Rhein-Pfalz Kreis Vogelfutter wird nicht verschmäht
«BOBENHEIM-ROXHEIM.» Wer flexibel ist und sich anpasst, der überlebt. Das lehrt uns die Mönchsgrasmücke. Sie erobert sich neue Überwinterungsgebiete, ernährt sich nicht mehr nur von Insekten, sondern auch von Beeren und dem Inhalt von Futterhäuschen. Ein Mönchsgrasmücken-Weibchen hat der Ornithologe Thomas Dolich von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) im Dezember am Silbersee in Bobenheim-Roxheim entdeckt. Es ist die zweite gemeldete Sichtung dieses Vogels im Dezember 2018 in Rheinland-Pfalz.
Der Name Mönchsgrasmücke leitet sich von der sie kennzeichnenden schwarzen oder braunen Kappe ab. Die Art gehört zur Gattung der Grasmückenartigen oder lateinisch Sylviidae und hat nichts mit Gras oder Mücken zu tun, betont Thomas Dolich: „Grasmucka lautete der althochdeutsche Name, was so viel wie Grauschlüpfer oder grauer Heckenschlüpfer bedeutet. Daraus ist durch Lautverschiebungen im Laufe der Zeit das Wort Grasmücke entstanden.“ Die Mönchsgrasmücke zählt zu den Kurz- und Mittelstreckenziehern, das heißt, dass die von ihr am häufigsten angesteuerte Winterquartier die Gegenden rund um das Mittelmeer sind. Nur Langstreckenzieher fliegen laut Thomas Dolich tief nach Afrika hinein. Aber es gibt wohl auch zunehmend Mönchsgrasmücken, die hier überwintern, worauf die deutschlandweit 50 gesichtete Exemplare im Dezember 2018 deuten könnten. „Interessant ist, dass die Mönchsgrasmücke etwa seit den 1960er-Jahren im Winter auch nach Nordwesten zieht, nach England und auf die milden Shetlandinseln“, erklärt der Vogelkundler. „1981 hat man bei Kontrollen beringte Vögel auf den Shetlandinseln gefangen“, fügt er hinzu. Die Art profitiere dort – und vielleicht bald auch hier – vom milder werdenden Klima. Forschungen hätten ergeben, dass mittlerweile etwa 40 Prozent der Mönchsgrasmücken nicht mehr nach Süd-Südwest, sondern nach Nord-Nordwest ziehen. Das sei eine kleine Sensation, denn dass sich der vererbte Zugtrieb in Richtung Süden in so kurzer Zeit verändern könne, das sei neu gewesen. Für Dolich liegen die Vorteile klar auf der Hand: „Es ist für die Vögel weniger Aufwand, nach Großbritannien zu ziehen, denn nach dem Winter sind sie schneller wieder in ihren Brutgebieten, können die besseren Reviere besetzen und erfolgreicher brüten. Und diese Mönchsgrasmückenart mit dem verändertem Zugverhalten breitet sich aus.“ Dass die Mönchsgrasmücke von allen Grasmücken als einzige Art eine positive Bestandsentwicklung vorweisen kann – allein in Rheinland-Pfalz gibt es laut Dolich rund 300.000 Brutpaare –, sieht der Vogelkundler aber auch darin begründet, „dass die Tiere flexibel sind“. Das heißt, die melodisch flötenden Singvögel sind nicht auf Insekten, Larven oder Würmer festgelegt, sondern fressen auch Früchte, Beeren und was an von Menschen bestückten Futterstellen angeboten wird. Mittlerweile leben sie nicht nur im Wald, sondern auch in Siedlungen, gebüschreichen Gärten und Parks. Der sperlinggroße Vogel brütet in niedriger Vegetation, was sein Gelege leicht zugänglich macht für tierische Räuber wie Katzen, Marder und Eichhörnchen. Zu den Feinden des Vogels gehören aber auch Starkregen und Hagel, Parasiten und Infektionskrankheiten. Doch der Hauptfeind ist der Mensch, der den Lebensraum der Mönchsgrasmücke zerstört und ihre Nahrung durch Pflanzenschutzmittel vergiftet. Die Serie Der Silbersee mit dem Roxheimer Altrhein ist das wichtigste Gewässer für rastende Wasservögel in Rheinland-Pfalz. Doch nicht nur auf dem See können allerlei exotische Gäste und bekannte Anwohner beobachtet werden. Auch im Gebüsch und in den Wipfeln trällert es eifrig. In unserer Serie „Hergezwitschert“ stellen wir interessante Vogelarten vor, die man mit Glück und Geduld in der Region antreffen kann.