Dudenhofen
Talkrunde mit Ministerin: In Sorge um die Bildung im Land
Die Lehrer waren unter den rund 50 Zuhörern im Bürgerhaus klar in der Mehrheit, aber auch viele Erzieher und einige Eltern waren zur Talkrunde mit der Ministerin gekommen. Schüler hatten sich bis auf die Gastgeber von den Jusos wohl keine zum Gespräch mit Stefanie Hubig (SPD) verirrt. Diese nach Dudenhofen einzuladen, bot sich insofern an, als die örtliche Grundschule vor einigen Monaten wegen des beständig hohen Krankenstands in der Lehrerschaft und dem daraus folgenden Unterrichtsausfall verstärkt Thema in der Ortspolitik war. In der Talkrunde waren die Probleme in der Clemens-Beck-Grundschule nur einer von vielen angesprochenen Punkten. Zur Frage einer Mutter, warum die Schule krankheitsbedingt lange ohne Leitung auskommen musste, bekannte die Ministerin, bei fast 1000 Grundschulen im Land über den konkreten Fall nichts zu wissen. Oft stoße aber die Schulaufsicht an ihre Grenzen, wenn es darum gehe, Personal zu finden.
Die fast zweistündige Talkrunde neigte sich da bereits dem Ende zu. Zuvor waren viele Themen aufs Tapet gekommen, bei denen Lehrer, Erzieher und Eltern auf der einen sowie die Ministerin auf der anderen Seite nicht auf einen Nenner kamen. Hubig verwies auf rund 18.000 Schüler zusätzlich, die durch den Flüchtlingszustrom Schulen in Rheinland-Pfalz besuchen – weitgehend „außerhalb der Wahrnehmung der Öffentlichkeit“. Zwar bekannte Hubig, dass es aufgrund des Fachkräftemangels nicht immer möglich sei, alle offenen Stellen sofort zu besetzen, sie verwies aber auf 1600 neu eingestellte Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz. Die Schwierigkeit, Personal zu rekrutierten, führten einige anwesende Lehrer auch auf die ihrer Ansicht nach unzureichende Bezahlung zurück.
Millionen für Digitalisierung
Auch bezüglich anderer Baustellen wie der Digitalisierung hatte Hubig Zahlen im Gepäck, die beweisen sollten, wie gut vieles in Rheinland-Pfalz läuft: 240 Millionen Euro Bundesmittel aus dem Digitalpakt seien vom Land um eigene Mittel ergänzt worden, sodass in den vergangenen fünf Jahren bis zu 350 Millionen Euro für Digitalisierung bereitgestellt worden seien. Für Schulen in Speyer seien alleine aus dem Basis-Digitalpakt drei Millionen Euro bewilligt, abgeflossen sei eine Million.
Den schlechten baulichen Zustand vieler Schulen und die Probleme durch die Aufnahme einer wachsenden Zahl an Kindern fast ohne Deutschkenntnisse sprachen insbesondere Lehrer und Lehrerinnen aus Schulen im hoch verschuldeten Ludwigshafen, aber auch Speyerer Pädagogen an. Von Mäusebefall und seit Monaten nicht reparierten Türen sprach ein Lehrer, der an einer Gesamtschule in der Chemiestadt unterrichtet. Eine Lehrerin an der Grundschule im Ludwigshafener Stadtteil Rheingönheim beschrieb, wie der Anteil an Kindern ohne Deutschkenntnisse in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen sei und vor welche Probleme das die Lehrerschaft stellt. Eine Pädagogin in einer Speyerer Realschule plus nannte die Zusammensetzung der Klassen, in denen viele neu zugewanderten Kinder seien, gar „eine Katastrophe“. Sie forderte mehr Personal und „kleinere Gruppen“. Es gebe eine „riesige Menge an Menschen, die bei uns verloren gehen“.
Hubig verwies auf Sprachförderung und zusätzliche Stunden dafür in Ludwigshafener Schulen. „Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Das hat niemand richtig auf dem Schirm gehabt“, sagte sie. Es sei aber auch nicht realistisch zu erwarten, dass alle Schüler mit den besten Voraussetzungen ausgestattet an die Schulen kommen.
Jan Kritzer, Vorsitzender der SPD Dudenhofen, lenkte den Blick auf die Kitas: Wie könne man den Beruf des Erziehers beziehungsweise der Erzieherin attraktiver machen angesichts des Personalmangels und des Anspruchs auf siebenstündige durchgehende Betreuung? Mit dem Kita-Zukunftsgesetz seien 1600 zusätzliche Stellen geschaffen worden, sagte die Ministerin. „Wir sehen, dass es in ganz Deutschland Fachkräftemangel gibt. Das ist ein bisschen der Knackpunkt“, schränkte Hubig aber ein.
Keine Paläste als Kitas
Der Personalmangel sei das eine, hinzu komme aber das Problem, Platz für Essens- und Schlafräume zu schaffen, entgegneten anwesende Erzieherinnen. So fehlten in Dudenhofen oder Römerberg dafür teils die Räumlichkeiten, und es sei kein Geld da, diese zu schaffen. Die Kommunen würden dabei finanziell zu wenig unterstützt. Hubig verwies auf Übergangsfristen und Investitionsprogramme. Kitas zu bauen sei zwar teuer. „Wir geben aber nicht vor, dass es Paläste sein müssen“, sagte sie. Wichtig seien Best-Practice-Beispiele, wie mit begrenzten Mitteln gute Kitas gebaut werden können. So habe die Verbandsgemeinde Weißenthurm Musterkitas, die variiert werden können. Dudenhofens Ortsbürgermeister Jürgen Hook (SPD) sprach in dem Zusammenhang die Vorgabe an, dass die Gemeinden ausgeglichene Haushalte vorlegen müssen.
Tina Hilarius, Leiterin der Kita St. Marien in Heiligenstein, benannte ein weiteres Problem für die Kindergärten: Erzieherinnen wanderten ab, weil sie zum Teil mit Einzelbetreuung mehr Geld verdienten. Dass es „Fachkräfteklau“ gebe, bestätigte Hubig zwar, verwies aber darauf, dass das Land nicht die Bezahlung aushandle. Elke Schall, Leiterin der katholischen Kita in Berghausen, beklagte das Ende des Sprach-Kita-Programms. Die „alltagsintegrierte Sprachförderung“ reiche nicht aus, um alle Kinder auf einen guten Start in der Grundschule vorzubereiten. Und eine Erzieherin aus Altrip bedauerte, dass aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen immer weniger junge Menschen ihren Beruf ergreifen möchten.
Zumindest eines wäre dem Nachwuchs gewiss: der Dank der Bildungsministerin „aus vollem Herzen“, den diese den Anwesenden für ihre Arbeit aussprach. Ob das genügt, die Stimmung bei rheinland-pfälzischen Lehrern und Erziehern zu verbessern?
