Rhein-Pfalz Kreis Von kitzelnden Kissen und stierenden Stielen

Ludwigshafen. Wo ist der Osterhase schon vor dem Fest zu finden? Volker Westermann weiß es. Ohne Moos nix los, lautet sein Hinweis. Und uns bleibt gar nichts anderes übrig, als unseren Bildungsförster mal wieder in den Wald zu begleiten. Schließlich sind wir furchtbar neugierig.
Frühling ist anders. Wärmer, finden wir. Aber immerhin scheint die Sonne. Und es piept. Nein, nicht bei uns. Zumindest nicht ausschließlich. Die Vogelwelt ist wieder aktiv. Da werden Grenzen abgesteckt, da wird geflirtet und ganz deutlich hören wir jetzt einen Specht klopfen. „Der zimmert sich aber keine Höhle, das hört sich anders an“, sagt Volker Westermann. Der Förster erkennt das an der Art, wie der Vogel trommelt. Trommeln ist Förster-Fachjargon. Und dann entdecken wir ihn. Er sitzt auf dem Ast einer Kiefer, den er hingebungsvoll mit seinem spitzen Schnabel bearbeitet, auf der Suche nach Larven. Eigentlich wollten wir den Osterhasen aufspüren, aber so ist das oft, wenn wir mit dem Bildungsförster unterwegs sind: Überraschungen gibt es immer am Wegesrand. Wir starren in die Höhe, bis der Nacken steif und der Specht satt ist. Er fliegt davon, das Naturschauspiel ist beendet und wir wandern weiter. „Da vorne ist eine Stelle, da müsste sich der Osterhase wohlfühlen“, sagt Westermann. Und als wir da sind, dämmert es uns allmählich, was der Förster uns eigentlich heute zeigen will. Grüne Tupfen wohin wir schauen. Und ein dicker, langer Ast mit einer flauschigen Schicht. Moos. Überall Moos. „Es gibt in Deutschland über 1100 Arten. Aber man muss schon ein absoluter Experte sein, um sie zu unterscheiden. Eines kenne ich aber genau. Hier, fühlen Sie mal.“ Struppig und nass fühlt sich das Grün unter den Fingern an. „Das ist Sternmoos, die Blätterform ist ebenfalls ein eindeutiges Indiz.“ Als Handschmeichler entpuppt sich das Weißmoos – die kurzen Haare kitzeln ganz leicht. „Eine Sorte, die es hier in den Wäldern der Vorderpfalz nicht so häufig gibt, im Pfälzerwald eher und im Gebirge sieht man es oft“, sagt Westermann. Generell kann man Moose – je nach Bau – in zwei Gruppen einteilen: in die der Laubmoose und in die der Lebermoose. Zu den Laubmoosen gehören die meisten Arten. Bei ihnen besteht jede Pflanze aus einem Moosstämmchen, an dem sich viele Moosblättchen befinden. Die Pflanzen halten sich mit feinen Zellfäden fest. „Das sind aber keine echten Wurzeln, sondern nur wurzelähnliche Haftorgane, Rhizoide“, erklärt der Forstexperte. Lebermoose sind nicht in Stängel und Blätter gegliedert, sie bestehen einfach aus grünen Lappen. Wir knien vor einem Baumstamm und streicheln seine Oberfläche. Schön weich! Aus dem grünen Moospolster stechen rote Stiele hervor, laut Westermann die Fortpflanzungsorgane. In den männlichen entstehen Schwärmzellen, in den weiblichen Eizellen. Die Befruchtung klappt dann, wenn sich ein Regentropfen zwischen die Organe klemmt – eine Art Wasserbrücke. Das sehen wir aber nicht, das steht in einem Bestimmungsbuch, das der Förster mitgebracht hat. Manchmal muss sich eben auch ein alter Waldschrat wie er Waldwissen anlesen. „Aber, dass hier irgendwann der Osterhase vorbeihoppelt, um Moos für all die Osternester zu sammeln, die er verstecken wird, da bin ich mir ganz sicher“, sagt Westermann und lacht. Moment mal: Darf der Osterhase überhaupt in Massen Moos sammeln. Ist das nicht schon gewerblich? „Gut aufgepasst bei den letzten Spaziergängen. Tatsächlich darf man in der Regel Pflanzen oder Pflanzenteile immer nur für den Eigengebrauch und in den entsprechenden Mengen mitnehmen. Aber ich glaube, der Osterhase hat eine Sondergenehmigung“, sagt der Förster und lacht wieder. Wo wir schon so schön am Herumspinnen sind, machen wir gleich weiter. Dazu gehen wir ein weiteres Mal in die Knie und betrachten einen Fleck: Schleimgrüne Säulen wachsen uns entgegen. „Sieht aus wie bei Avatar, oder?“, fragt Westermann. „Stellen Sie sich mal vor, wie das hier auf eine Ameise wirken muss.“ Was da so außerirdisch daherkommt, ist aber nicht außergewöhnlich. Auf Flechten trifft man überall im Wald. Sie wachsen auf Baumrinden, Stümpfen und Steinen. Nur starren wir in der Regel die Teilchen nicht so an. Beziehungsweise die Teilchen uns. Wir haben es hier mit einer Becherflechte zu tun. Das erkennt der Förster an den stierenden Stielen. Generell werden Flechten nach ihrer Wuchsform bezeichnet und in entsprechende Gruppen eingeteilt. So gibt es beispielsweise Krusten-, Blatt- oder Blasenflechten. Spannend ist, wie Flechten entstehen. Westermann zufolge sind sie eine Symbiose aus Alge und Pilz. „Es ist eigentlich ein Wunder, dass es so viele Flechten gibt, denn beide müssen sich erst mal finden. Damit ein Pilz seine Alge findet, muss er schon bis zu zehn Millionen Partnerschaftsanzeigen schalten.“ Und dann müsse es beiden auch noch ziemlich schlecht gehen, sonst gingen sie die Zweckgemeinschaft gar nicht erst ein. Die Alge ist für die Fotosynthese verantwortlich, das heißt, sie stellt den Zucker her. Und der Pilz gibt dem Gebilde ein Gerüst. Welche Form und Farbe eine Flechte annimmt, hängt davon ab, welche Art Pilz welcher Alge seine Aufwartung macht. Manche sehen aus wie plattgedrückte Kaugummis, andere sind schuppig. „Es ist schon erstaunlich, welche Räume Flechten besiedeln können – sogar glatte Steine.“ Unser Bildungsförster ist mal wieder vom Wunder Natur beeindruckt. Ein Wunder, das gut 100 Jahre alt werden kann. Als Bioindikatoren reagieren Flechten empfindlich auf Verschmutzungen. Ihr Vorhanden- oder eben Nichtvorhandensein ist demzufolge ein Indiz dafür, wie gut die Luft in einem Gebiet ist. Als wir auf einen Baumstamm mit weißen und gelben Flecken stoßen, vertraut uns Westermann seine eigene Flechtentheorie an: „Die gelben Tupfen sind Sonnenstrahlen und die weißen Tupfen Mondlicht – beides ist auf die Erde gefallen und hier zwischen den Ästen hängen geblieben.“