Bobenheim-Roxheim Ukrainische Stiftung sammelt Spenden für Kriegsgebiete

Einige der Spenden, die Viktor Dergachov (links) und Valentin Tsymbal von Ti Potriben mit nach Charkiw nehmen. Lisa Tsymbal (rec
Einige der Spenden, die Viktor Dergachov (links) und Valentin Tsymbal von Ti Potriben mit nach Charkiw nehmen. Lisa Tsymbal (rechts) unterstützt ihren Mann von Bobenheim-Roxheim aus, wohin sie geflohen ist.

Eigentlich wurde die Stiftung Ti potriben (deutsch: „Du wirst gebraucht“) im ostukrainischen Charkiw gegründet, um sich für Kinder mit Einschränkungen einzusetzen. Im Krieg sammelt die gut vernetzte Gruppe aber auch Spenden.

„In Charkiw und Gebieten in der Umgebung fallen jeden Tag Bomben, jeden Tag sterben Menschen“, sagt Arzt Valentin Tsymbal., der für einige Tage in Bobenheim-Roxheim ist. Wir sitzen auf der Terrasse der deutschen Gastgeber, die seine Frau Lisa mit ihrer Schwester und zwei Kindern in Bobenheim-Roxheim, aufgenommen hatten, nachdem die Frauen aus der Ukraine geflohen waren. Die 30-Jährige Lisa erzählt von vielen zerstörten zivilen Gebäuden und Schäden an der Infrastruktur in ihrer Heimat „Das größte Problem ist die Nähe von Charkiw zu russisch besetzten Gebieten.“ Die Front ist nah. Immer wieder seien Raketen am Himmel zu sehen.

Viele, die während der letzten schweren Kämpfe um die Stadt geflohen sind, seien schon zurückgekehrt, sagt Valentin Tsymbal, auch Familien mit Kindern. Oft fehle das Geld für eine Flucht, viele hat der Krieg arbeitslos gemacht. Andere trauen sich nicht zu, in ein Land zu fliehen, dessen Sprache sie nicht kennen. Ältere, die eine Flucht nicht mehr schaffen oder nicht gehen wollen, wollen viele ebenso wenig zurücklassen wie ihre männlichen Angehörigen. „Es ist schwer, für lange Zeit getrennt zu sein“, erklärt Lisa Tsymbal. Das schlimmste sei aber, zu hören, wie sich ihre Landsleute an den Krieg gewöhnen, findet sie – auch wenn das unvermeidbar sei, um irgendwie einen Alltag im Ausnahmezustand zu leben.

„Das ist meine Mission“

Männer im kampftüchtigen Alter wie Valentin Tsymbal dürfen die Ukraine derzeit eigentlich nicht verlassen. Doch er ist mit seinem Freund, dem Anwalt Viktor Dergachov, drei Tage in die Vorderpfalz gefahren, um Hilfsgüter abzuholen. Der ukrainische Arzt ist einer der vier Köpfe hinter der Stiftung Ti potriben, die er 2020 mit zwei Freunden aus Studienzeiten, Oleksandr Onikiienko und Fedir Lushukov, und einem Bekannten aus Bayern, Hans Kaiser, gegründet hat. Die Organisation engagiert sich vor allem in der Palliativarbeit und für Kinder mit körperlichen und seelischen Einschränkungen und nutzt dabei ihr großes Netzwerk aus verschiedenen Fachbereichen.

Anwalt Viktor Dergachov erzählt, er sei bei Kriegsausbruch zu den drei Freunden gegangen und habe gesagt: „Gebt mir eine Aufgabe.“ Er sei kein Soldat, kein Mediziner, aber er könne als Fahrer und Rechtsexperte in der Stiftung seinen Beitrag leisten. „Ich muss den Leuten, den Kindern helfen. Weil das meine Mission ist.“ 27.000 Kilometer legt er dafür in zwei Monaten zurück. Fünfmal sind sie seit April von Charkiw nach Deutschland und zu anderen Zielen in Europa gefahren, um Hilfsgüter einzusammeln. Die Ausreise sei mit jedem Mal komplizierter geworden. Die ukrainische Regierung erlaubt ihnen als Hilfsorganisation jeweils für zehn bis 14 Tage ins europäische Ausland zu fahren. Dann müssen sie sich an der Grenze zurück melden, sonst werden sie strafrechtlich verfolgt.

„Unsere Kollegen in den Krankenhäusern in der Ukraine brauchen Hilfe, um die Versorgung unter diesen Bedingungen aufrechtzuerhalten“, berichtet Valentin Tsymbal. Es fehle an medizinischer Ausrüstung. Lokale Hilfsgruppen, Krankenhäuser und Militär schreiben der Stiftung Briefe mit benötigten Gütern. Nach eigenen Angaben bereitet Ti potriben Lebensmittel, Medikamente und lebenswichtige Produkte vor und liefert sie aus, organisiert die Evakuierung von Menschen aus den zerstörten Dörfern, hilft beim Schließen zerbrochener Fenster und baut Unterkünfte. Neben den vier Gründern und Engagierten innerhalb des medizinischen Netzwerks gehören laut Viktor Dergachov noch 35 bis 40 Freiwillige zur Gruppe, die vor Ort Spenden an die Menschen ausgeben.

Wer alte, aber noch funktionstüchtige medizinische Geräte abgeben will, kann die Stiftung kontaktieren. Auch seltene Medikamente seien in der Ukraine schwer zu bekommen, sagt Valentin Tsymbal. Herkömmliche Arzneien abzuholen, lohne sich dagegen nicht, da es günstiger sei, verfügbare Medizin vor Ort zu kaufen als die Spritkosten für eine mehrtägige Fahrt ins Ausland zu stemmen. Ti potriben freut sich deshalb über Geldspenden sowie über Unterstützung bei der Suche und dem Kauf von Fahrzeugen für die Freiwilligen in umkämpften Gebieten und Krankenhäusern in der Ostukraine.

Geländetaugliche Pkw

Geeignet sind demnach große Fahrzeuge wie SUV oder Pick-ups, die auch in von Bomben zerstörtem Gelände vorankommen. Außerdem braucht es Busse für die Evakuierung von Zivilpersonen und für Militärsanitäter, die verletzte Soldaten aus der Kampfzone bringen. Die Ukraine brauche das Militär, um ihre Verteidigung aufrechtzuerhalten. „Deshalb müssen wir es neben der zivilen Bevölkerung unterstützen“, erklärt Valentin Tsymbal.

„Wir wollen in Frieden Leben. Wir brauchen und wollen einen Sieg“, sagt Viktor Dergachov, „Die Ukraine ist nicht Russland.“ Gerade am Tag der Ukraine und an dem davor sei Charkiw unter Beschuss genommen worden. Es galt über drei Tage eine Ausgangssperre, alle Geschäfte waren geschlossen. Die Menschen wurden aufgefordert, Bunker aufzusuchen „Die Leute haben Angst um ihr Leben und das ihrer Familien“, sagt Lisa Tsymbal. Die Deutschen seien sehr hilfsbereit und freundlich und hätten viel für ihre Familie getan. „Wir wollen Demokratie, so wie ihr sie hier habt, keine Diktatur“, ergänzt ihr Mann. In ein paar Stunden muss er sich wieder von Frau und Tochter verabschieden. In Charkiw warten Kinder auf den Arzt und den Anwalt, die sich bestimmt über die Spielsachen freuen, die sie diesmal neben anderen Spenden aus der Pfalz mitbringen.

So können Sie spenden

Wer die Stiftung Ti potriben unterstützen will, kann auf folgendes Konto spenden: IBAN – BE26 9673 3664 4829, BIC – TRWIBEB1XXX, Kontoinhaber – Oleksandr Onikiienko. Es handelt sich um ein belgisches Konto, weil das Bezahlen von Hilfsgütern im EU-Ausland in Euro abgewickelt wird. Aufgrund von Restriktionen ist das von einem ukrainischen Konto mit Guthaben in der Landeswährung derzeit nicht ohne Weiteres möglich. Auch Überweisungen auf ein ukrainisches Bankkonto sind eingeschränkt.

Noch Fragen?

Mehr zur Arbeit der Stiftung auf Englisch unter www.tipotriben.com.ua/en, auf Instagram unter @tipotriben und auf Facebook unter @fondtupotriben. Kontakt per E-Mail an info@tipotriben.com.ua.

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