Mutterstadt
Rasten, wo einst die Römer reisten
„Von hier bis hier“, sagte Michael Ceranski und zeigte auf ein neben dem neuen Rastplatz an dem Zubringer auf die B9 aus Richtung Mutterstadt Süd geparktes silbernes Auto und dann auf ein Straßenschild an der Bundesstraße. Mit großer Geste erklärte er den Gästen die ungefähre Ausrichtung der ehemaligen Römerstraße. Gemeindearchivarin und Historikerin Christina Wolf bestätigte das: „Bei Mutterstadt wurde die Rheintalstraße mehrfach nachgewiesen, zum Beispiel an der nordöstlichen Gemarkung zu Maudach. Ihr Verlauf deckt sich in großen Teilen mit dem Verlauf der heutigen B9 und mit der sogenannten ,Alten Landstraße’ von Limburgerhof über Maudach nach Oggersheim“.
Und sie kann natürlich noch viel mehr erzählen, etwa dass der römische Straßenbau schon im 5. Jahrhundert vor Christus zur Zeit der Römischen Republik begonnen habe und die Straßen zunächst überwiegend als Versorgungs- und Marschwege für das Militär, aber auch für administrative Zwecke wie den Nachrichtenaustausch durch Kuriere oder Fahrten von Staatsbeamten gedient haben. Auch seien sie von privat Reisenden, Händlern und Handwerkern genutzt worden. Die Rheintalstraße, mit deren Bau spätestens um etwa 15 vor Christus begonnen worden sei, habe Oberitalien mit der römischen Provinz Obergermanien verbunden. Sie verlief von Basel, Straßburg, Rheinzabern, Speyer und Worms nach Mainz und sei eine der wichtigsten Fernhandelsstraßen im Norden des Römischen Reichs gewesen. Die Strecke zähle zu den frühesten Römerstraßen der Region, betonte Christina Wolf die Bedeutung.
Sogenannte Leugensteine (eine Leuge misst etwa 2,2 Kilometer) oder auch Meilensteine seien Hilfen zum Schätzen der Strecke und zur Orientierung gewesen. Mutterstadt befinde sich an der VIII. Leuge zwischen Speyer und Worms. Bei der Neutrassierung der B9 Ende der 1970er-Jahre habe man nahe der Gemeinde zwei Leugensteine gefunden. Das im Jahr 306/307 zu Ehren von Kaiser Konstantin dem Großen aufgestellte Exemplar kann auf dem neuen Platz als Nachbildung bestaunt werden.
2009 wurde das Projekt, einen historischen Rastplatz zur Erinnerung an die alte Römerstraße einzurichten, von der Mutterstadter Ortsgruppe des Historischen Vereins angestoßen und nun realisiert. So wurden auf dem Rastplatz unter anderen auch Edelkastanien, Walnussbäume und Reben angepflanzt – alles Pflanzen, die die Römer schon gekannt und in die Pfalz gebracht hatten. Ursprünglich sei das Gelände am alten Wasserwerk (Kreuzung B9/A65) als Standort geplant gewesen, berichtete Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD). Doch es habe Problemen mit den Gegebenheiten vor Ort gegeben.
Legionär verschont Schneider
Der Wunsch nach einem Platz, an dem man sich an der besagten Stelle ausruhen kann, kam schon einige Jahre zuvor. So kombinierte die Gemeinde dieses Anliegen mit dem Andenken an den antiken Straßenverlauf. Rund um den Rastplatz herum braust der Verkehr – doch das sei, in Anbetracht der Tatsache, dass die Straße einst von den Römern zum Befahren angelegt wurde, doch nur authentisch. „Das passt“, sagte der Ortschef, wie auch die Statistenrolle, die er von Bernd Neumann zugewiesen bekommen hatte. Der Vorsitzende des Fördervereins Archäologie-Park Rheingönheim wollte die römische Kampfweise demonstrierten. Schneider willigte ein und scherzte: „Bin eh nicht mehr lange im Amt.“ Und so legte Bernd Neumann alias Lucius Julius Reno Barbatus, gekleidet in einer handgewebten Tunika und mit selbstgemachtem Gürtel mit Bronzebeschlägen, los und zog sein „Gladius“, wie das römische Nahkampf-Kurzschwert bezeichnet wurde. Mit einem selbstbewussten „Salvete!“ begrüßte er die Menge und stellte gleich mal klar, dass eine „Zenturie“ – also eine militärische Einheit im altrömischen Heer – nur aus 80 Kämpfern bestand, die aber ihr Handwerk sehr wohl verstanden. „Wenn Sie so dumm sind, dass Sie sich auf unseren Kampfstil einlassen, gehören Sie der Katz“, erklärte er, verschonte aber das Gemeindeoberhaupt. Denn er, „der hier stationierter Legionär“, sei sehr froh, dass eine neue Anlaufstelle geschaffen worden sei, die Geschichte begreifbar mache. Und Volker Schläfer vom Historischen Verein Mutterstadt erinnerte noch an Walter Storck. Der hatte sich um die Entdeckung der Artefakte aus der Römerzeit in und um Mutterstadt verdient gemacht, so sehr, dass nach ihm auch eine Straße benannt wurde.
Nach so viel „trockenem Stoff“ lud Klaus Lenz (CDU) zu einem Glas Riesling und Malvasier ein, letzterer angeblich der Lieblingswein Martin Luthers. In seiner Hand die Nachbildung eines römischen Sturzbechers, „der Vorgänger des Dubbeglases“, wie Lenz mit einem Schmunzeln erklärte. Dieses hat einen gewölbten Boden, kann nicht abgestellt werden und kreiste vermutlich ständig gefüllt in der Runde. „Sie waren eben intelligenter, die Römer“, resümierte Lenz.