Bedrohte Naturparadiese (6)
Von Apfeldieben und Wendehälsen
Wie ein Klageruf ertönt das Quäken des Wendehalses am Rand einer Streuobstwiese am Modenbach zwischen Harthausen und Hanhofen. Ute Hoffmann hat an jenem Morgen Ende April die Stimme des seltenen Zugvogels erkannt. Nach der Roten Liste für Rheinland-Pfalz gilt er als vom Aussterben bedroht. Zusammen mit ihrem Mann Dieter ist Ute Hoffmann an der Pflege der mehrere Hektar umfassenden Wiese mit zahlreichen Bäumen beteiligt. „Wir haben diese Fläche seit 2018 von der Gemeinde Harthausen gepachtet“, sagt Reinhard Steiger, der Vorsitzende des Natur- und Vogelschutzvereins Harthausen.
Der Wendehals, kaum größer als ein Spatz, wohnt in Baumhöhlen oder Vogelnistkästen und beginnt mit der Brut für gewöhnlich im Mai. Rund 14 Tage nach der Eiablage schlüpfen die Jungvögel aus bis zu zehn Eiern. Der Nachwuchs benötigt Insekten als Nahrung, die in großer Zahl auf Streuobstwiesen wie der Harthausener leben. In dieser Phase kann jede Störung den Tod für die Jungen bedeuten. „Leider sind immer wieder Bruthöhlen durch Unbekannte geöffnet worden“, sagt Reinhard Steiger.
Körbeweise Obst geerntet
Eigentlich dürfte die Streuobstwiese ohne die Erlaubnis des Vereins als Pächter nicht einmal betreten werden. Ein Schild, auf einem Posten in Bauchhöhe montiert, weist am Eingang der Fläche auf die „Naturinsel zum Wohle der Natur und der allgemeinen Gesundheit für uns Menschen“ hin. Dort steht auch zu lesen, dass der Verein bei seinem Einsatz für den Erhalt von Streuobstwiesen von der Europäischen Union und dem Land Rheinland-Pfalz unterstützt wird. Das Förderprogramm „Eulle“, das die Mittel dafür bereitstellt, dient dem Umwelt-, Arten- und Klimaschutz im ländlichen Raum.
Der Verein hat bereits 2018 eine rot-weiße Kette an der Einfahrt der Wiese angebracht, wie der Vorsitzende mitteilt. Dennoch ist das, was sich dahinter befindet, insbesondere seit Ausbruch der Corona-Pandemie offensichtlich so verlockend, dass doch immer wieder Passanten auf die Fläche kommen. „Es haben hier schon Leute mit einem Ball gespielt, mal mit, mal ohne Hund“, sagt Reinhard Steiger. Auch Gartenabfälle oder Grünschnitt seien auf der Wiese abgeladen worden. Außerdem habe man mehrfach „Obstdiebstahl und Baumschäden durch heruntergerissene Äste“ festgestellt. „Bei vielen Bürgern fehlt das Unrechtsbewusstsein. Leider gibt es bei der Gemeinde keinen Feldschütz mehr“, sagt der Vereinsboss. Niemand habe etwas dagegen, wenn mal jemand für den aktuellen Verzehr einen Apfel oder eine Birne pflückt. Doch sei schon mehrfach von Unbekannten körbeweise Obst geerntet worden – insbesondere Äpfel und Quitten. Neben Schäden an der Wiese und an Bäumen schmerze die Mitglieder der Verlust der Früchte. Schließlich stelle man aus der Ernte im Herbst verschiedene Säfte her.
Beim Natur- und Vogelschutzverein Dudenhofen sind Obstdiebstahl, abgerissene Äste, unbefugtes Betreten und Parken von Fahrzeugen sowie freilaufende Hunde ebenfalls zunehmende Probleme auf den knapp acht Hektar von Mitgliedern gepflegten Flächen, wie Vorsitzende Christiane Brell mitteilt. Die Biologin sagt, dass solche Streuobstwiesen die „artenreichsten Lebensräume Mitteleuropas“ sind. Auf den bis in die 1960er-Jahre häufigen Obstäckern und Ackerbrachen waren Vögel wie der Wendehals und der laut Roter Liste des Landes stark gefährdete Wiedehopf, der Wappenvogel des Vereins, noch weit verbreitet, inzwischen sind sie in der Region selten geworden oder ganz verschwunden. Zur letzteren Gruppe zählen die im Bundesland bereits gar nicht mehr anzutreffenden Arten Rotkopf- und Schwarzstirnwürger, informiert Brell.
Auf Roter Liste
Der Wappenvogel des Vereins der Vogelfreunde Hanhofen, der Pirol, kommt in den Streubostwiesen noch vor. Er gilt laut Roter Liste im Land aber als gefährdet. Thomas Dolich, der sich im Verein besonders für den Vogelschutz engagiert, teilt mit, dass die Hanhofener 1995 die Aktion „Streuobst für die Natur“ starteten. Mehrere Dutzend alte Obstsorten wurden auf verschiedenen Parzellen gepflanzt. Davon profitieren neben Insekten und Vögeln wie Fasan und Rebhuhn auch Säugetiere wie Feldhasen, betont er.
Die anderen beiden Naturschutzvereine wählten für ihre Flächen ebenfalls alte, regionale Sorten aus. Zusammen pflegen sie inzwischen ungefähr 600 Obstbäume. Der Baumschnitt, das Wässern bei Trockenheit und die Mahd sind für die Mitglieder sehr zeitaufwendig. Nach der Corona-Krise wollen die Vereine wieder Exkursionen anbieten, um über den ökologischen Wert der Streuobstwiesen zu informieren.
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