Bobenheim-Roxheim
Plastikmüll wird Jungstörchen immer häufiger zum Verhängnis
Der Missstand ist bekannt: Weißstörche, die gern gesehenen Sommergäste in der Pfalz, staksen durch die Felder und stoßen auf Folienreste, Getränkeverpackungen und anderen Plastikmüll. Sie tragen die Teile in ihr eigentlich aus Zweigen bestehendes Nest ein, und ruckzuck entsteht eine wasserdichte Kuhle, in denen die frisch geschlüpften Vögel ertrinken, wenn gerade mal wieder ein Starkregen niedergegangen ist. Oder die jungen Tiere holen sich im nassen Nest durch Unterkühlung den Tod. Oder es breiten sich krankmachende Pilze aus. Auch in Bobenheim-Roxheim ist das schon geschehen.
Im Kleinerweg auf dem Schornstein des leer stehenden Wohnhauses der ehemaligen Gärtnerei trübt derzeit ein gelber Sack das Idyll vom bewohnten Storchennest in luftiger Höhe. Unnatürlich und geradezu ekelig sticht der Fetzen zwischen dem kunstvoll aus Ästen gebauten Wohnsitz einer Weißstorchfamilie heraus. Warum nur machen das ausgerechnet diese Tiere? Sind Sie dümmer als andere Vögel?
Auch andere Vogelarten sind betroffen
Nein, sagt Jessica Lehmann, die im Verein Pfalzstorch die Pressearbeit macht. „Kunststoff findet sich auch in Spatzen- und Kohlmeisennestern. Es fällt uns bei den Störchen nur mehr auf. Wegen ihrer Größe und weil sie so nah bei uns nisten.“ Die Menschen, die Störche beringen und deshalb zu den Nestern hoch steigen, bekämen noch ganz anderes zu Gesicht als Plastikfolie, berichtet Lehmann und zählt auf: Golfbälle, Schnuller, Kondome und kürzlich zum ersten Mal ein Mund-Nasen-Schutz. Gefährlich seien auch Schnüre, mit denen sich die Vögel strangulieren oder ihre Beine abbinden können. Oder an denen sie ersticken, wenn sie sie für Nahrung halten.
Apropos Futter: Auch da greifen Störche immer häufiger auf Dinge zurück, die definitiv nicht in ihrem Magen landen sollen. Geschweige denn in dem von Jungvögeln, die noch kein Gewölle bilden, mit dem zusammen sie Fremdstoffe auswürgen können. „Bei vollem Magen verhungert“, fasst Jessica Lehmann den inzwischen leider schon klassisch zu nennenden Fall von Vogeltod durch Plastik zusammen.
Storch holt sich, was er so findet
Auch das liegt etwa nicht am fehlenden Instinkt. „Der Storch ist ein Nahrungsopportunist“, erklärt Lehmann, „er bringt das an, was er draußen am meisten vorfindet.“ Anders gesagt: Wenn auf den Äckern weniger Folien und auf den Wiesen an Badeseen weniger Streumüll lägen, würde sich der Vogel mehr auf natürliche Baumaterialien und richtiges Futter konzentrieren.
Die Mitarbeiterin des Storchenzentrums in Bornheim stellt klar: „Die Mülleintragungen in die Nester sind keine Ausnahmen oder Zufälle. In mehr als der Hälfte der Nistplätze finden wir Plastik. Der Storch führt uns vor Augen, was in der Landwirtschaft und der Natur passiert.“
Im Fokus der Vogelschützer stehen aktuell die Gummiringe, mit denen Radieschen oder Frühlingszwiebeln gebündelt werden. Wenn Bauern Gemüseabfall auf ihren Felder liegen lassen, seien häufig noch die Gummibänder dabei, klagt die Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz. Die Ringe würden von Weißstörchen für Würmer gehalten und an den Nachwuchs verfüttert.
Vogelschützer appellieren an Verbraucher
Gemeinsam mit Vertretern der Landwirtschaft suche man nach einer Lösung des Problems, berichtet Jessica Lehmann. Sie hält viel davon, die Verbraucher aufzuklären. Denn die, so argumentierten Bauern und Gemüsehändler, wollten Radieschen nur mitsamt dem Grün kaufen, deshalb werde mit Gummi gebündelt. „Zu Hause schneiden die Leute das Grün aber meist sofort ab, weil es den Radieschenwurzeln das Wasser entzieht“, so Lehmann.
Deshalb fordert sie Verbraucher, die das unsinnig finden, auf, das gegenüber dem Handel immer wieder deutlich zu machen, damit sich was ändert. Ihr Tipp: „Bitten Sie doch einfach Ihren Gemüseverkäufer, er soll das Grün abmachen und behalten. Radieschen könnte man auch wie Erdbeeren in Pappschalen verkaufen.“