Rhein-Pfalz Kreis Von starken Bäumen und Multikulti im Wald

Ludwigshafen. Zuwanderung und Klimawandel – zwei Themen, die uns aktuell beschäftigen. Zwei schwierige Themen mit Diskussionsbedarf. Aber keine, die mit unserem Wald zu tun haben? Oh doch! Passen Sie mal auf, was wir heute am Wegesrand entdecken. Lernen. Ein wissenschaftlich-philosophischer Spaziergang vor Weihnachten.
„Schauen Sie hier. Gucken Sie mal da. Oder dorthin.“ Mann, heute ist er aber schnell, unser Bildungsförster. Wir kommen ja gar nicht hinterher. Baum hier. Baum da. Baum dort. Ja und? Wir sind im Wald ... Volker Westermann lacht mal wieder über unsere ahnungslosen Gesichter. „Ja, wir sind im Wald. In einem deutschen Wald. In dem aber nicht nur einheimische Bäume stehen. Die Bäume, auf die ich gedeutet habe, sind eigentlich Ausländer. Aber finden Sie nicht, dass sie ganz gut in der Rhein-Pfalz-Kreis-Erde verwurzelt sind?“ Baum eins: eine Strobe, auch Weymouthskiefer genannt. Sie kommt aus Nordamerika und gehört – wie in ihrem Zweitnamen schon steckt – zur Gattung der Kiefern. Sie ist die größte Nadelbaumart des östlichen Nordamerikas und sie kann bis zu 500 Jahre alt werden. Mit nach Europa gebracht hat sie der englische Entdecker und Schriftsteller George Weymouth. Sie ist jedoch nicht nach ihm benannt, sondern nach Lord Weymouth, der sie im 18. Jahrhundert in England als Forstbaum etablierte. Wegen ihres raschen Wachstums und der Vielseitigkeit des Holzes wurde sie in ganz Europa zu einer forstlich interessanten Waldbaumart. Weiterer Vorteil: ihre geringen Bodenansprüche. „Tja, und heute steht sie auch bei uns. Und fühlt sich wohl“, kommentiert Westermann diese Migrationsgeschichte. Baum zwei: die Robinie oder Scheinakazie. Ein Laubbaum – auch aus Nordamerika. Ihre Blätter sind gefiedert. Wir entdecken sogar noch einen (fast) grünen Zweig. Was aber jetzt viel öfter zu finden ist, sind die langen, fast schwarzen Samenhülsen. „Ich bin ein echter Fan der Robinie. Diese Baumart leistet wertvolle Dinge, das Holz ist sehr robust. Gerade beim Bau von Spielplätzen wird es oft eingesetzt.“ Westermann ist sich aber auch bewusst, dass manche Forstexperten die Robinie kritisch beäugen. „Dort, wo sie wächst, breitet sie sich aus und verdrängt heimische Arten.“ Wegen der guten Holzeigenschaften gehöre sie aber inzwischen auch in unsere Wälder – sie müsse eben sinnvoll integriert werden. Einheimischer Baum oder Ausländer: Die Bewertung ist Westermann zufolge interessant. „Glauben Sie, die Edelkastanie wird kritisch beäugt? Nö. Esskastanien – also Keschde – sammeln, das gehört in der Pfalz zum Herbst dazu.“ Dabei haben die Römer die Bäume eingeschleppt. Wegen der Früchte. Aber auch, weil Kastanien eine wichtige Rolle beim Weinbau spielten: als Spalierholz für die Reben. „Es ist schon interessant: Alles, was vor Kolumbus bei uns landete, gilt als einheimisch – inklusive Kartoffel. Aber alles, was nach Kolumbus kam, gilt als fremd oder nicht heimisch.“ Wir halten also fest: Die Esskastanie – Baum drei in unserer kleinen Migrationswaldgeschichte – ist auch ein Ausländer. Genauso wie Baum vier, die Schwarznuss, die sich besonders gut in Auenwäldern macht, weil sie keine Angst vor nassen Füßen hat. Oder Baum fünf, die Roteiche, mit dem inzwischen einheimische Pilze eine Lebensgemeinschaft eingegangen sind. Oder um es korrekter auszudrücken: eine Symbiose, von der beide profitieren. Um altes Waldwissen mal kurz aufzufrischen: Der Partner Pilz hilft dem Baum bei der Wasser- und Nährstoffaufnahme aus dem Boden. Durch seinen Pilzmantel wird die Wurzeloberfläche stark vergrößert. Als Gegenleistung für die Wohltaten liefert der Partner Baum dem Pilz Produkte aus der Fotosynthese, also Zucker oder Kohlenhydratverbindungen. „Steinpilz und Pfifferling zumindest haben keine Berührungsängste. Ein symbolisches Plädoyer für Offenheit in der Gesellschaft, die der Wald uns hier liefert“, sagt der Förster und lacht. Sie liefern gutes Holz und sind damit ein echter Wirtschaftsfaktor, sie unterstützen das Ökosystem in unseren Wäldern, sie liefern essbare Früchte – es gibt aber noch ein wichtiges Argument für „Ausländer“ im Wald: Sie trotzen dem Klimawandel. „Und zwar dort, wo heimische Baumarten schlapp machen“, erklärt Westermann und führt uns zu Baum sechs: die Douglasie. Wer diese Serie mitverfolgt weiß, das ist der Nadelbaum mit den kleinen Mäuseschwänzchen auf den Schuppen seiner Zapfen. Der Baum aus den Rocky Mountains ist belastbar und hält Trockenheit vermutlich besser aus als unsere Fichten, die schon zu kämpfen haben. „Sie könnte ein echter Ersatz werden – gerade in der Holzwirtschaft. Die Douglasie liefert gutes Konstruktionsholz“, sagt der Förster. Sechs Bäume, die sich integriert, ihre Aufgabe gefunden haben. Bäume, die für Vielfalt im Wald sorgen. „Und ich möchte das Wort Vielfalt betonen, denn es geht nicht darum, heimische Baumarten zu verdrängen – das ist nicht Ziel der Forstarbeit. Aber es ist gut, wenn sich unsere Wälder weiterentwickeln.“ Und um den Bogen noch von den Rhein-Pfalz-Kreis-Wäldern zu den Rhein-Pfalz-Kreis-Feldern zu spannen: Wie arm wäre unsere Ernährung ohne Fremdgemüse. „Kartoffel, Tomate oder Kürbis – wäre alles nicht da. Wir würden auf Buchweizen herumkauen und Hirsegrütze schlürfen, von Pommes weit entfernt.“ Keine Grumbeere, keine Pommes? Da sind wir ganz bei Westermann – froh, dass Fremdes bei uns wurzeln kann. „Und das gilt natürlich auch für die menschliche Ebene“, sagt der Förster. Wir danken für den spannenden Integrationskurs.