Rhein-Pfalz-Kreis
Reaktionen nach der US-Wahl: „Amerika ist verloren“
Als allererstes musste es ein Rotwein sein. Direkt nach der Präsidentschaftswahl hat sich Christy Ledbetter ein großes Glas eingeschenkt. Denn wer konnte schon wissen, wie sich das Rennen zwischen Donald Trump und Joe Biden noch entwickeln würde? Ledbetter, die 1999 mit ihrem Ehemann William zum ersten Mal nach Deutschland kam und seit 16 Jahren in Limburgerhof lebt, hat sich die Nacht um die Ohren geschlagen und die Nachrichten aus den USA gebannt auf dem Smartphone verfolgt. Mit dem Ergebnis, dass es kein Ergebnis gab – auch am Folgetag nicht. Das Gefühlschaos, das sich in ihr breit machte, lässt sich nur mit Mühe in Worte fassen. „Ich bin so traurig, so sauer, so enttäuscht und wütend“, sagt die US-Amerikanerin, „es ist eine Tragödie.“ Ledbetter hatte so sehr gehofft, dass Joe Biden sofort gewinnen würde, dass „die Leute sehen, wie Trump ist und ihn nicht mehr wählen“.
Die Glückwünsche einer Cousine zu seinem 60. Geburtstag Anfang September sind der bislang letzte Kontakt, den Paul Poje (CDU) in die USA hatte. „Die Wahl war kein Tabu-Thema, aber man hat die Polarisierung schon gespürt“, sagt Poje, der in New York geboren wurde, „aber zum Glück ist sie eine Anhängerin der Demokraten.“ Als er sechs Jahre alt war, zogen Pojes Eltern zurück in die Pfalz, in den Heimatort der Mutter, die Verbindungen in die USA sind aber geblieben – durch Verwandte, aber auch wegen seiner Arbeit, bevor er Bürgermeister der Verbandsgemeinde Maxdorf wurde. Manche ehemaligen Kollegen der BASF sind in den Vereinigten Staaten tätig. Und manche davon wählen eben republikanisch. Poje erinnert sich vier Jahre zurück, als Trump zum ersten Mal kandidierte. „Ich musste noch nie einen Idioten wählen“, habe ihm ein US-Kollege gesagt – sein Kreuz aber dennoch entsprechend gesetzt.
71 Millionen gilt es zu respektieren
In seiner Analyse möchte Poje daher Emotionen auch so gut es geht außen vor lassen. „Es gibt Wähler, die die Persönlichkeit in den Vordergrund stellen, aber eben auch viele Parteianhänger, feste Republikaner“, sagt er, „da könnte man ihnen dann auch einen Besenstiel hinstellen und sie würden ihn wählen.“ Anders als in Deutschland gebe es für sie in einem Zwei-Parteien-System dann keine Alternative. Trotzdem sagt Poje: „71 Millionen Menschen haben ihren Grund und müssen respektiert werden, die Republikaner mitsamt Trump gewählt zu haben.“
Christy Ledbetter sieht das freilich ein wenig anders. Sie ist zutiefst enttäuscht, dass viele ihrer Landsleute Trump gewählt haben. „Das zeigt, dass die Hälfte der Amerikaner kein Problem mit Trumps Rassismus hat und damit, wie er Frauen behandelt. Das ist keine Politik, das ist Hass“, sagt die Grundschullehrerin, die sich mit ihrer 16-jährigen Tochter Sofie im Migrationsbeirat von Limburgerhof engagiert. Das ganze Land baue auf die kleine Minderheit von reichen, weißen Männern auf. Sie selbst ist in West Virginia geboren, einem Land, in dem Geld mehr zähle als alles andere und in dem sich selbst die ärmsten Leute für etwas besseres hielten, nur weil sie weiß sind. Später ist sie mit ihrer Mutter nach North Carolina gezogen. „Als wir unsere Hochzeit bei meiner Mutter mit einer Party gefeiert haben, haben sich unsere schwarzen Freunde auf die Autos aufgeteilt. Nur Schwarze in einem Auto wäre zu gefährlich für sie in dieser Gegend gewesen“, beschreibt sie die Lage dort. Und viel habe sich daran bis heute nicht geändert. Trump, so sinniert sie, sei eigentlich nicht das Problem, sondern ein Symptom dieser Gesellschaft, mit der sie sich überhaupt nicht identifizieren kann. In West Virginia kommt Trump auf rund 68,6 Prozent der Stimmen. In North Carolina wird noch ausgezählt, aber auch hier dürfte er am Ende vorne liegen.
Unterm Strich jedoch hat Joe Biden das Rennen gemacht und wird in das Weiße Haus einziehen. Als das Ergebnis am Samstag feststeht und klar ist, dass der Demokrat mehr als die nötigen 270 Wahlmänner auf sich vereinen kann, sind Christy Ledbetter und ihre Familie erleichtert. Allerdings ist die 46-Jährige immer noch pessimistisch und fürchtet, dass die Republikaner es dem künftigen US-Präsidenten sehr schwer machen werden. Das zeige sich schon darin, dass viele Republikaner Biden noch nicht gratuliert hätten – und auch Trump seine Niederlage noch nicht eingeräumt hat. „Jemand, der unterlegen ist, braucht manchmal ein bisschen Zeit, um das zu verarbeiten und zu akzeptieren“, sagt derweil Paul Poje.
Unter Trump gelitten
Für ihn ist Joe Biden ein „bedachter Senior“, mit dem die Art der Kommunikation wieder salonfähig werden dürfte. „Der Ton macht die Musik“, sagt Poje, „und da mussten wir nun vier Jahre lang einiges erdulden. Deshalb schnaufen wir jetzt erst einmal durch.“ Christy Ledbetter ist weniger optimistisch: „Dieser knappe Wahlausgang zeigt mir, Amerika ist verloren.“
Denn es verlaufe ein tiefer Riss durch die USA, die Gesellschaft sei gespalten. Mit ihrem Vater etwa, einst ein Demokrat, heute ein glühender Trump-Anhänger, hat Ledbetter den Kontakt abgebrochen. Er habe ihr gesagt, Politik in den USA gehe sie nichts an, sie solle sich um ihre drei Kinder kümmern. „Es geht mich sehr wohl etwas an“, sagt sie, denn immerhin hätten sie und ihre Familie noch amerikanische Pässe und Amerika sei eben leider noch sehr wichtig in der Welt. Ihre Mutter und deren jetziger Ehemann seien dagegen keine Trump-Anhänger. „Mein Stiefvater war Polizist, er kann es nicht leiden, wenn sich jemand nicht an Regeln hält“, sagt sie. Viele ihrer Freunde hätten unter Trump als Präsident gelitten und sich furchtbar gefühlt.
In den Herbstferien 2018 war Paul Poje zuletzt in New York. Einer Maxdorfer Freundesgruppe hat er auch das Haus gezeigt, in dem er aufgewachsen ist. „Es ist die erste Aufgabe des neuen Präsidenten, das Volk zu einen“, sagt Poje, „und es nicht noch weiter zu teilen.“ Deshalb setzt er vor allem große Stücke auf Kamala Harris. „Sie ist eine toughe Vizepräsidentin“, findet er und nennt es einen „cleveren Schachzug“, die Hoffnungsträgerin des liberalen Amerika aufzubauen und dann als Präsidentschaftskandidatin zu präsentieren. „In vier Jahren dann“, sagt Poje, „spätestens.“