Region Frankenthal
Politiker im Narrenkostüm: Wer pflegt welche Tradition in der Fasnachtszeit?
Fasnachtstermine – Pflicht oder Vergnügen?
„Ob Fasnacht, Karneval oder Fasching, es geht um ein sehr wichtiges Kulturgut“, meint Christian Baldauf, der Mitglied in recht vielen Fasnachtsvereinen ist. Der Fraktionsvorsitzende der rheinland-pfälzischen CDU und Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Frankenthal lobt den Zusammenhalt und die Nachwuchsarbeit der Narren und schunkelt sich landauf, landab durch die Säle. Etwas Besonderes war für ihn der Tollitätenempfang seiner Partei am 13. Februar in Mainz.
Von Narrenzwang keine Spur auch bei Martin Haller, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD im Landtag. Der Abgeordnete war und ist auf elf Veranstaltungen in seinem Wahlkreis zu Gast. Ob Ordensball oder Wohltätigkeitswiegen, die Freude und das Engagement der Fasnachter empfindet Haller als ansteckend: „Man spürt einfach, wie viel Schweiß und Herzblut hinter jeder einzelnen Veranstaltung stecken.“
Faschingsprofi von eigenen Gnaden ist Michael Reith (SPD). Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim tritt seit Jahren mit gereimten Büttenreden vors närrische Volk und hat von der „Tapeziererin“ über Anwalt und Masseur bis zum Gitarre spielenden Friseur und dem Skifahrer eine beachtliche Karriere hingelegt.
Kappe oder Kostüm?
„Ich gehe stets dem Anlass angemessen“, versichert Christian Baldauf und lacht. Sich für Kostümsitzungen zu verkleiden ist für ihn Ehrensache. Man konnte ihn unter anderem als Matrose und Mafioso erleben. Martin Haller hat bei dicht gefülltem Terminkalender „leider meist keine Zeit für aufwendige Kostümierung“ und liebt es bei den Sitzungen eher leger. Er gibt sich tolerant: „Meine Devise ist: jeder nach seinem Geschmack.“ Zwischen Auftrittskostüm und „normalem Faschingsoutfit“ unterscheidet der in der Bütt aktive Michael Reith und nimmt für danach aus Komfortgründen eine zweite Kostümierung mit.
Beratungsbedarf oder selbstbestimmt?
Auf diese Frage antwortet Christian Baldauf ganz klar: „Meine Frau sucht aus. Ich habe noch nie ein Veto einlegen müssen.“ Bei Martin Haller ist es anders: „Meine Mutter sagt, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr meine Kleidung selbst aussuche.“ Das mache er immer noch so. Komplizierter ist die Stylingfrage für Michael Reith: Begleiten ihn Frau oder Tochter, stimme er das Outfit auf das der Damen ab. Geht er allein, dann in einem Kostüm, das er an dieser Adresse noch nicht anhatte. Ein gewisser Fundus sei vorhanden.
Rolle oder Fantasiekleidung?
Michael Reith war abseits seiner Aufmachung bei Büttenreden schon Polizist, Robin Hood, Pirat, Harlekin, Hutmacher, Voodoo-Priester. Er mag’s „schick und nicht anrüchig“. Winzer, Bayer, Edelmann, Schotte, Vogelscheuche, Pirat … Christian Baldauf verfügt über „Dutzende Verkleidungen“, wie er verrät. Zwei bevorzugte sind: FCK-Fan mit Halstuch vom Pokalfinale 1981 und der alte Hochzeitsanzug („ja, der passt noch“) mit Pin-bestücktem Revers. Er liebt sein rotes FCK-Shirt, das er mit knapp 52 als wohl ältester Debütant der Traditionself überstreifen durfte. Martin Haller verkleidet sich „vor allem bunt“ und trotzt damit in der dunklen Jahreszeit mannhaft den Mächten der Finsternis: „So bringen wir auch an grauen Tagen Farbe in unseren Alltag.“ Schnell anzuziehen, bequem und nicht so warm soll es für ihn sein, am liebsten Jeans, buntes Hemd und getönte Pilotenbrille.
Gediegen oder provokant?
Über Geschlechtergrenzen gewagt hat sich Michael Reith als „Frau Tapeziererin“, doch das Cross-Gender-Büttenabenteuer wird wohl einmalig bleiben. Christian Baldauf findet, beim Verkleiden solle der Spaßfaktor im Vordergrund stehen. Er will „mit einem lachenden Auge und Humor auf soziale Rollen“ blicken. Die Grenzen sollen verschwimmen, „aber unter die Gürtellinie sollte es nicht gehen“. Martin Haller findet es in der närrischen Zeit wichtig, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.
Das ultimative Fasnachtserlebnis …
… hatte Christian Baldauf als Piratenkapitän Jack Sparrow: Wo er auftauchte, blieb er unerkannt. „Das hatte was Befreiendes.“ Ebenfalls unvergessen bleibt sein Duett im 1. Frankenthaler Männerchor mit Margit Sponheimer.
… hatte Michael Reith als Friseur Silberlocke mit dem Mickie-Krause-Hit „Du hast die Haare schön“. Seither wird der Song bei Geburtstagsbesuchen, die er in der Verbandsgemeinde macht, für ihn angestimmt.
… hat Martin Haller noch vor sich: Premiere für das Vater-Tochter-Narrenduo beim Frankenthaler Fasnachtsumzug.