Rhein-Pfalz Kreis Stimmgewalt unterm Kirchendach

Mutterstadt. Wer kennt es nicht, das melancholische Lied „Erinnerung“ aus Andrew Lloyd-Webbers Musicalhit „Cats“? Damit hat Angelika Milster ihren Durchbruch geschafft. Mehr als drei Jahrzehnte später überrascht und begeistert die vielfach prämierte Sängerin ihr Publikum vor allem auf ihren Kirchenkonzerttouren. In der Mutterstadter protestantischen Kirche präsentierte sie vor knapp 400 Zuhörern ihr Programm „Begegnungen – Musical trifft Klassik“.
Die kleine schmucke Kirche überrascht im Innern mit hübsch bemalten Details und Goldverzierungen. Sie wirkt hoch, hell und geräumig. Es herrscht aufgeregtes Stimmengewirr in den voll besetzten Kirchenbänken. „So voll ist es nur noch bei der Konfirmation“, bemerkt Gemeindesekretärin Ulrike Klaus. „Die Akustik ist große Klasse“, schwärmt sie weiter. Angelika Milster habe hier bereits 2013 ein bewegendes Weihnachtskonzert gegeben. Regelmäßig fänden auch Konzerte der Kreismusikschule statt. Eine Kirche, die demzufolge oft mit Musik erfüllt ist. An diesem Abend jedoch hatte der Zuschauer hin und wieder die leise Befürchtung, Milsters Stimmgewalt könne die kleine Kirche sprengen. Doch die Künstlerin kann auch leise Töne anschlagen. Gerade eben noch raumbeherrschend, umarmt sie im nächsten Moment ihr Publikum ganz piano mit ihrem weichen, unverwechselbaren Timbre. Milster erreicht die Zuhörer und löst nicht selten ein Wechselbad der Gefühle aus durch das variantenreiche Spiel mit ihrer Stimme, schauspielerisches Talent und einer gehörigen Prise Humor. Von Beginn an ist der Kontakt zu den Leuten da. Ein Programmheft gibt es an diesem Abend nicht, die Moderation übernimmt sie selbst. In einer Art spirituellen Führung nimmt sie die Zuhörer in anderthalb Stunden mit auf die Reise durch das Spektrum menschlicher Emotionen. Neid, Hass, Gier und Größenwahn seien zentrale Themen unserer Gesellschaft geworden, bemerkt sie einmal zwischen zwei Darbietungen. Milster nimmt kein Blatt vor den Mund. Dabei sei die Lösung doch so einfach, wie sie mit dem Lied „Ich hab geträumt von einer besseren Welt“ zu verdeutlichen versucht, und mit dem sie sich auf keinen geringeren als den Visionär und Menschenrechtler Martin Luther King Jr. bezieht. Denn „Menschen, die Menschen lieben, sind die glücklichsten auf der Welt“, lautet ihre Erklärung. Mal aufrüttelnd oder mahnend ähnelt ihre Darbietung streckenweise einer musikalischen Predigt. Der Ort könnte nicht passender gewählt sein. Bewegend interpretiert sie dann auch Pete Seegers Antikriegslied in der deutschen Version „Sag mir, wo die Blumen sind“. Ein Höhepunkt des Abends ist die Arie des Kalaf „Nessun Dorma“ aus Puccinis „Turandot“. Eigentlich eine Arie für einen Tenor. Doch eine Milster macht auch davor nicht Halt. Das Publikum ist begeistert und spendet frenetischen Beifall. Die kleine Kirche schwebt abermals in Gefahr, ihr Dach zu verlieren. Fast meditative Stille bewirkt kurze Zeit später Milsters Vokalversion des zweiten Satzes aus dem „Concierto de Aranjuez“ von Rodrigo. Ihr Auftritt ist ehrlich und rein, dramaturgische Show-Effekte wären störend gewesen. Unsichtbar im Hintergrund agierend, doch von tragender Bedeutung für ihre Musik, spielt Jürgen Grimm an diesem Abend die Kirchenorgel. Lediglich ein Lichtspot erhellt die Künstlerin vor dem Altar. Nur die zunehmende natürliche Verdunklung im Kircheninnern fügt eine eigentümliche Mystik und Dramatik hinzu. Und dann ist es soweit. Zum gefühlten „2001. Male“, wie Milster witzelt, stimmt sie das Lied ihres Lebens an. Mit „Erinnerung“ aus „Cats“ versetzt sie ihr Publikum zurück in die große Ära der Musicals. „Mondlicht“, bereits beim ersten Takt erscheint wie automatisch Katzendame „Grizabella“ vor dem inneren Auge. Das Publikum genießt sichtlich und ist nach dem letzten Ton nicht mehr auf den Kirchenbänken zu halten. Wer jedoch einen typischen Musical-Star erwartet hatte, war einfach nur verblüfft über die ungeahnte Bandbreite von Milsters Können. Das Publikum war restlos begeistert, der Applaus tosend und kaum enden wollend. Ausdruck für einen wunderbaren Abend. Angelika Milster ist ein Star ohne Allüren, eine Diva der alten Schule, authentisch und auf dem Teppich geblieben, die stets die Begegnung mit ihrem Publikum sucht. (csst)