Rödersheim-Gronau RHEINPFALZ Plus Artikel Ukrainisch-deutsch: Das Beste aus zwei Weihnachtswelten

Haben sich inzwischen mit hiesigen Gepflogenheiten vertraut gemacht: Plätzchen backen ist eine Tradition, die Iryna Tymofiieva u
Haben sich inzwischen mit hiesigen Gepflogenheiten vertraut gemacht: Plätzchen backen ist eine Tradition, die Iryna Tymofiieva und ihre Kinder hier in Deutschland lieben gelernt haben.

Weihnachten ist nicht nur die Zeit des Schenkens, sondern auch die Zeit des Erinnerns, etwa an die vielen Feste, die man schon mit den Lieben erlebt hat. Iryna Tymofiieva kann viel darüber erzählen. Sie lebt seit ihrer Flucht aus der Ukraine mit ihrer Familie in Rödersheim-Gronau. In ihrer Heimat war Weihnachten in vielen Dingen anders, aber nicht in allen.

Seit fast drei Jahren ist Rödersheim-Gronau die neue Heimat der Tymofiievas. Die junge Familie flüchtete im Jahr 2022 vor den Wirren des Ukraine-Kriegs, erst gelang Iryna Tymofiieva die Flucht mit ihren beiden Kindern Nikita und Timur, ein halbes Jahr später konnte auch ihr Mann in die Kreisgemeinde kommen. Sie seien hier herzlich aufgenommen, erzählt sie und haben schnell Anschluss gefunden, vor allem weil ihre Kinder in drei Sportvereinen im Ort aktiv sind.

Als sie damals hierherkam, war es so etwas wie ein Kulturschock, gibt Iryna Tymofiieva zu. Sie stammt aus der Umgebung von Kiew, einem eher urbanen Umfeld. „Als ich das erste Mal das Dorf erblickte, dacht ich, es sieht hier aus wie in einem Heimatfilm – die kleinen Häuser, zum Teil aus Fachwerk, die alten Höfe – das hat mir sehr gefallen“, erinnert sich die heute 40-Jährige. Auch das erste Weihnachten hier war voller neuer Erfahrungen: Solange sie in der Ukraine lebte, war der 7. Januar der Tag, an dem Weihnachten gefeiert wurde. In ihrem Heimatland galt für die kirchlichen Feste der julianischen Kalender. Erst ab dem Neujahrstag begannen die Weihnachtsferien und die Weihnachtszeit.

Fasten vor dem Feiern

Während man in Deutschland die Vorweihnachtszeit mit Weihnachtsmärkten und -feiern zelebriert und sich mit Plätzchen, Bratwurst, Glühwein und allerlei Leckereien den Bauch vollschlägt, wird in der Ukraine 40 Tage vor dem 7. Januar gefastet: „Dann verzichtet man zum Beispiel auf Eier, Milch und Fleisch“, erzählt sie. Früher sei das strenger gehandhabt worden, heute hielten sich viele nicht mehr so sehr daran, erzählt sie, es sei mehr und mehr freiwillig geworden.

Iryna Tymofiievas Deutsch ist mittlerweile sehr gut, sie hat bereits mehrere Kurse besucht und arbeitet im sozialen Bereich, auch ihr Mann hat einen Job gefunden. In der ersten Zeit schlugen sie sich mit Englisch durch. Die 40-Jährige hat in ihrer Heimat Ökonomie studiert, Fachrichtung Management. Bis zum Ausbruch des Kriegs arbeitete sie bei einer Bank. Auch ihre Mutter flüchteten – nach Kanada, wo Irynas Schwester lebt. Doch das Heimweh sei trotz der Kriegsgefahren größer gewesen. Nun lebt sie wieder in der Ukraine, in der Nähe von Kiew. „Sie hat fast jeden Tag Alarm, für mich ist das traurig und es macht mir Angst“, sagt Iryna Tymofiieva.

Im ersten Jahr ihrer Flucht konnten die Schwiegereltern sie hier in Rödersheim-Gronau zu Weihnachten besuchen. Und da gab es natürlich das traditionelle Weihnachtsessen. Denn die enthaltsame Zeit wird mit einem üppigen Mahl am Svyaty Vechir beendet, am Heiligen Abend, dem Abend vor dem 7. Januar. Ähnlich wie in Deutschland kam dann die Familie zusammen. Iryna erinnert sich noch gut, dass sie meist zu ihren Großeltern gefahren sind. „Das war immer ein großes Abenteuer“, erzählt sie.

Singend von Tür zu Tür

Für den besonderen Abend sind zwölf verschiedene Gerichte gekocht worden, angelehnt an die zwölf Apostel. In der Küche standen meist die Frauen, das sei in der Ukraine noch sehr traditionell, sagt sie und schmunzelt. Eine Speise musste auf jeden Fall auf den Tisch kommen: Kutja. Die traditionelle Getreidespeise ist ein Brei aus Weizen oder Gerste, der dann mit Zucker oder Honig gesüßt und mit anderen Zutaten verfeinert wird, wie Nüsse oder Mohn. Die Variationen seien vielfältig – es gibt süße und deftige. „Davon wurde meist eine sehr große Portion gekocht, denn es hält sich mehrere Tage und schmeckt warm und kalt“, erzählt die junge Mutter. Ein anderes Gericht ist Bortsch – eine Art Kohlsuppe mit Roter Bete. Und dann gibt es da noch Wareniki – das sind kleine Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffelpüree, Quark, Fleisch oder Kohl, aber auch süße Füllungen aus Kirschen oder anderen Früchten sind möglich. „Besonders die mit den Fruchtfüllungen sind sehr, sehr lecker“, schwärmt Iryna Tymofiieva.

Am 8. Januar ist das „Kolyaduvannya“ eine Tradition: „Männer, Frauen und Kinder haben sich zu Gruppen zusammengefunden, laufen von Tür zu Tür und singen weihnachtliche Lieder“, erläutert Iryna Tymofiieva. Dabei tragen sie alte Kostüme und einen Stern aus Holz wie bei uns die Sternsinger. Ein Lied wird dabei fast immer gesungen, denn auf dieses sind die Ukrainer besonders stolz: „Shchedryk“ aus der Feder des ukrainischen Komponisten Mykola Leontovych. „Das Lied ist in der englischen Version unter dem Titel ,Carol of the bells’ in der ganzen Welt bekannt“, erzählt Iryna Tymofiieva und stimmt die eingängige Melodie an. Sie singt sehr gut und schon immer gern. Hier singt sie nun im Chor The Voices und im Frauenchor des MGV Frohsinn Rödersheim.

Wo findet man den Mann fürs Leben?

Und von einer Tradition möchte sie unbedingt noch erzählen, weil sie als junges Mädchen mit ihren Freundinnen damit so viel Spaß hatte. Es ist eine Art Spiel, mit dem die Mädchen Hinweise suchen, die etwas über ihren zukünftigen Ehemann verraten. „Zum Beispiel wirft man draußen einen Stiefel auf die Straße. In die Richtung, in die die Spitze zeigt, dort wohnt der Mann, in den man sich im neuen Jahr verlieben wird“, erzählt sie.

Aber auch die Weihnachtstraditionen hier in Deutschland gefallen ihr sehr – etwa die geschmückten Häuser und Gärten, der Adventskranz, das Plätzchen backen oder die vielen Weihnachtsmärkte. Dass es hier bei uns am 24. Dezember viele Geschenke gibt, daran haben sich vor allem ihre Söhne Timur (10) und Nikita (6) nur allzu gern gewöhnt. In der Ukraine gab es an Silvester ein kleines Geschenk für die Kinder. „Nun wollen sie am 24. Dezember wie die deutschen Kinder und 31. Dezember wie die ukrainischen Kinder beschenkt werden“, erzählt sie und lacht.

Traditionen bleiben, aber ändern sich auch: Seit vergangenem Jahr hat die orthodoxe Kirche der Ukraine beschlossen, dass nun für die Gläubigen am 25. Dezember das Weihnachtsfest gefeiert wird. Aber das kennen die Tymofiievas ja schon. Aber das Beste in diesem Jahr ist, dass ihre Mutter sie zu Weihnachten besuchen kommt, „wenn alles gut geht“, hofft sie.

Adventskalender

Viele Menschen sorgen im Rhein-Pfalz-Kreis dafür, dass wir besinnlich, bunt und lecker auf Weihnachten zusteuern. In unserem Adventskalender stellen wir an jedem Erscheinungstag bis zum Heiligen Abend ein schönes Beispiel vor.

In Rödersheim-Gronau eine neue Heimat gefunden: Timur, Nikita und Iryna Tymofiieva.
In Rödersheim-Gronau eine neue Heimat gefunden: Timur, Nikita und Iryna Tymofiieva.
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