Römerberg RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Forscherin weist rationales Denken bei Affen nach

Auf der Ngamba-Insel im Viktoriasee in Uganda leben rund 50 Schimpansen.
Auf der Ngamba-Insel im Viktoriasee in Uganda leben rund 50 Schimpansen.

Fast kein Tier ist dem Menschen so ähnlich wie ein Schimpanse. Die Römerbergerin Hanna Schleihauf erforscht die Menschenaffen. Kürzlich hat sie Erstaunliches nachgewiesen.

Mehrere Wochen verbringt Hanna Schleihauf jedes Jahr in Afrika. Dort geht sie ihrem Beruf und ihrer Leidenschaft nach: die Erforschung des Verhaltens von Schimpansen. „Wir teilen 98,7 Prozent unseres Erbguts mit ihnen“, sagt die Wissenschaftlerin, die in Römerberg aufgewachsen ist. Vor wenigen Tagen ist eine Studie, für die sie maßgeblich verantwortlich war, in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht worden. Sie zeigt, dass Schimpansen ihre Überzeugungen rational an neue Beweise anpassen können. „Ein faszinierender Befund, der gängige Annahmen über die Einzigartigkeit menschlicher Rationalität in Frage stellt“, findet Schleihauf.

Hanna Schleihauf.
Hanna Schleihauf.

Bereits als Kind sei sie fasziniert von Tieren gewesen, erinnert sich die 38-Jährige. Sie habe Hunde als Haustiere gehabt und sich viel mit Pferden beschäftigt, ein Schulpraktikum habe sie beim Tierarzt absolviert, und bereits im frühen Teenageralter sei sie Vegetarierin geworden. Gut in Erinnerung ist ihr eine kleine Meinungsverschiedenheit mit ihrer Deutschlehrerin am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium in Speyer geblieben: „Die Lehrerin hat gefragt, ob Tiere einen Willen haben. Ich sagte ja, sie meinte nein“, blickt die Wissenschaftlerin lachend zurück. Nach dem Abitur absolvierte Hanna Schleihauf ein Psychologiestudium. „Ich konnte mir zwischenzeitlich auch vorstellen, Therapeutin zu werden“, sagt sie. Doch das Thema Tiere ließ die Römerbergerin nicht los, in ihrer Masterarbeit beschäftigte sie sich mit dem Vergleich des Verhaltens von Mensch und Tier. Ein zufälliges Aufeinandertreffen am Flughafen mit einem Fachkollegen, der sich mit Schimpansen beschäftigte, mündete letztlich in das Projekt, mit dem sich die promovierte Wissenschaftlerin, die mittlerweile an der Universität im niederländischen Utrecht angestellt ist, in den vergangenen Jahren befasst hat.

Regelmäßig in Uganda

Ihre Forschungsobjekt waren zuletzt Schimpansen, die auf der ugandischen Ngamba-Insel im Lake Victoria leben. Rund 50 Menschenaffen, die in der Wildnis nicht überleben würden, weil sie zum Beispiel verwaist sind und Opfer von Tierhandel waren, leben dort – versorgt von Fachpersonal – in rund 40 Hektar Regenwald. Jedes Jahr kommt Hanna Schleihauf für mehrere Wochen hierher und macht Verhaltensexperimente mit den Tieren. „Es ist immens wichtig, dass man dafür so viele Individuen wie möglich hat“, erklärt sie, warum es besser ist, dort und nicht in einem Zoo mit den Schimpansen zu arbeiten. In der Wildnis ließen sich die Experimente nicht durchführen. Diese sollten zeigen, ob die Tiere bei ihren Handlungen ein höheres Maß an Rationalität zeigen als bisher angenommen. „Schon Aristoteles hat gesagt: Der Mensch ist das einzige rationale Lebewesen“, beschreibt die Römerbergerin das, was lange die vorherrschende Meinung über Tiere war. Nur Menschen seien sich über die Gründe für ihre Entscheidungen bewusst und könnten darüber reflektieren. Doch stimmt das?

Überprüfen wollte das die Wissenschaftlerin unter anderem mit kleinen Futterboxen für die Schimpansen. Mal wurden den Affen schwache Hinweise – zum Beispiel durch Schütteln – gegeben, dass sich ein Stück Apfel in einer Box befindet, mal waren es starke Hinweise: etwa ein Stück Apfel, das hinter einer Glasscheibe in einer Futterbox zu sehen war. Würde der Schimpanse je nach Art des Hinweises seine Wahl ändern? Die Antwort war ja. Und nicht nur das: Als durch das Entfernen einer milchigen Glasscheibe an einer Box deutlich wurde, dass der Schimpanse nur das Bild eines Apfels und kein echtes Obst gesehen hatte, war er auch in der Lage, seine Entscheidung wieder rückgängig zu machen. „Der Großteil der Schimpansen hat es so gemacht und es verstanden“, berichtet Schleihauf. Die Eigenschaft, die Meinung zu ändern, wenn frühere Hinweise nicht mehr tragfähig sind, ist für die Forscherin ein klarer Nachweis, wie rational Schimpansen denken können.

Zum Verständnis beitragen

2023 hat die Wissenschaftlerin zusammen mit sieben Kollegen aus verschiedenen Ländern mit ihrer Studie vor Ort begonnen. „Es machte Riesenspaß“, sagt sie. Die Tiere sind ihr dabei ans Herz gewachsen. „Die Schimpansen haben alle einen unterschiedlichen Charakter“, berichtet sie. Sie nach mehreren Monaten wiederzusehen, sei emotional gewesen. Dass die Menschenaffen sie auch vermisst hätten, glaubt sie eher nicht. „Die dachten wahrscheinlich: Da kommt wieder die Frau mit den Äpfeln“, sagt Schleihauf und lacht.

Vor der jahrzehntelangen Arbeit von Jane Goodall, der weltberühmten Primaten-Forscherin, die Anfang Oktober verstarb, hat Schleihauf großen Respekt – auch wenn deren Forschungsgebiet mit der Beobachtung von Menschenaffen in der Wildnis sich etwas von ihrem eigenen unterscheide. Goodall habe auch die Schimpansen-Rettungsstation in Uganda mit aufgebaut und bis zuletzt immer wieder besucht, berichtet die Römerbergerin. Persönlich getroffen habe sie die Britin leider nie, bedauert Schleihauf. „Ich habe sie um eine Woche verpasst“, sagt sie. Wie Goodall hofft auch die Römerbergerin, mit ihrer Studie zum Verständnis der Tiere beizutragen. „Wenn wir einem Schimpansen in die Augen blicken und uns fragen, was im Kopf das anderen vorgeht, dann fragt er sich vielleicht gerade das gleiche“, glaubt sie.

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