Mutterstadt / Schifferstadt
Tag des offenen Denkmals: Neuer Blick auf Altbekanntes
Schon im Mittelalter war der Schifferstadter Marktplatz Ort für Gerichtsverhandlungen. Nachdem ein 1501 erstmalig erwähntes Bauwerk 50 Jahre später durch den Markgrafen von Brandenburg zerstört worden war, baute Fürstbischof Rudolf von Frankenstein an der gleichen Stelle 1558 das heutige Rathaus. „Er war der Gerichtsherr von Schifferstadt, gleichzeitig auch Bischof von Speyer und Abt von Weißenburg“, weiß Helmut Elmer, seit 15 Jahren einer der ehrenamtlichen Stadtführer von Schifferstadt. Der 81-Jährige hat viel zu erzählen – so auch zur Bedeutung des Wappens am Eingang des Rathauses: „Das silberne Kreuz symbolisiert die Zugehörigkeit zum Bistum Speyer, die beiden Burgtürme stellen Weißenburg dar, und das Beil war das Hauswappen des Erbauers.“ Verhandelt wurden in zweiwöchentlichem Turnus kleinere Delikte wie Wald- und Felddiebstahl, Wilderei, aber auch häusliche Gewalt. Die gewichtigen Sachen kamen hingegen vor das Gericht in Hanhofen. Zwei Mal im Jahr jedoch erlebte Schifferstadt „großes Kino“: Hierzu herrschte Versammlungspflicht für alle Einwohner vor dem Rathaus, wobei über allerlei Fälle informiert und verhandelt wurde.
Krieg überstanden, durch Feuer zerstört
Einen Fall, wie er hätte sein können, zeigte am Tag des offenen Denkmals ein Film im Untergeschoss des Alten Rathauses: eine Zechprellerei im Hurenhaus. Tatsächlich erhielten die Herren, die zwar allerlei Kurzweil zugetan, aber zahlungsunfähig waren, ihre gerechte Strafe. Sie bestand in diesem Fall aus finanzieller Wiedergutmachung. Wieder andere Übeltäter, oftmals weiblichen Geschlechts, die als liederlich oder „Betze“ galten, mussten kurze Haftstrafen in der so genannten „Betzekammer“ absitzen, die auch als Ausnüchterungszelle diente, wie Elmer informierte.
Während das Gebäude den 30-jährigen Krieg unbeschadet überlebte, zerstörte 1680 ein Brand das Obergeschoss. 1685 wurde es wieder mit reichem Fachwerk errichtet. Jahrhundertelang befand sich unten der Gerichtssaal, oben die Verwaltung. Doch das altehrwürdige Gebäude erlebte zahlreiche weitere Nutzungen: Von 1906 bis Anfang der 1930er-Jahre war darin die Gemeindesparkasse (heute Sparkasse Vorderpfalz) ansässig; zeitweise diente das Fachwerkhaus der Feuerwehr und als Schule. Heute gilt das Alte Rathaus nach umfassenden Renovierungsarbeiten in den 1970er- und 80er-Jahren als eins der schönsten historischen Rathäuser der Vorderpfalz. Und es wird für Empfänge, Ehrungen, Trauungen und kulturelle Veranstaltungen genutzt.
Ruheort mitten in Mutterstadt
In Mutterstadt nahem rund 100 Interessierte am Tag des offenen Denkmals an den beiden Führungen des Historischen Vereins Mutterstadt über den dortigen Alten Friedhof teil. Die Gemeinde hegt bereits Pläne, den Totenacker mit seinem Jahrhunderte alten Baumbestand in einen Park umzuwidmen. Der Verein bringt kreative Ideen zur Nutzung des Geländes ein, um die Erhaltung der 25 ortshistorisch wertvollen Grabstätten, Kriegsdenkmäler und Sarkophage zu finanzieren. „Vorstellbar sind Benefizkonzerte und Freiluftausstellungen“, lautet der Wunsch von Vereinsmitglied Volker Schläfer. Der wusste Wissenswertes über die Mutterstadter Bürger, die auf dem Friedhof bestattet sind, zu berichten. Zum Beispiel über Jakob Weber, geboren 1873. Er war der erste hauptamtliche Bürgermeister von Mutterstadt, kümmerte sich um die Elektrizitätsversorgung, ließ den Wasserturm und die Pestalozzischule samt Volksbad bauen.
Der Sozialist endete Anfang der 1930er-Jahre im Konzentrationslager und ist eines der ersten politischen Opfer der NS-Zeit in der Pfalz. Eine seiner Initiativen galt den Hinterbliebenen der Explosion bei der BASF in Oppau vor 100 Jahren, die über 500 Menschen das Leben gekostet hatte. Er rief die Oppau-Hilfe ins Leben, und auf dem Friedhof erinnert ein Gedenkstein an die elf verunglückten Mutterstadter. Weitere Zeitzeugnisse sind das restaurierte „Grab der Brezelfrau“ Maria Salome Biebinger als ersten Beleg der Friedhofsnutzung 1748 sowie das erste Urnengrab von 1908, damals eine Besonderheit.
Des Weiteren gab es am Tag des offenen Denkmals Führungen durch die katholische Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Otterstadt, die katholische Kirche St. Martin in Hanhofen sowie das ehemalige katholische Pfarrhaus zu Böhl.