MAINZ / DANNSTADT-SCHAUERNHEIM
Vogelschützer: Kunststoffabfälle sind eine tödliche Gefahr für Störche
Anfang Mai tauchten in einem Storchennest im Wildpark in Ludwigshafen-Rheingönheim Gummiringe auf. Weil das dort brütende Weibchen einen Satellitensender trug, konnten Vogelschützer von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) seine Flugrouten verfolgen. Dabei stellten sie fest, dass die Störchin mehrfach sechs oder sieben Kilometer entfernte Äcker zwischen Dannstadt-Schauernheim und Mutterstadt (Rhein-Pfalz-Kreis) ansteuerte, berichtet Gnor-Vorstandsmitglied Thomas Dolich. Vor Ort zeigte sich, dass massenhaft Radieschen und Bundzwiebeln über ein Feld verstreut lagen. Das Problematische daran: Viele der Gemüseabfälle seien noch mit Gummiringen zusammengehalten worden.
Vor allem für Jungstörche stellen solche Plastikabfälle eine tödliche Gefahr dar, sagt das Gnor-Vorstandsmitglied. Die Ringe werden von den Tieren offenbar für Futter gehalten und auch an ihren Nachwuchs verfüttert. Anders als die Altvögel können die Jungen die unverdaulichen Gummis nicht als Gewölle wieder hervorwürgen. Bei drei verendeten Tieren hat das Rheinland-Pfälzische Storchenzentrum Bornheim die Mägen untersucht, so Dolich weiter. „Sie waren so voll mit Gummis, dass die Jungstörche nichts mehr fressen konnten.“
Grundsätzlich ist es erlaubt, unverkäufliches Gemüse auf Feldern unterzupflügen, heißt es beim Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd in Mainz. Dadurch könne Kunstdünger eingespart werden. Verbandssprecher Andreas Köhr betont aber auch: „Plastikmüll hat auf den Feldern nichts verloren.“ Darauf weise der Verband regelmäßig hin, um seine Mitglieder zu sensibilisieren.
Abfälle auch im Wingert
Die Gummis sind nicht das einzige Abfallproblem in der Landwirtschaft. Vom Wind zerfetzte Abdeckfolien landen schon mal in Nestern, nennt Dolich ein weiteres Beispiel. Bei Regen könne das dazu führen, dass sich Wasser im Nest staut und die Jungen gefährdet. „In den Weinbergen werden Befestigungsschnüre vom Vorjahr einfach abgerissen und auf dem Boden liegen gelassen“, hat Gnor-Präsident Peter Keller beobachtet. Auch die braunen Behälter („Dispenser“), die mit ihren Sexuallockstoffen die Vermehrung von Schädlingen eindämmen sollen, bleiben laut Keller nicht selten liegen oder hängen über Jahre in den Hecken. Dabei sollten sie eingesammelt werden, wenn die neuen Dispenser aufgehängt werden. Kellers Vorschlag: Würden die Behälter in jedem neuen Jahrgang mit einer anderen Farbe versehen, könnte es keine Verwechslung mehr geben.
Vor kurzem hat auch Otto Paul, der frühere Ortsbürgermeister der südpfälzischen Gemeinde Hochstadt, in einem Leserbrief an die RHEINPFALZ seinem Ärger Luft gemacht: Er beklagte, dass bei Hochstadt reifes Gemüse zusammen mit Bewässerungsschläuchen aus Kunststoff einfach untergefräst werde. Anlass für seinen Leserbrief war ein RHEINPFALZ-Artikel, in dem über schwarze Schläuche in der Nachbargemeinde Essingen berichtet worden war. Fetzen und Teilstücke dieser Schläuche waren nicht entfernt, sondern in den Boden eingearbeitet worden.
ADD lässt die Gemüseabfälle untersuchen
Was sagt die Landesregierung zum Thema Kunststoffabfälle auf Feldern? – Das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium hat im Falle Dannstadt-Schauernheim die Aufsichtsbehörde ADD in Trier eingeschaltet. Dort heißt es: Eine Vorortkontrolle habe stattgefunden. Die Sache werde rechtlich geprüft. Um den Anteil der Gummiringe im Gemüse festzustellen, sei eine Probe bei der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt (Lufa) in Speyer abgegeben worden. Das Ergebnis stehe noch aus.
„Kunststoffabfälle haben auf landwirtschaftlichen Flächen nichts verloren und entsprechen nicht der guten fachlichen Praxis“, sagt das Umweltministerium zu den Gummiringen bei Dannstadt-Schauernheim. Gerade in der Brut- und Aufzuchtzeit seien die Ringe gefährlich für viele Vögel. Insbesondere Weißstörche picken auf den Äckern in Gemüseresten und halten die hellbraunen und beigen Ringe möglicherweise für Würmer. „Sie füttern ihre Jungen damit und das ist für die häufig tödlich“, so das Umweltministerium weiter. Vorbehaltlich einer genauen Prüfung könne es sich beim Ausbringen von Gummiringen um einen Verstoß gegen das im Bundesnaturschutzgesetz festgeschriebene Tötungs- und Verletzungsverbot für besonders geschützte Arten handeln. Dies stelle eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einem Bußgeld belegt werden könne.
Andererseits stellt sich die Frage, was ein Landwirt mit Erzeugnissen machen soll, die ihm der Lebensmittelhandel nicht abnimmt.
Verband prüft Alternativen
Eine Lösung könnte sein, Gemüseabfälle zu pressen und zu trocknen, um sie anschließend in der Klärschlamm-Verbrennungsanlage der BASF zu verbrennen, sagt Johannes Zehfuß, Vizepräsident der Bauern- und Winzerschaft Rheinland-Pfalz Süd. Die BASF habe laut Zehfuß ihr grundsätzliches Interesse signalisiert. Bisher scheitere das Projekt aber daran, ein geeignetes Grundstück in der Nähe der Kläranlage zu bekommen.
Vorstellbar ist laut Zehfuß auch, nach Alternativen für die Ringe zu suchen. Naturkautschuk könne die Anforderungen des Handels allerdings nicht erfüllen. Denkbar wäre, Radieschen künftig in Plastikschälchen zu verpacken. Diese Schälchen könnten vom Verbraucher über den Gelben Sack entsorgt werden.
„Belastbare Untersuchung nötig“
Er stehe in der Frage der Gummiringe mit dem Bornheimer Storchenzentrum in Kontakt, fügt Zehfuß hinzu. Es gelte, mögliche Eintragspfade auch aus weiter entfernten Gebieten zu ermitteln. Denn es seien auch Gummiringe gefunden worden, die nicht denen ähneln, die für die Gemüsebündel verwendet werden. „Außerdem brauchen wir belastbare Untersuchungen zum Umfang der Problematik, um entsprechend gegensteuern zu können. Vielleicht im Rahmen einer Promotion oder einer Master-Arbeit. Wenn die Untersuchungen auf wissenschaftlicher, statistisch belastbarer Basis vorliegen, lassen sich zielorientiert praxistaugliche Lösungen auf den Weg bringen.“
„Das sind keine Einzelfälle“
Auch ohne eine wissenschaftliche Untersuchung ist Jessica Lehmann, die Leiterin des Bornheimer Storchenzentrums, davon überzeugt, dass das Ausmaß der Abfälle auf den Feldern durchaus erheblich ist: „Das sind keine Einzelfälle.“ Hat sie doch das Problem täglich vor Augen: Vor der Tür des Storchenzentrums befindet sich auf einem dort aufgestellten Baumstamm ein Storchennest, in dem seit Jahren ein Paar Junge aufzieht.
An nur zwei Tagen in der vergangenen Woche hat sie unter dem Nest rund zwei Dutzend Heftgummis, wie sie nach ihren Worten zur Befestigung im Weinbau verwendet werden, sowie Gummiringe aufgelesen. Daran habe sich auch Gewölle befunden, so Lehmann. Dies deute darauf hin, dass das Material von Altstörchen aufgesammelt, später hervorgewürgt worden und womöglich beim Füttern aus dem Nest gefallen sei.