Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Salzsäure-Austritt in Schifferstadt: Über Löcher und Absprachen

Die Feuerwehr hat mit Wasserwerfern aufsteigende Dämpfe der auslaufenden Salzsäure niedergeschlagen.
Die Feuerwehr hat mit Wasserwerfern aufsteigende Dämpfe der auslaufenden Salzsäure niedergeschlagen. Foto: Lenz

Bis zu 1000 Liter Salzsäure sind wohl aus dem Leck im Tanklastwagen im Schifferstadter Industriegebiet Nord ausgelaufen, schätzt die Feuerwehr. Der undichte Behälter wurde inzwischen sichergestellt, die Gutachter haben ihre Arbeit aufgenommen. Und eine Schulleiterin will nicht, dass ihre Schule in einem schlechten Licht dasteht.

Die Staatsanwaltschaft Frankenthal hat angeordnet, dass der Tanklastzug, aus dem am Dienstag Salzsäure ausgelaufen ist, sichergestellt wird. Das hat sie am Mittwoch über eine Presseerklärung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz bekanntgegeben. Aber was heißt das eigentlich: sicherstellen? Bestimmt nicht, dass der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber höchstpersönlich von Frankenthal nach Schifferstadt fährt und beaufsichtigt, wie der Auflieger abgeschleppt und an einen geheimen Ort gebracht wird. Sicherstellen ist weit weniger spektakulär und bedeutet, dass der Tanklastwagen tatsächlich immer noch in Schifferstadt steht, allerdings so gesichert ist, dass ihn niemand wegziehen oder -schieben kann. „Die zentralen Verkehrsdienste waren dazu vor Ort“, sagt Sandra Giertzsch von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Rheinpfalz auf Anfrage. So ein Riesentrümmer sei schließlich schlecht abzutransportieren. Und da bleibt er jetzt also erst mal im Gewerbegebiet stehen, der Unglücks-Tank, bis alle Untersuchungen gemacht sind. Noch für Donnerstagnachmittag hat die Polizei den Gutachter erwartet. Er untersucht, wie es zu dem Leck in dem Behälter kommen konnte. Dabei könnte es auch um Materialfragen gehen, schließlich hatte es die Beschaffenheit des Tanks den Einsatzkräften am Dienstag nicht erlaubt, das Loch einfach abzudichten. Erste Ergebnisse könnte es am Freitag geben. „Hoffen wir zumindest“, sagt Giertzsch.

Es gibt Erkenntnisse, warum der Tanklastwagen in Schiffestadt geparkt wurde

Der Tank ist inzwischen leer. Die Feuerwehrleute hatten am Dienstag die austretende Salzsäure – der Tanklastwagen hatte 25.000 Liter geladen – in einen sicheren Behälter umgepumpt. Was davon bereits nebendran gegangen war, die Feuerwehr rechnet mit etwa 700 bis 1000 Litern, wurde mit 500.000 Litern Wasser verdünnt. Die entstandenen Dämpfe schlugen die Wehrleute mit Wasserwerfern nieder. Eine mögliche Verunreinigung des Bodens ist deshalb ein Thema. Klar, wenn eine chemische Substanz ins Erdreich dringt. Ein Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde sei am Tag nach dem Vorfall mit der Feuerwehr vor Ort gewesen, teilt die Kreisverwaltung auf Nachfrage mit. Ein Bodengutachter ist ebenfalls bestellt, mit den Ergebnissen wird in der kommenden Woche gerechnet. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass nichts mehr gemacht werden müsse, heißt es aus dem Kreishaus. Zu stark sei die Salzsäure verdünnt worden, als dass es zu Schäden hätte kommen können. Inzwischen gibt es auch Erkenntnisse darüber, warum der Tanklastwagen überhaupt im Schifferstadter Industriegebiet Nord abgestellt worden war. Er gehört laut Polizei zu einem EU-weit agierenden Transportunternehmen mit einem Sitz im Rhein-Pfalz-Kreis, und der Platz in Schifferstadt war wohl für einen Zwischenstopp ausgemacht worden. Anders als der Tanklastwagen ist die umgepumpte Salzsäure freigegeben. Sie gehört nach Angaben der Feuerwehr dem Eigentümer, und der müsse selbst entscheiden, was damit passiert. „Wir haben damit nichts mehr zu tun – wir waren allein für die Gefahrenabwehr zuständig“, sagt ein Sprecher der Feuerwehr.

Die Leiterin des Paul-von-Denis-Gymnasiums hat Klärungsbedarf

Der Vorfall im Gewerbegebiet hatte für allerhand Aufregung gesorgt, vor allem, nachdem sich die Feuerwehr dafür entschieden hatte, die Schifferstadter über die Notfall-App Katwarn zu bitten, in ihren Häusern zu bleiben, Fenster und Türen zu schließen und Klimageräte abzuschalten. Eine Vorsichtsmaßnahme, weil das Ausmaß des Schadens noch nicht absehbar war. Damit wurde der Vorfall um 12.56 Uhr zwar öffentlich, allerdings ohne dass jemand erfuhr, was genau eigentlich passiert war. Von einem Chemieunfall war die Rede, von Schadstoffen. Die Details gab es, wie berichtet, um 17 Uhr bei einer Pressekonferenz im Feuerwehrgerätehaus – zu einer Zeit, als draußen die Gefahr gebannt war und so mancher Schüler des Paul-von-Denis-Gymnasiums wohl erleichtert das Mathe- oder Englischbuch zuklappte: Hausaufgaben fertig. An diesem Dienstag waren alle Schüler nach der sechsten Stunde nach Hause geschickt worden. Die Durchsage dazu erfolgte um 13.18 Uhr. Gut 20 Minuten zuvor war erst der Katwarn-Alarm ausgelöst worden. Damit ploppte bei der Pressekonferenz die Frage auf: Die Menschen in Schifferstadt sollen drinnen bleiben, aber die Schüler verlassen die Schule und gehen nach Hause? Weder Feuerwehr noch Stadtspitze haben dazu eine Antwort. Und eine Person wird ziemlich sauer. Das ist Gabrielle Steinbach, Schulleiterin des Paul-von-Denis-Gymnasiums. Sie findet, dass alles so klingt, als hätten sie und ihre Kollegen fahrlässig gehandelt, dabei – versichert sie – wurde zu jeder Sekunde auf Gesundheit und Wohlergehen der Kinder geachtet. Sie ärgert sich, dass ihre Schule nun in einem schlechten Licht dastehen könnte. Dabei – folgt man Steinbachs Bericht – haben die Verantwortlichen an der Schule gut überlegt und wohl organisiert gehandelt. Viel Zeit blieb ihnen dafür nicht. Der Katwarn-Alarm kam wie gesagt um 12.56 Uhr. „Als an uns keine Weisung erging, hat sich unser Sicherheitsberater bei der örtlichen Polizei gemeldet“, sagt Steinbach. Es erfolgte die Anweisung, die Kinder auf direktem Weg nach Hause zu schicken. Es hieß, dass keine unmittelbare Gefahr bestehe, weil sich die Unfallstelle im Norden Schifferstadts befinde.

Auch beim Vorzimmer der Bürgermeisterin hatte die Schule angerufen

Auf das Telefonat mit der Polizei folgte Steinbach zufolge ein Anruf bei der Stadtverwaltung, beim Vorzimmer von Bürgermeisterin Ilona Volk (Grüne). „Dort bekamen wir gesagt, dass das Ende des Einsatzes nicht absehbar und der Anweisung der Polizei Folge zu leisten sei“, berichtet Steinbach. Bevor die Durchsage an die Schüler gemacht wurde, sicherten sich die Verantwortliche ein drittes Mal ab, erneut wurde der Hörer abgehoben und mit dem Brand- und Katastrophenschutz der Kreisverwaltung gesprochen. Die Kreisverwaltung ist Schulträger. Von dieser Stelle wurde Steinbach und ihrem Team „die Richtigkeit des Vorgehens“ bestätigt. Und die Kreisverwaltung ihrerseits bestätigt, dass die Schulleitung alle Entscheidungen nach Rücksprache mit der Polizei getroffen habe. „Es war definitiv keine falsche Entscheidung“, sagt Kreissprecherin Kornelia Barnewald. Letztlich sei die Kreisverwaltung nur als Schulträger involviert gewesen, nicht aber beim Großeinsatz selbst. Hier hatte die Stadt Schifferstadt den Hut auf. Wichtig sei gewesen, sagt die Schulleiterin, dass die Durchsage über den Ausfall des Nachmittagsunterrichts zum Ende der sechsten Stunde kam, damit alle Kinder, die mit dem Bus fahren, ihren Anschluss bekommen würden. Es habe übrigens noch ein viertes Telefonat gegeben – und zwar mit dem Leiter der Realschule plus am Schifferstadter Schulzentrum. Auch diese Schule habe sich entschieden, ihre Schüler nach der sechsten Stunde nach Hause zu entlassen, sagt Steinbach. Alles richtig gemacht und doch nicht? Die Verwunderung von Stadtspitze und Feuerwehr darüber, dass die Schüler nach Hause geschickt wurden, lässt das vermuten. Gabrielle Steinbach ist sich nun sicher, dass es ein systemisches Problem gebe, das dringend beseitigt werden müsse. „Die Abläufe müssen unbedingt koordiniert und die Kommunikation muss bereinigt werden. A muss wissen, was B tut.“

Die Katwarn-Meldung am Dienstag, 12.56 Uhr.
Die Katwarn-Meldung am Dienstag, 12.56 Uhr. Screenshot: svw
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