Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Schäden auf dem Acker: Krähen abschießen oder nicht?

Eine Saatkrähe sucht auf einem Feld nach Futter.
Eine Saatkrähe sucht auf einem Feld nach Futter.

Landwirte haben Scheuchen aufgestellt, Flatterbänder aufgehängt und Federkreise gesteckt, doch die bekannten Methoden, Vögel zu verscheuchen, wirken bei Krähen nicht. „Es sei denn, es lacht sich eine darüber tot“, sagt Johannes Zehfuß. Der Böhler Landwirt und CDU-Landtagsabgeordnete ist deshalb dafür, einzelne Vögel abzuschießen, um große Schäden auf Feldern zu verhindern. Naturschützer glauben nicht, dass das hilft.

Krähen zupfen Zuckerrüben- und Maispflänzchen heraus. Sie machen sich über Sellerie- und Hokkaidosamen her. „Und sie mögen rote Früchte“, sagt Johannes Zehfuß. „Das kann für die Landwirte richtig ins Geld gehen. In Mainz-Finthen gab es in diesem Jahr bei Erdbeeren und Kirschen Schäden in Höhe von 100.000 Euro.“ Der Böhler Landwirt, der im Landesvorstand des Bauern- und Winzerverbands aktiv ist, vertritt als Landtagsabgeordneter die Interessen seiner Zunft in Mainz. 100.000 Euro Schaden, dass klingt heftig und sorgt im Plenum des Landtags für Aufmerksamkeit. Die will Zehfuß auch haben, möchte er im Namen vieler Landwirte doch gerne erreichen, dass einzelne Krähen geschossen werden dürfen. Eine Vergrämungsmethode. „Die einzige, die hilft“, ist der Böhler überzeugt.

Zwei Krähenarten sind unterwegs

Krähe ist nicht Krähe. Das ist in der Diskussion um die Vergrämungsabschüsse wichtig zu wissen. Auf den Feldern – auch im Rhein-Pfalz-Kreis melden Bauern ihre Schäden – sind zwei Krähenarten zu finden. Saatkrähen. Und Rabenkrähen. Letztgenannte frisst tatsächlich gerne Sämereien. Allerdings tritt sie seltener in Massen auf. Und sie ist gar nicht mal besonders geschützt. „Sie unterliegt bereits dem Jagdrecht. Das heißt, sie darf bejagt werden. Ausnahme ist die Brut- und Setzzeit“, sagt Vogelexperte Thomas Dolich aus Neuhofen. „Ihre Verwandte, die Saatkrähe, war Ende der 50er-Jahre fast ausgerottet, sie steht deshalb seit Mitte der 70er-Jahre unter Naturschutz. Sie darf nicht geschossen werden.“ Eigentlich. Denn Ausnahmen gibt es. Aber die sind kompliziert.

Die Saatkrähe frisst Saat? Könnte man bei ihrem Namen meinen, dabei steht sie viel mehr auf Würmer und Insekten. Früher war sie als Insektenvernichter deshalb ein gar nicht so ungern gesehener Gast auf den Feldern. Heute empfinden Bauern den Vogel schon fast als Plage. „100 bis 500 Tiere auf einem Acker sind keine Ausnahme“, sagt Zehfuß. Tatsächlich leben Saatkrähen in großen Kolonien und treten auch als solche bei der Futtersuche in Erscheinung. Sie fressen allerdings weder Zuckerrüben noch Mais. „Wenn man sie beobachtet, möchte man meinen, sie leben ihren Spieltrieb aus. Sie zupfen die Jungpflanzen heraus und lassen sie liegen“, berichtet Zehfuß.

Krähen gelten als sehr intelligent.
Krähen gelten als sehr intelligent.

Saatkrähen suchen den Wurm

Zupfen aus Spaß? Macht das ein Tier? Thomas Dolich sagt: „Nein.“ Der Experte, er ist Vizepräsident bei der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie (GNOR), ist der Meinung, dass Saatkrähen auf der Suche nach Würmern die Pflanzen aus der Erde ziehen. „In der Hoffnung, dass sich wirbellose Tierchen an den Wurzeln befinden.“ Den Bauern tröstet diese Erklärung nur bedingt. „Der Schaden ist da, so oder so“, sagt Zehfuß. Er und der Bauern- und Winzerverband fordern deshalb, dass Saatkrähen geschossen werden dürfen. „Vereinzelt natürlich nur. Wir wollen nicht ihren Bestand dezimieren, sondern sozusagen nur einen Warnschuss abgeben. Das reicht schon, um für ein paar Wochen Ruhe auf einer Ackerfläche zu haben.“

Mit einer Sondergenehmigung dürfen Saatkrähen bereits geschossen werden. Aber bis man die hat, dauert es eine ganze Weile. Jeder Antrag wird einzeln geprüft. „Bis dahin sind alle Pflanzen herausgezupft, die Ernte vernichtet“, sagt Zehfuß. „Wir brauchen die Entscheidung innerhalb weniger Stunden.“ Er plädiert deshalb für eine Verfahrensvereinfachung, die es Jägern möglich macht, sechs Stunden nach Schadensmeldung einen Vergrämungsabschuss vorzunehmen, ohne Rücksicht aufs Wochenende. „Ich hoffe sehr, dass die verantwortlichen Politiker den Weg dafür frei machen.“

Zweifel am Nutzen der Abschüsse

Thomas Dolich hat seine Zweifel daran, dass Vergrämungsabschüsse die gewünschte Abhilfe schaffen. „Die Krähen fliegen vielleicht weg, aber dann zu einem anderen Feld, und nichts ist gewonnen.“ Der Neuhofener gibt zu, dass es kompliziert ist, Krähen – egal welcher Art – abzuwehren. Krähen sind ihm zufolge schlaue Tiere. An akustische Abwehrreize wie Warn- und Angstschreie gewöhnten sie sich leicht. Er verweist auf Empfehlungen der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz. Dieser zufolge erzielt man den besten Erfolg mit schwarzen Federn, die als Schwanz- oder Flügelfedern kreisförmig an mehreren Stellen im Feld platziert und im Innenbereich zusätzlich mit Konturfedern ausgestattet werden. Das symbolisiere Habichtrupfungen. Die Krähen meiden das. Im Obstanbau hätten sich Netze über den Plantagen bewährt. Dolichs eigener Tipp: zwischen Bodenbearbeitung und Einsaat einen größeren Zeitraum vergehen lassen. „Die Vögel kommen dann, wenn die Erde frisch umgepflügt wurde und sie krümelig ist.“

Auch wenn es vielen so vorkomme, dass es eine Übervermehrung der Saatkrähe gebe, konzentriert sich ihre Verbreitung in Rheinland-Pfalz auf Rheinhessen und Teile der Vorderpfalz. Darüber hinaus gibt es isolierte Koloniestandorte im Raum Zweibrücken, in Trier und der Eifel sowie im Mittelrheinbecken. „Etwa 70 Prozent der Landesfläche sind weiterhin ohne Brutbesatz“, sagt Thomas Dolich und verweist nochmals darauf, dass die Saatkrähe schon einmal nahezu ausgerottet war.

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