Rhein-Pfalz Kreis Schmeckt auch ohne Modelmaße

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Mutterstadt

. Heike Fehmel bindet sich flugs die Kochschürze um und rückt das Kopftuch zurecht, bevor sie zu dem großen Kochlöffel greift. Wie überall, wo in Deutschland Nahrungsmittel verarbeitet werden, gelten auch in ihrer Küche strenge Hygienevorschriften. Gerade war sie noch im Büro des großen landwirtschaftlichen Betriebs, der zwischen Mutterstadt und Ruchheim an der L 524 liegt. Bestellungen kontrollieren, Feldarbeiter koordinieren, Löhne auszahlen, kleine Streitigkeiten schlichten – eigentlich hat sie auf dem Hof schon so viele Aufgaben, dass von Langweile keine Rede sein kann. Und jetzt schmeckt sie auch noch Ratatouille ab. Es hat Heike Fehmel einfach keine Ruhe gelassen, dass sie und ihr Mann, genauso wie viele andere Landwirte in der Vorderpfalz, Gemüse und Obst produzieren, das weggeworfen wird. Weil es nicht den Normen entspricht. In Deutschland werden eben nicht nur Regeln für die Verarbeitung von Nahrungsmitteln aufgestellt, sondern auch Vorschriften gemacht, wie eine Gurke oder Tomate auszusehen hat. Die EU hat da außerdem noch ihre Finger im Spiel. Immerhin darf das nicht vorschriftsmäßig gewachsene Gemüse verarbeitet werden. Und so duftet es in dem flachen Bau am Ende der Produktionshallen und Kühlhäuser sehr verführerisch. Aus Mutterstadter Tomaten, Auberginen und Paprika – alles aus eigenem Anbau – sowie Schifferstadter Zucchini und Zwiebeln entsteht der provenzalische Eintopf, der in Gläser abgefüllt und im Dampfgarer haltbar gemacht wird. Wegwerfgemüse wird zur Gemüsespezialität – das ist Heike Fehmels Geschäftskonzept. „Gut, dass Sie da sind, Sie müssen abschmecken“, sagt Edita. Sie hat die Chefin extra dafür in die Küche gerufen. „Ohne, dass ich probiert habe, wird eigentlich nichts abgefüllt. Nur wenn ich wirklich mal nicht in Reichweite bin, müssen andere Geschmack beweisen.“ Die Hauswirtschaftsmeisterin lacht und rührt mit Schmackes durch den Riesenbräter, in dem die gerösteten Zwiebeln mit dem rohen Gemüse und den Kräutern vermengt werden, bevor die Mischung in kleinere Behälter kommt und schließlich in Einmachgläser gegossen wird. Glas um Glas, Deckel um Deckel – hier wird zurzeit im Akkord gearbeitet. „Es ist Hochsaison, fast alles wird reif.“ Vor allem ist Tomaten-Zeit. Jetzt haben sie die Sonne eingefangen, sind prall und rot. Und manche sind darüber vor Freude geplatzt, möchte man meinen. Die kommen nicht in den Supermarkt, sondern ins heiße Wasserbad. Dann werden sie gehäutet, gekocht und püriert. Sie werden Tomatensoße. Darin konserviert Heike Fehmel quasi den Sommer. Künstliche Zusatzstoffe braucht sie nicht. Die Tomatensoße ist Grundlage für Ketchup und Grillsoßen, sie wird mit Gemüse und Rucola verfeinert, schmeckt aber auch einfach so. Als Basismaterial werden die gehäuteten Tomaten zum Teil eingefroren. „Damit ich im Winter bei Bedarf für Nachschub sorgen kann. Kombiniert dann oft mit frischem Gemüse. Karotten, Lauch oder Sellerie wachsen selbst in der kalten Jahreszeit“, erläutert die Mutterstadterin, die andere gern über Gemüsebau aufklärt. Dass sie öfter mal Besuchergruppen durch den Betrieb führt, merken wir auf dem Weg zum Lager. In einer Halle wandern Tomaten über ein Band und verschwinden in einer Maschine. Auf der anderen Seite kommen sie fertig verpackt raus. Ritsch-Ratsch klebt der Etikettierer noch ein Schild drauf. Fertig. Wow. „Plastik. Alles Plastik und ein Haufen Verpackungsmüll“, sagt Heike Fehmel. Aus unserer Begeisterung wird Betroffenheit. Erst recht als sie noch anfügt: „Und Sie sind quasi schuld.“ Das ist mal eine Ansage. Schuld? Warum jetzt genau? „Na ja, vielleicht nicht Sie direkt, die Kunden im Allgemeinen halt“, meint Heike Fehmel mit einer schon versöhnlicheren Stimme. Sie erklärt, dass der Lebensmitteleinzelhandel immer mehr davon abkommt, gerade Rispen-Tomaten lose zu verkaufen, weil die Kunden im Laden das Grün abknibbeln, um es nicht mitwiegen zu müssen. Dazu werden alle Früchte angefasst, um nur die besten zu erwischen. „Der Handel wirkt dem mit der Verpackung entgegen und kann zudem steuern, dass Sie zehn statt nur fünf Tomaten mitnehmen.“ Wir denken noch über die abgezählten Tomaten unter bösem Plastik nach, als wir den Raum erreichen, wo Heike Fehmels Köstlichkeiten lagern. „Mhhh… lecker“ lockt die 56-Jährige in ihren Internetauftritt. Ihre Produkte können in Hofläden in der Region und eben online erworben werden. Wir blättern heute aber nicht virtuell durch den Shop, sondern stehen direkt vor den rund 70 verschiedenen Produkten, die die Mutterstadterin im Angebot hat. Und was hier auf den Etiketten von Gläsern und Flaschen steht, klingt wirklich gut. Spargel süß-sauer. Spargel mit Chili. Gurken mit Chili. Rote Bete mit Meerrettich. Karotte mit Ingwer. Tomatensoße mit Rucola. Grillsoße mit Whiskey. Auberginen-Aufstrich. Quittensirup. Kürbis-Chutney ... „Irgendwann hat das mit dem Gemüse- und Obstverarbeiten halt so seine Eigendynamik bekommen.“ Wer wissen will, wie schmeckt, was lecker klingt, findet Heike Fehmel und ihr Team auf Märkten in der Region, etwa auf dem Bauernmarkt am 17. und 18. September in Speyer. Auf den Weg zurück in die Küche erzählt Fehmel, dass sie schon immer Marmelade gekocht und Früchte eingemacht hat. Ihre Eltern hatten in Erpolzheim einen Obsthof. „Und wenn in der handelsüblichen Fünf-Kilo-Kiste nur drei Kilo Pflaumen lagen, der Baum aber leer war, hat unsere Oma aus diesen Resten Mus, Marmelade oder Kompott gemacht. Schon als kleines Mädchen habe ich dabei geholfen. Das Resteverarbeiten steckt mir in den Kinderschuhen. Essen wegwerfen, geht mir gegen den Strich.“ Inzwischen rettet Heike Fehmel mehr Tomaten als Pflaumen vor der Tonne. Aber eben auch Gurken, Zucchini und Kürbisse. Eigentlich alles, was nicht nach dem Lineal gewachsen ist und irgendwie ins Portfolio passt. Die Produktlinie „Von Heike“ gibt es seit rund drei Jahren. Die Idee, anderen anzubieten, was sie einkocht, hatte eine Freundin. „Inge Magin mit ihrem Hofladen“, erinnert sich Fehmel. „Sie hat gesagt: ,Gib mal was rüber, ich gucke, ob es gekauft wird.’“ Es wurde gekauft. Mann, Mitarbeiter, befreundete Kollegen – alle erinnern sich an die Einmachkünstlerin und hoffen auf ihre kreativen Einfälle, wenn sie Obst oder Gemüse entdecken, das sonst keiner mehr will. Das kann eine Palette Aprikosen mit Hagelschaden sein. Eine Ladung Zucchini mit Übergröße. Oder magerer Stangenspargel. „Alles nehme ich aber auch nicht. Es muss zu meinem Angebot passen und die Produkte müssen aus der Region sein.“ Regionalität und Reifezeiten sind für die 56-Jährige wichtig Faktoren. Was heißt, dass es nicht immer alles gibt. „Das mag unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten unklug sein, für mich aber ist es vernünftig. Ich arbeite schließlich mit Naturprodukten.“ Auch so eine Heike-Fehmel-Mission: Wertschätzung für die Schätze aufbauen, die auf den Rhein-Pfalz-Kreis-Feldern wachsen. Was für Cent-Beträge in Supermärkten angeboten wird, werde mit einem hohen Arbeits- und Energieaufwand produziert. „Ja meine Betriebsführungen haben es in sich.“ Sie lacht. Streng ist jetzt Edita: „Na endlich, Chefin, da sind sie ja.“ Heike Fehmel muss probieren. Flugs bindet sie sich wieder die Schürze um und rückt das Kopftuch zurecht. So viel Zeit muss sein. Auch wenn in der Privatküche schon drei Blumenkohlköpfe mit Dachschaden darauf warten, zu einem Mittagessen zu werden. Die hat sie auf einem Acker entdeckt und vor dem Umpflügtot bewahrt. Ehrensache.

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