SPEYERER UMLAND
Schulen in Corona-Zeiten: Kleine Gruppe ohne Einsicht
„Die Kinder machen es ganz toll“, sagt Elke Haaf, Leiterin der Lingenfelder Grundschule mit 254 Schülern. Ihre Schützlinge freuten sich, dass sie nach der zeitweisen Schulschließung vor den Sommerferien wieder in ihre Klassen kommen können, und nähmen Einschränkungen gerne in Kauf, wenn man sie ihnen erkläre. Diesen Eindruck bestätigen auch andere Schulleiterinnen und Schulleiter. Die RHEINPFALZ hat einige der Bildungseinrichtungen im Speyerer Umland zum Thema Schule in Corona-Zeiten angefragt, doch nicht alle der Kontaktierten äußerten sich – die Rektorin der Grundschule Schwegenheim lehnte ein Gespräch ohne nähere Begründung ab, von anderen Schulen blieb der erbetene Rückruf aus.
Martina Rausch, Leiterin der Mechtersheimer Grundschule, gibt hingegen Auskunft: Sie berichtet, dass sich die Kinder beispielsweise gegenseitig ans Aufsetzen der Maske erinnerten, wenn ein Mitschüler dies mal vergessen habe. Und auch die Lehrer sind nicht gefeit vor dem kritischen Blick ihrer Schützlinge: „Mich haben die Kinder auch schon einmal an den Mund-Nasen-Schutz erinnert“, erzählt Rausch, deren Schule von 124 Jungs und Mädchen besucht wird.
Auch bei den älteren Jahrgängen gibt es nach den Beobachtungen der Verantwortlichen kaum Probleme mit dem Einhalten von Regeln: „Die Kids sind problemlos, wenn man es ihnen erklärt“, hat Christian Wallner, der Leiter der Dudenhofener Realschule plus, beobachtet. Den Sinn einer Vorschrift klar zu machen, sei freilich nicht immer ganz leicht, gesteht Wallner. „Wie soll ich einem Schüler erklären, warum er auf dem Pausenhof Abstand zu einem Schüler halten soll, neben dem er im Unterricht sitzt?“
Quarantäne nach Corona-Fall
Aber an den Grundregeln, die im ganzen Land gelten, können die Schulen vor Ort eben nichts ändern. Sie können nur versuchen, diese so umzusetzen, dass sie für alle erträglich sind. Pausen werden deshalb, wenn immer möglich, zeitlich und auch räumlich entzerrt. In der Dudenhofener Realschule plus verbringen laut Wallner beispielsweise die Schüler der fünften und sechsten Klassen die Pausen nicht auf dem Hof, sondern auf dem Abenteuerspielplatz beziehungsweise im Waldstück, das direkt hinter der Schule liegt. „Der Nachteil für die Kollegen ist: Es gibt viel mehr Aufsichten zu machen“, sagt Wallner.
In Dudenhofen war eine zehnte Klasse von Ende September wegen eines Corona-Falls unter den Schülern bis gestern in Quarantäne. Den anderen Schulleitern ist eine solche Situation bislang erspart geblieben. In der Realschule plus funktionierte der Unterricht über das Internet für die betroffene Klasse laut Wallner weitgehend problemlos. Der Lehrer sitze im Klassensaal am Computer und könne die Schüler über das Videokonferenz-Programm „Microsoft Teams“ sehen – so wie die Schüler auch umgekehrt den Lehrer. „Die Schüler haben so einen geregelten Schultag“, sagt Wallner. Die nötige technische Ausstattung sei in allen Haushalten vorhanden. Jene Schüler, bei denen diese gefehlt habe, hätten ein Tablet zur Verfügung gestellt bekommen.
Andere Schulen würden dabei zum jetzigen Zeitpunkt schon an ihre Grenzen stoßen. So sind in Lingenfeld noch keine der versprochenen Tablets angekommen, die mit Hilfe von Bundes- und Landesmitteln angeschafft werden sollen. Und der Erfolg von Homeschooling hängt nach Einschätzung von Schulleiterin Haaf immer noch stark davon ab, wie „technikaffin“ die Kollegen seien. Die Zeit, dass sich alle Kollegen einarbeiten könnten, sei zu kurz gewesen.
Durchmischung vermeiden
Neben dem Genannten gibt es noch jede Menge weiterer Änderungen, die Corona für den Schulbetrieb mit sich bringt. Angefangen von anderen Wegen, welche Schüler beim Gang durch das Schulgebäude nehmen müssen – „Begegnungsverkehr“ soll vermieden werden – über Hygienevorgaben wie Handdesinfektion nach den Pausen bis hin zu organisatorischen Fragen wie der Betreuung von Schülern beim Ausfall einer Lehrkraft – es soll so wenig Durchmischung von Klassen wie möglich geben. Gelehrt werden kann fast ausschließlich in Form von Frontalunterricht, Gruppenarbeiten scheitern am Abstandsgebot. „Man muss ständig drüber nachdenken, ob man an alles gedacht hat“, berichtet Elke Haaf, die seit 40 Jahren im Schuldienst ist. An ihrer Schule sei außerdem die Sporthalle bis vor Kurzem nicht für Unterricht freigegeben gewesen. Sport habe komplett im Freien stattfinden müssen.
Beim Gedanken an die kommende Herbst- und Winterzeit hat nicht nur Christian Wallner „Bauchschmerzen“, wie er zugibt. „Das Lüften wird problematisch“, befürchtet Martina Rausch. Seit den Sommerferien müsse in den Klassensälen alle 20 Minuten für fünf Minuten gelüftet werden. Erkältungskrankheiten nehmen zu, was laut Elke Haaf zur Folge hat, dass Eltern häufiger anrufen, um zu fragen, ob sie ihr Kind in die Schule schicken können – es könnte schließlich Corona sein. „Ich bin aber keine Medizinerin und kann keine Telefondiagnose stellen“, sagt Haaf.
Mit Situation arrangiert
Trotz aller Widrigkeiten haben sich Lehrer und Schüler offenbar mit der neuen Situation recht gut arrangiert – anders als manche Eltern. „Es gibt auch Eltern, die überhaupt kein Verständnis für die Corona-Maßnahmen haben“, hat Christian Wallner beobachtet. Einige sähen sich in ihren Persönlichkeitsrechten eingeschränkt und weigerten sich zum Beispiel vehement, beim Elternabend Maske zu tragen. Doch dabei handle es sich – auch in dieser Frage deckt sich die Wahrnehmung der Schulleiter – um eine kleine Minderheit.
Kommentar: Schlechtes Vorbild
Ihren Unmut über die Corona-Politik sollten Eltern nicht an den Schulen auslassen.
Ja, Corona nervt. Und die Sinnhaftigkeit mancher Regelung an den Schulen kann man durchaus in Frage stellen – wenn Klassenfotos im Freien nur mit Maske gemacht werden beispielsweise. Dass es vereinzelte Eltern gibt, die geltende Corona-Regeln nicht einhalten wollen und teils sogar aggressiv gegenüber der Schule auftreten, ist allerdings völlig inakzeptabel. Denn erstens haben die Schulen selbst wenig Handlungsspielraum und setzen nur um, was Land und Bund vorgeben. Und zweitens muss unbedingt vermieden werden, dass wieder flächendeckend Schulen schließen müssen. Vor diesem Hintergrund sollte es doch möglich sein, mit ein paar vorübergehenden Einschränkungen, auch wenn diese im Einzelfall mal absurd erscheinen, zu leben. Zumal sich die Schüler offenbar recht schnell mit der Situation arrangiert haben und insofern vernünftiger agieren als mancher Erwachsene, der ein schlechtes Vorbild abgibt.