Meinung Schul-Umbenennung: Vermeintliche Vorbilder und menschliche Abgründe
Die wenigsten Menschen haben ausschließlich gute Eigenschaften. Wie tief die Abgründe sind, wissen Außenstehende oft nicht. Eine Person auf den sprichwörtlichen Sockel zu heben, sollte deshalb gut überlegt sein. In Waldsee hat 1986 sicher niemand damit gerechnet, was über Hermann Gmeiner – den Gründer der SOS-Kinderdörfer, nach dem damals die Grundschule benannt wurde – fast 40 Jahre später mal ans Tageslicht kommen sollte. Einer, der als Vorbild gesehen wurde, einer, der tatsächlich auch viel für Waisenkinder bewegt hat, hatte offenbar auch eine dunkle Seite. Nachvollziehbar, dass die Verantwortlichen von Gemeinde und Schule diese Woche entschieden haben, den Namen zu ändern. Ebenfalls nachvollziehbar ist, künftig ganz auf die Verewigung einer Person im Schulnamen zu verzichten. Wie man nun sieht, können auch Jahrzehnte später noch menschliche Abgründe ans Licht kommen. Manchmal ändern sich auch die Maßstäbe, nach denen Menschen beurteilt werden. Das zeigt sich immer wieder, wenn die Umbenennung von Straßen gefordert wird, deren Namensgeber heute als nicht mehr vorbildlich angesehen werden. Doch um auf die Waldseer Grundschule zurückzukommen: Diese ganz neutral Grundschule Waldsee zu nennen, dürfte in der Tat die unverfänglichste Lösung sein. Dass es trotzdem Menschen gibt, die als Vorbilder taugen und die auch gerne im Unterricht vorkommen dürfen, bleibt davon unbenommen.