Rhein-Pfalz-Kreis
Tödlich für Kaninchen
Am Vormittag hoppelt das flauschige Kaninchen noch fröhlich durch sein Gehege, mittags liegt es tot da, Blut sickert aus den Körperöffnungen. „Das kann manchmal innerhalb von zwei bis drei Stunden gehen“, sagt Tierarzt Thomas Schreiner. Der in Böhl-Iggelheim praktizierende Veterinär hat mit Kaninchen 30 Jahre Erfahrung und selbst gezüchtet. Als Facharzt für öffentliches Veterinärwesen hat er auch im Regierungspräsidium Darmstadt und im Landkreis Offenbach gearbeitet, hat viel Erfahrung mit Infektionskrankheiten.
Der schnelle Tod der Kaninchen kommt von einer Viruserkrankung, die Wissenschaftler Rabbit Haemorrhagic Disease (RHD) genannt haben. Auslöser sind Viren, die bei Befall zu inneren Blutungen führen. Die Krankheit wurde erstmals in den 1980er-Jahren in China festgestellt, weshalb bis heute auch vom „Chinavirus“ gesprochen wird. Und auch hier gibt es eine neuere, ansteckendere Variante, RHD2. Schon wesentlich länger bekannt ist die Myxomatose, auch Kaninchenpest genannt. Augenlider, Lippen und Genitalien sind dabei stark geschwollen, das Tier wirkt apathisch und stirbt innerhalb von ein bis zwei Wochen. Beide Krankheiten betreffen nur Kaninchenarten, Menschen und andere Tiere können sich nicht anstecken.
Verhängnisvolle Geselligkeit
Im Rhein-Pfalz-Kreis ist der Bestand an Wildkaninchen zurück gegangen, ein Indiz sind die Abschusszahlen: Brachten 2010 die Jäger noch 3730 Wildkaninchen zur Strecke, waren es 2020 nur noch 681. Stärkere Vorkommen gebe es in Ludwigshafen und Frankenthal, in der Fläche ist der Bestand gesunken, schätzt Kreisjagdmeister Bernhard Sona aufgrund dieser Zahlen. Kaninchen werden bejagt, weil sie sich sprichwörtlich schnell vermehren und erheblichen Schaden anrichten können. Feldfrüchte wie Rüben knabbern sie gerne an, sie unterhöhlen Bauwerke und Böschungen. Jäger müssen deshalb die Anzahl der Kaninchen gering halten – sonst werden sie für Schäden in ihrem Revier zur Kasse gebeten.
Nach Einschätzung des Kreisjagdmeisters sei für den Rückgang der Kaninchen seit zehn Jahren vorwiegend RHD verantwortlich. Darauf deuten auch vereinzelte Funde. Die sind selten, weil die Kaninchen in ihren Bauten sterben oder vom Fuchs geholt werden, wenn sie davor liegen. Ihr geselliges Leben werde ihnen zum Verhängnis: „Wird das Virus eingeschleppt, können ganze Kolonien in kurzer Zeit sterben“, sagt Sona.
Impfungen und gesunde Ernährung helfen
Konkrete Fälle hatte Veterinär Schreiner aktuell nicht in seiner Praxis. Kaninchenseuchen seien nichts Ungewöhnliches. „Seuchenzüge gibt es immer wieder, im Schnitt etwa alle drei bis fünf Jahre“, sagt der Mediziner. Bei RHD und Myxomatose sei besonders problematisch, dass die Viren von stechenden, blutsaugenden Insekten – wie Stechmücken und Flöhen – übertragen werden. Insofern bestehe auch für Zuchtkaninchen und im Haus lebenden Kaninchen Gefahr, wenn sie in Gehegen gehalten werden.
Doch es gibt Hilfe: „Für Myxomatose und beide RHD-Formen gibt es Impfungen“, erklärt der Veterinär. Die müssen mindestens jährlich, nach seiner Empfehlung eher halbjährlich wiederholt werden. Hilfreich sei eine gute Ernährung der Tiere. Wichtig sei Rohfaser. Futterpellets aus fein gemahlenem Pulver seien für Verdauung und Organismus der Kaninchen deutlich schlechter. Auch sei eine abwechslungsreiche Kost für die Gesundheit zu empfehlen.
Vom Menschen verbreitet
Bei Rasse-Kaninchen, die auf Ausstellungen und Wettbewerben gezeigt werden, müsse die Impfungen gegen RHD und Myxomatose nachgewiesen werden, sagt Otmar Wolpert, der Vorsitzende des Schifferstadter Kaninchenzüchtervereins. „Stellen Sie sich vor, da würde einer ein infiziertes Kaninchen zu einer Ausstellung bringen, wo tausende Tiere und hunderte Züchter sind“, sagt er. Ansonsten sei die Impfung freiwillig, aber unbedingt zu empfehlen, sagt Wolpert. Die Zuchtvereine können selbst impfen, auch der Schifferstadter Verein biete Impfungen an. Verwendet werde eine Impfung aus Frankreich, die in Deutschland zugelassen sei. Sie schütze mit einer Injektion gegen die RHD-Formen und Myxomatose. Kaninchen werden auch gehalten von Leuten, die sie essen wollen, weiß Wolpert. Unter denen gebe es einige, die sagen, sie wollen keine geimpften Tiere essen.
Wolpert weist auf einen interessanten Aspekt der Kaninchenseuchen hin: Die Ausbreitung sei von Menschen verursacht worden. Tatsächlich kam die Myxomatose nach Europa durch den französischen Arzt und Bakteriologen Paul-Félix Armand-Delille, der sich das Virus 1952 aus einem Labor besorgte, um die Kaninchenplage auf seinem Grundstück zu bekämpfen. Das RHD-Virus wurde in China entdeckt, aber dann bewusst in Australien und Neuseeland ausgebracht, um dort Kaninchen zu bekämpfen.