Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Syrer über Assads Sturz: „Ich war so glücklich, ich wollte tanzen“

Ein zerrissenes Plakat, das am Eingang des berüchtigten Sicherheitsgefängnisses „Palestine Branch“ angebracht wurde, zeigt den g
Ein zerrissenes Plakat, das am Eingang des berüchtigten Sicherheitsgefängnisses »Palestine Branch« angebracht wurde, zeigt den gestürzten syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Wegen Assad verließen sie ihre Heimat, nun ist die jahrzehntelange Diktatur in Syrien vorbei. Ehemalige Flüchtlinge aus Bobenheim-Roxheim erzählen, was sie jetzt empfinden.

Am zweiten Adventswochenende endete in Syrien eine seit 1971 bestehende Diktatur. Für die meisten Menschen in Bobenheim-Roxheim wird es ein typisches Wochenende in der Vorweihnachtszeit gewesen sein, für Housen Gauer war es eine Gefühlsachterbahn. Die Nachricht über das Ende des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad habe er per Telefon von einer Cousine erhalten, die in Großbritannien lebt. „Ich war so aufgeregt, dass ich die Fernbedienung mehrmals fallen gelassen habe“, erzählt der 43-Jährige über den Versuch, die TV-Nachrichten einzuschalten. Es sei schwer zu glauben, dass die Syrer nach 54 Jahren von der Familie Assad befreit sind.

In den Stunden davor hat Gauer aufgrund der Kämpfe noch um seine Familie gebangt, die in einem Vorort von Damaskus lebt. „Am Samstag war ich fertig mit den Nerven, am Sonntag war da nur Freude“, so Gauer. Sein bester Freund habe eingewandt, dass es unter einer möglichen neuen Regierung der islamistischen Rebellen nicht besser werden könne. Gauers Meinung: „Nach 54 Jahren unter der Assad-Familie dürfen wir wenigstens einen Tag feiern und uns einen Tag freuen, dass wir von diesem Regime frei sind.“

„Das Land baut sich nicht von alleine wieder auf“

Gauer, der in Syrien Jura studiert hat, war Mitglied im bisherigen Migrationsbeirat Bobenheim-Roxheim und ist bereits seit fast zehn Jahren in Deutschland. Geflohen ist er, weil er sich der Wehrpflicht des Assad-Regimes entziehen wollte. Seit zwei Jahren hat er eigenen Angaben zufolge die deutsche Staatsangehörigkeit. Als Anwalt kann er hier nicht arbeiten, aber als Angestellter bei einem Notar in Frankenthal. An eine dauerhafte Rückkehr nach Syrien denkt er aktuell nicht. „Ich habe hier in Deutschland bei null angefangen, nachdem ich in Syrien von einem Tag auf den anderen alles aufgeben musste“, erklärt er. Einen abermaligen Neuanfang in einem vom Bürgerkrieg zerstörten Syrien könne er sich derzeit nicht vorstellen. Gauer ist die innere Zerrissenheit anzumerken. „Das Land baut sich nicht von alleine wieder auf“, weiß er. Derzeit plane er jedoch keine Rückkehr, abgesehen von kurzen Besuchen bei seiner Familie. Die habe er seit neun Jahren nicht mehr gesehen – offiziell. Als sein Vater verstorben war, habe er sich einmal zu einer gefährlichen illegalen Einreise in seine Heimat entschlossen. „Ich wollte nicht, dass ich noch jemanden verliere, den ich so lange nicht mehr gesehen habe.“

Seine Familie will er nun auch ganz offiziell besuchen, sobald Reisen in sein Heimatland wieder sicher und möglich sind. Er hofft, dass sich seine Heimat unter einer neuen Regierung nicht zu einem streng religiösen islamistischen Staat, ähnlich wie Afghanistan, entwickeln wird.

Bruder in Assads Gefängnis gestorben

Eine ähnliche Geschichte hat Ahmad Salaas zu erzählen. Der 35-Jährige ist seit fast zehn Jahren in Deutschland. Doch aus Syrien geflohen ist er 2011, er hielt sich zunächst in Libyen und Saudi-Arabien auf. Auch er wollte sich dem Assad-Regime entziehen, Salaas Brüder hatten weniger Glück. „Mein ältester Bruder ist im Gefängnis gestorben“, erzählt Salaas. Sein jüngerer Bruder sei bis vor sechs Jahren im Gefängnis gewesen. Selbst der 2019 verstorbene Vater sei mehrmals für kurze Zeit inhaftiert gewesen. Sein verbliebener Bruder und seine Mutter, aus der Nähe von Damaskus stammend, lebten seit einiger Zeit mit Frau und Kindern des Bruders in einer Sammelunterkunft in einer Grenzregion im Norden – fast ohne Strom, ohne Kühlschrank und ohne Fernsehen. „Mein Bruder hat mir gesagt, ich soll in Deutschland bleiben.“

Wegen Assad habe er seit 2011 seine Familie nicht mehr gesehen. Dass der Diktator nicht mehr da ist, lässt ihn hoffen: „Ich kann meine Familie wieder treffen und wieder ruhig schlafen.“ Er habe den Fall Assads jedoch erst nicht glauben können. „Eine Woche zuvor gab es dafür noch kein Zeichen, ich kann gar nicht verstehen, wie das so schnell passieren konnte“, sagt Salaas.

„Meine Kinder sind zu 90 Prozent Deutsch“

In der Vorderpfalz hat er eine Ausbildung zum Industriemechaniker absolviert, im nächsten Jahr will er seinen Meister machen. Seine Tochter geht hier zur Schule, seine Frau ist schwanger. „Ich kann das nicht so einfach alles verlassen“, berichtet er, angesprochen auf die Diskussion um Geflüchtete, die eventuell zurückkehren wollen oder sollen. Salaas will aber gehört haben, dass es jetzt viele Syrer aus der Türkei und dem Libanon wieder in ihre Heimat zieht.

Eine andere Syrerin, die mit ihrer Familie in Bobenheim-Roxheim verwurzelt ist, ist Kindah Shahin. Die 48-Jährige ist genau wie Gauer und Salaas 2015 nach Deutschland gelangt. „Die Leute sind glücklich, weil Assad gestürzt wurde, aber wir wissen nicht, was jetzt kommt“, erzählt sie. Über ihr Handy habe sie um 4 Uhr morgens von der Nachricht erfahren. „Ich war so glücklich, ich wollte tanzen“, berichtet Shahin über ihre Gefühlslage. Ihr Mann habe sie sofort gefragt, ob sie zurück wolle. Sie hat Nein gesagt. „Meine Kinder bauen sich jetzt ihre Zukunft in Deutschland auf, ich kann das nicht kaputt machen“, erzählt sie. Ihre Kinder könnten Arabisch weder lesen noch schreiben, „sie sind zu 90 Prozent Deutsche“. Eines davon ist zudem in Deutschland geboren. „Ich habe mit ihnen gesprochen und sie wollen nicht nach Syrien“, begründet Shahin, warum sie mit ihrer Familie nicht zurückgehen will. Zudem sei nicht sicher, was jetzt vor Ort passiert. Shahin kennt in dieser Situation keinen Syrer, der zurückkehren möchte.

Housen Gauer
Housen Gauer
Kindah Shahin
Kindah Shahin
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