskollegen, Verbandsbürgermeister Paul Poje (CDU) und Manfred Gräf (CDU), Beigeordneter des Rhein-Pfalz-Kreis. Sie haben sich Anfang Dezember 2017 auf den Weg in die Mainzer Staatskanzlei gemacht, um den Brückenpreis in Empfang zu nehmen. Es ist die höchste Auszeichnung des Landes für ehrenamtliche Organisationen, in diesem Fall für die beispielhafte Zusammenarbeit des Netzwerks mit der Verwaltung in der Flüchtlingsarbeit. Rückblickend erscheint das Foto der Feierstunde wie ein Dokument des Bruchs zwischen Netzwerk und Rathaus, der nun nicht mehr zu kitten ist. Am Donnerstagvormittag hat der Netzwerk-Vorstand geschlossen seinen Rücktritt erklärt.
„Er stellt sich gerne lächelnd auf Bilder“, sagt Bahnemann über Bürgermeister Poje. Denn im Grunde wäre der Vorsitzende lieber mit einer anderen Kommunalpolitikerin nach Mainz gekommen. Es sei schließlich Marie-Luise Klein (SPD) gewesen, Pojes Vorgängerin im Maxdorfer Rathaus, auf deren Initiative hin das Netzwerk 2015 gegründet wurde, um der Flüchtlingskrise zu begegnen. „Aber er hat nicht erlaubt, dass Frau Klein mitfährt“, sagt Bahnemann. Dass dem so war, streitet Poje nicht ab. „Eingeladen war der Bürgermeister der Verbandsgemeinde“, sagt er, „und das war zu diesem Zeitpunkt ich.“ Die Amtsübergabe erfolgte wenige Monate zuvor, Poje selbst war in der Gründungszeit des Netzwerks für ein halbes Jahr dessen Vorsitzender und als Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde für Flüchtlingsfragen zuständig.
Die Aktiven leiden unter der Situation
Jener Amtswechsel im Rathaus stellt für Bahnemann und das Netzwerk Hilfe eine Zäsur dar. „Mit Frau Klein war es eine völlig andere Welt“, sagt der Vorsitzende. Gemeinsam habe man ein Konzept der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen erarbeitet und eine 1:1-Betreuung durch die ehrenamtlichen Aktiven des Netzwerks geschaffen. Für ihre Arbeit hat das Netzwerk sechs Preise erhalten, neben dem Brückenpreis und dem Landespräventionspreis des rheinland-pfälzischen Innenministers unter anderem Auszeichnungen des Deutschen Olympischen Sportbunds und der BASF sowie den Ehrenamtspreis des Rhein-Pfalz-Kreises. „Externes Lob tut gut, aber intern kommt nichts“, sagt Bahnemann, „dabei ist Wertschätzung der Motor ehrenamtlicher Arbeit.“ Die mehr als 100 Aktiven würden unter der aktuellen Entwicklung leiden.
Trotz dieser mangelnden Anerkennung würden sie aber ihrer Aufgabe mit großer Hingabe und Begeisterung nachgehen und hätten in fünf Jahren inzwischen mehr als 200.000 Arbeitsstunden geleistet. Inzwischen haben sich laut Bahnemann die Schwerpunkte der Arbeit verschoben. Mehr als die Hälfte der Zeit ist das Netzwerk nicht mehr nur für Flüchtlinge, sondern auch für andere bedürftige Menschen im Einsatz. „Ich kann mir nur wünschen, dass mit einem neuen Vorstand ein Neuanfang möglich ist, um Hand in Hand neue Projekte anzugehen“, sagt Poje. Man könnte auch sagen: Das Verhältnis ist aktuell zerrüttet und liegt in Scherben. „Wir haben alle Szenarien durchgespielt, vom Nichtstun bis zur Vereinsauflösung“, sagt Bahnemann und fragt: „Was hilft dem Netzwerk am meisten?“
Beide beteuern: Keine persönlichen Differenzen
Dass die Chemie zwischen Verwaltung und Netzwerk nicht mehr stimmt, wurde in jüngster Zeit mehrmals deutlich. Bei der Suche nach einer Immobilie, in der das Netzwerk ein Zuhause findet, kam es zu Unstimmigkeiten. Letztlich mietete die Verbandsgemeinde ein Anwesen für fünf Jahre an, laut Poje für 1200 Euro Kaltmiete pro Monat. „Das dürfte einmalig sein im Rhein-Pfalz-Kreis“, sagt Poje, „ich habe mein Möglichstes getan und auch in finanzieller Hinsicht Wohlwollen gezeigt.“ Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch wohl eine aktuelle Auseinandersetzung. Im Verbandsgemeinderat, in dem Bahnemann für die Grünen sitzt, ging es um die mögliche Sanierung einer baufälligen Flüchtlingsunterkunft am Maxdorfer Bahnhof. Der Netzwerk-Vorsitzende machte einen Bettwanzen-Befall öffentlich, warf der Verwaltung Untätigkeit vor und nahm sie in die Pflicht. Poje hingegen attestierte dem Netzwerk öffentlich schlechten Stil. „Ich habe meiner Verwaltung den Rücken gestärkt und sie in Schutz genommen“, sagt er. Beide allerdings beteuern, dass es keine persönlichen Differenzen seien, die an dem Zerwürfnis schuld sind. „Das ist zu klein gedacht“, sagt Bahnemann.
Woran der Netzwerk-Chef jedoch festhält: Seit dem Wechsel im Bürgermeisteramt würden Poje und die Rathausspitze die Arbeit der Organisation zunehmend erschweren. Als Beispiel führt er einen „Brandbrief“ an, den Ehrenämtler im Mai 2019 an den Bürgermeister und seine Beigeordneten geschickt hätten. Darin listen sie Missstände in 18 Flüchtlingsunterkünften auf. Die Antwort der Verwaltung hätte acht Monate auf sich warten lassen und würde zwölfmal den Vermerk „Verwaltungsangelegenheit“ enthalten. „Damit spricht man den freiwilligen Helfern das Recht ab, sich darum zu kümmern“, sagt Bahnemann.
Brief hat Entschuldigung zur Folge
Ein Vorwurf, den Poje nicht gelten lassen möchte. „Mein Ziel war es, eine klare Trennung zwischen Verwaltung und Netzwerk zu schaffen“, sagt er, „das habe ich intern auch so angeordnet.“ Allzu oft hätte das Netzwerk die Mitarbeiter des Rathauses schon als verlängerten Arm der Bürgerinitiative gesehen. „Es kann nicht sein, dass sich das Netzwerk wie selbstverständlich bei meinen Mitarbeitern bedient“, macht Poje deutlich, „da ist es meine Pflicht als Verwaltungschef, dem entgegenzuwirken.“ Dazu passt, dass die bisherige stellvertretende Netzwerk-Vorsitzende viele Jahre beim Maxdorfer Ordnungsamt arbeitete, ein weiteres zurückgetretenes Vorstandsmitglied tut es noch immer.
Deshalb stört Bürgermeister Poje auch ein Wort im Rücktrittsbrief des Vorstands besonders: Unvermögen. „Inwiefern Missverständnisse, Kommunikationsschwächen, Unvermögen oder persönliche Gründe die Verschlechterung der Zusammenarbeit bedingen, wird sicherlich nicht zu klären sein“, heißt es wörtlich. Das Schreiben hatte ein internes Gespräch zur Folge, inklusive Entschuldigung des Beamten. „Er hat sich von der Formulierung distanziert“, sagt Poje.
Einwurf: Zwei Herzen
Die Wege zwischen Maxdorfer Verwaltung und Netzwerk Hilfe sind bisweilen kurz, wenn Vorstandsmitglieder im Rathaus arbeiten. Bürgermeister Paul Poje fordert eine klare Trennung der Rollen. Schwierig, wenn zwei Herzen in der Brust schlagen. Und auch der bisherige Netzwerk-Chef kann seine Positionen nicht sauber abgrenzen. Mit seinem politischen Engagement für die Grünen kann Rainer Bahnemann Lobbyarbeit der feinsten Sorte betreiben. In den Gremien ist nicht immer deutlich, ob da der Politiker spricht – oder doch der Vorsitzende. Ob er der guten Sache, die das Netzwerk Hilfe im Kern vertritt, damit einen Gefallen tut, ist fraglich. Angreifbar macht es ihn auf jeden Fall.