Römerberg
Schaulustige erzählen von ihren Gefühlen vor und nach der Sprengung der Kühltürme
Um 5 Uhr stehen eine Handvoll Fahrzeuge auf dem Parkplatz an der Kreisstraße zwischen Heiligenstein und Mechtersheim. Es ist noch dunkel und kalt. Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen im warmen Auto. Etwas weiter entfernt haben es sich zwei Frauen und zwei Männer in Winterjacken mit Campingstühlen und Kaffee gemütlich gemacht. In der nächsten Stunde steuern noch weitere Autofahrer den Parkplatz an. Die Leute steigen aus, bleiben an der benachbarten Kreisstraße unter den Bäumen stehen oder überqueren die Straße und laufen den Feldweg entlang, in den zuvor auch schon rund 15 Fahrzeuge eingebogen sind. An diesen Stellen gibt es einen unverbauten Blick auf die rund 152 Meter hohen Stahlbeton-Riesen, die auf dem Gelände des stillgelegten Atomkraftwerks Philippsburg seit 43 Jahren beziehungsweise 39 Jahren stehen. Das Warten beginnt.
Ende der „Wahrzeichen“
Klaus Mazuch aus Mechtersheim ist traurig, wenn er an die bevorstehende Sprengung denkt. „Sie waren über 40 Jahre da. Wir haben sie von überall gesehen. Es sind besondere Türme, aber keine Schönheiten“, sagt der 47-Jährige, der das Ende der markanten Bauwerke mit seiner Frau Claudia verfolgen will. Mazuch sieht den im Atomkraftwerk anfallenden Müll zwar als problematisch an, allerdings findet er es gut, dass es das Kraftwerk gegeben hat. Jeder brauche Strom und in Zukunft werde noch mehr notwendig sein, merkt er an. Den Moment, wenn die Türme fallen, will er filmen und fotografieren. Er habe 1991 aus privaten Gründen schon nicht bei der Sprengung der Malzfabrik in Berghausen dabei sein können, deshalb will er sich dieses weitere große Ereignis in Römerberg nicht entgehen lassen. „Das hat man nicht alle Tage“, sagt Mazuch.
Wehmütig blickt ein Mann aus Karlsruhe in Richtung der beiden Türme. Er arbeitet im Kraftwerk im Strahlenschutz und will das Ende der „Wahrzeichen“, wie er sie nennt, live miterleben. Seine Frau und seine beiden Töchter haben ihn begleitet. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Künftig werde er mit dem Rückbau des Kraftwerks beschäftigt sein, sagt er.
Signalton vermisst
Die Mechtersheimerin Heike Weindel sieht die Stahlbeton-Riesen täglich, wenn sie mit dem Hund an der Kreisstraße oder auf den Feldwegen spazieren geht. Auch am Donnerstagmorgen ist sie dort „auf gut Glück“ unterwegs. Ihr Mann und ihre beiden Kinder begleiten sie. Sie verbinde sehr viel mit den Bauwerken. „Sie waren immer da“, sagt die 38-Jährige. Außerdem sei es „schon cool gewesen, von überall aus sagen zu können, da hinten wohnen wir“. Andererseits hätten die Türme den Blick am Rhein verschandelt, findet Weindel. Den Signalton, der die Sprengung ankündigen soll, hört sie nicht. Ihr Blick ist aber auf die Türme gerichtet, sodass sie sieht, wie zuerst der vordere und dann der hintere innerhalb weniger Sekunden zusammenfallen. Ein leises Grollen ist zu hören. Was bleibt, sind 65.000 Tonnen Schutt und eine riesige Staubwolke, die der Wind in wenigen Minuten in Richtung Südosten wegbläst.
Marc Settelmeyer hat weniger Glück, obwohl er bereits seit 4 Uhr auf das Ereignis gewartet hatte. Der 16-Jährige hat die Sprengung des ersten Turms nicht gesehen, weil sie „völlig unerwartet“ gekommen sei. Er habe eigentlich mit einem lauten Ton als Ankündigung gerechnet. Die Bauwerke dienten auch ihm als Orientierungspunkt in der Ferne. „Sie waren immer da. Ich habe sie auch am Rhein oft und gerne angeschaut“, sagt der 16-Jährige.
Der 56-jährige Andreas Witt verbindet sein ganzes Leben mit den Türmen. „Das ist Heimat.“ Dort, wo die Stahlbeton-Riesen standen, sei Mechtersheim. Das konnte er von vielen Aussichtspunkten in der Pfalz sagen. Aus der Gruppe, zu der sich Witt wegen der Corona-Pandemie mit Abstand gesellt hatte, heißt es scherzhaft: „Die Mechtersheimer finden nun nicht mehr nach Hause und landen in Berghausen.“
Frau sieht Vorteil
In Patricia Szimons „Laden am Eck“ in der Ortsmitte von Mechtersheim ist die Sprengung der Kühltürme gestern Morgen das Gesprächsthema. Sie habe das Spektakel nicht mitverfolgen können, weil sie die Ware einräumen musste, sagt die Inhaberin. Die Türen ihres Ladens öffneten, kurz bevor der in den jeweils rund 1100 Bohrlöchern untergebrachte Sprengstoff die Türme zu Fall brachte. Anschließend beginnt das Kommen und Gehen in ihrem Laden. Es seien auch schon drei Kunden da gewesen, die nicht aus Mechtersheim seien, sagt Szimon. Einer davon ist Daniel Kupschus aus Waghäusel. Der 32-Jährige hat die Sprengung mitverfolgt und kauft nun zum Frühstück Kaffee und Backwaren. Ihm werden die Türme ebenfalls als Orientierungspunkt fehlen. „Man hat sie immer gesehen und konnte sagen, ein paar Kilometer entfernt ist Waghäusel“, sagt Kupschus.
Die Mechtersheimerin Helga Alfter schaute sogar von ihrem Schlaf- und ihrem Küchenfenster aus auf die Kühltürme. Als sie gemerkt habe, dass für diese frühe Uhrzeit „wahnsinnig viele Autos“ nahe ihres Zuhauses unterwegs waren, habe sie schon geahnt, dass es nicht mehr lang dauern wird, bis die Bauwerke Geschichte sind. „Ich habe sogar noch das Fliegengitter am Fenster rausgemacht“, sagt Alfter. Den Moment, als die Türme in sich zusammenfielen, verpasste sie aber. Auch sie habe keinen Signalton gehört, sagt die Mechtersheimerin. Eine Mitbürgerin, die ihren Namen nicht nennen wollte, sah die Stahlbeton-Riesen ebenfalls von ihrem Zuhause aus. Sie freut sich, denn nun habe sie einen schöneren Blick auf den Sonnenaufgang.