Bobenheim-Roxheim / Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Pferdetherapie für Flüchtlingskinder

Stellt ihr Pferd für einen guten Zweck zur Verfügung: Halterin Sophie Kühn (links) schaut zu, wie Ruslan auf ihrem Pferd Meteor
Stellt ihr Pferd für einen guten Zweck zur Verfügung: Halterin Sophie Kühn (links) schaut zu, wie Ruslan auf ihrem Pferd Meteor sitzt. Daneben steht Anna. Sie kommen aus Odessa und wohnen zurzeit in Birkenheide.

Knapp 20 ukrainische Flüchtlingskinder durften am Samstag auf dem Hofgut Petersau in den Sattel steigen. Auf dem Rücken der Pferde konnten sie ihre Sorgen und Ängste, die sie wegen des Kriegs in ihrer Heimat erleben, für ein paar Stunden vergessen. Das Training war der Auftakt für weitere Hilfsaktionen, die den Geflüchteten Freude bringen sollen.

Die fröhlichen Gesichter der ukrainischen Kinder strahlen am Wochenende fast noch heller als die Sonne auf dem Hofgut Petersau. Begeistert schauen sie den Reitlehrerinnen und Helfern zu, wie die Pferde richtig gekämmt werden oder wie man einfach in den Sattel steigt. Auf der Reitbahn in der Mitte des Hofguts werden die Pferde im Kreis geführt. Einige Mutige trauen sich sogar, ein bisschen zu galoppieren. Am Rande der Bahn stehen stolze Mütter, Tanten, Geschwister und zufriedene Helfer – Traurigkeit oder Angst scheinen zumindest für einen Augenblick vom Glück verdrängt.

Schon knapp zwei Monate ist der Ausbruch des Kriegs in der Ukraine her. Markus Schuler aus Lambsheim fährt gleich mehrere Male privat und mit der Verbandsgemeinde an die polnische/ukrainische Grenze, um dort zu helfen. Er kümmert sich um Hilfsgüter, Essen und Wohnplätze, trotzdem findet er: „Das kann nicht alles sein. Wer einmal die traurigen leeren Augen gesehen hat, der weiß, dass die wunden Füße nicht das schlimmste sind, sondern die Psyche.“ Da seine Frau selbst reitet und dem Ehepaar auch ein Pferd auf dem Hofgut Petersau gehört, kam er schließlich auf die Idee für freie Reitstunden.

Kindern Ruhe geben

Die „Pferdetherapie“ soll den Kindern zu Ruhe und Gelassenheit verhelfen. „Ein Pferd ist kein Sportgerät, zumindest hier nicht“, betont Markus Schuler. Vielmehr gehe es um die Interaktion und darum, ein Gefühl füreinander zu entwickeln. Im Einsatz seien sowohl private als auch Schulpferde. Die Veranstaltung wird durch Spenden finanziert und die Reitlehrer und andere Helfer arbeiten ehrenamtlich. „Wahnsinnig viele sind sehr hilfsbereit, ohne Wenn und Aber“, sagt Markus Schuler begeistert. Alle, die er um Hilfe für die Reitstunden gebeten hatte, haben schnell zugesagt. „Wenn wir es nicht auf dem Dorf schaffen, eine gute Gemeinschaft zu bilden, wer dann?“, meint er. Wie die Atmosphäre am Samstag zeigt, hat sich dieses Motto schon bewährt. Während des Reittrainings gab es außer der Kutschfahrten auch Kaffee und Kuchen. Am Abend wurde gemeinsam gegrillt, um den Tag abzurunden. Der Flair und die ausgelassene Stimmung erinnern an heitere Dorffeste, wie vor der Pandemie.

Für das Training sind am Samstag Mina Hideg und Marie Schopat verantwortlich, beide machen derzeit eine Ausbildung zur Pferdewirtin auf dem Hofgut Petersau. Die Sprachbarriere mit den ukrainischen Kindern war für die beiden kein Problem. „Da braucht es gar keine Worte, die Gestik reicht und die Bewegungen kann man ja auch gut zeigen“, sagt Hideg.

Freude bei Ukrainern

Begeistert sind aber nicht nur Veranstalter Schuler und seine zahlreichen Helfer, sondern besonders die ukrainischen Familien. Lena Nesterovska kam vor über einem Monat aus Charkiw nach Großniedesheim. Ihre siebenjährige Tochter habe in dieser Woche jeden Tag gezählt, bis sie auf das Pferd durfte, sagt sie glücklich. Auch Yuliia Kazpuk aus der ukrainischen Stadt Kowel zeigt ihre Begeisterung mit freudigen Kusshänden. „Hier ist es wie zu Hause, oder sogar besser“, findet sie. Die 18-jährige Alevtyna Oliinykova aus Charkiw ist eine der Dolmetscherinnen bei der Veranstaltung, Deutsch kann sie noch aus Schulzeiten. Außerdem hilft sie den Kleinen und zeigt, wie man richtig mit den Pferden umgeht, denn auch das ist als Studentin der Tiermedizin ihr Spezialgebiet. Seit drei Wochen wohnt sie in Lambsheim. Auf der Petersau kann sie mehrmals die Woche reiten und so etwas Alltag zurückerlangen.

Zum Reiten am Samstag kamen knapp 80 Menschen, davon 20 ukrainische Kinder. Die Veranstaltung diente als Auftakt für regelmäßiges Reittraining, das die angemeldeten Kinder für zunächst einmal vier Wochen bekommen. „Wir wollen auch weiterhin Events veranstalten, die Freude bringen“, sagt Markus Schuler. Zu diesem Anlass ist er aktuell mit der Gründung des Vereins „Freude für Freunde“ beschäftigt, der auch in Zukunft Veranstaltungen wie diese ermöglichen soll. So traf er sich bereits am Tag darauf mit einigen der Geflüchteten zum Fußball-Schauen, als nächstes soll es in den Holiday Park gehen. „Nichts ist schöner als ein Lächeln zu schenken“, findet Schuler. Das ist ihm mit der Reitstunde allemal gelungen.

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