Bobenheim-Roxheim
Porträt: Roxheimer Urgestein wird 90
Selbst mit 90 wirkt Hans Graber noch so, als wolle er jeden Moment einen Baum ausreißen. Doch zuletzt musste er kürzer treten „Es ist mal so, mal so“, sagen seine Kinder Klaus, Andrea und Markus, die sich gemeinsam um den seit 18 Jahren verwitweten Vater kümmern. Im Januar fing er sich Covid-19 ein, aber er hat die Krankheit trotz des hohen Alters überstanden.
Für viele ist Hans Graber eher ein Roxheimer als ein Bobenheim-Roxheimer. Manche meinen, dass sich der CDU-Kommunalpolitiker, nie mit der Fusion der beiden Gemeinden abgefunden habe. Tatsächlich hatten die Räte beider Dörfer bei der Gebietsreform von 1968/69 erbittert und bis zur höchsten Instanz gegen die Zwangsvereinigung gekämpft. Am 17. April 1969 lehnte der Verfassungsgerichtshof des Landes Rheinland-Pfalz die Klagen beider Kommunen endgültig ab. Damit war der Weg frei für die verbandsfreie Gemeinde mit dem Namen Bobenheim-Roxheim. In dieser wirkte Hans Graber dann aber engagiert mit.
Als der Familienname noch zählte
In der Kommunalpolitik sei es damals noch sehr patriarchalisch zugegangen, erinnert er sich. Es zählten der Familienname und der Proporz, gewählt wurde standesgemäß und weltanschaulich. Dass er bei den „Schwarzen“ landete, war kein Zufall. Graber ist der Spross einer alteingesessenen und katholischen Zentrum-Familie. Sein Vater war Zweiter Bürgermeister und hatte im Nationalsozialismus wegen seines unerschütterlichen Bekenntnisses zur Demokratie und zum christlichen Glauben unter Schikanen zu leiden. Er verlor sogar seinen Arbeitsplatz.
Hans Graber, das jüngste von neun Kindern, war bei Kriegsende 14 Jahre alt. Seine Erinnerungen an die letzten Kriegsmonate und den Einmarsch der Amerikaner sind noch sehr lebendig: „Die Wehrmacht hatte damals am Altrhein ein Zwölf-Mann-Schlauchboot zurückgelassen. Mit Freunden habe ich es zu mir nach Hause gebracht, was meine Mutter in große Aufregung versetzte.“ Das Boot musste schnell wieder weg, damit die Besatzer keinen bösen Verdacht schöpften.
Seine kommunalpolitische Glanzzeit erlebte Hans Graber als CDU-Fraktionsvorsitzender unter den Bürgermeistern Karl Beck (SPD) und Wolfgang Fügen (CDU). Die weitere Entwicklung der Großgemeinde beurteilte Graber stets positiv. Als Gewerkschafter der IG-Metall und Betriebsrat bei KSB hatte der Christdemokrat keine Berührungsängste gegenüber der SPD. Die Sozialdemokratie war für ihn kein Feindbild.
Redegewandte Kämpfernatur
Graber galt als Kämpfernatur, besonders in der Amtszeit von Bürgermeister Wolfgang Fügen erlebte man ihn als temperamentvollen und redegewandten Fraktionschef – konsequent und oft hart in der Sache, nach den Sitzungen aber auch versöhnlich und kameradschaftlich.
Großen Wert legte er auf Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Unter Demokraten könne es Gegner geben, sie dürften aber niemals zu Feinden werden, sagte er vor Jahren einigen jungen Kommunalpolitikern, als diese im Eifer des Gefechts übers Ziel hinausschossen. Die Demokratie sei kein Selbstläufer, meint der 90-Jährige. Frieden, Freiheit und Wohlstand seien keine Selbstverständlichkeit, sondern ein stetiger Gestaltungsauftrag. Trotz mancher Unvollkommenheiten sei die Bundesrepublik der beste Staat, den Deutschland je hatte.
Kinder und Enkel hören ihm gern zu
Als Grabers Stimme nach einer Stimmbandoperation zusehends leiser und das Reden immer anstrengender wurde, traf ihn das schwer. Auch der Tod seiner Frau Anneliese 2003 war ein schwerer Schlag. Getragen von seiner Familie fasste Graber dennoch neuen Lebensmut. In seinen Kindern und Enkelkindern findet er noch immer aufmerksame Zuhörer, was ihn sichtlich freut. Sein Sohn Klaus Graber sagt: „Manche Geschichten haben wir sicher schon hundertmal gehört , aber dann erfahre ich immer wieder auch noch neue und interessante Dinge von ihm.“
Mit seinen 90 Jahren ist Hans Graber eine Art lebendes Heimatbuch und sicher auch ein Vorbild für jüngere Semester. Was er sich zum hohen runden Geburtstag wünscht? Die Antwort kommt prompt. „Es langt jetzt mit Corona“, sagt er, „ich will endlich wieder in mei Kerch.“