Mutterstadt
Paula Schmidt möchte für ein geeintes Europa einstehen
Mit ihrem Wunsch nach einem geeinten Europa, in dem man in Frieden leben kann, steht die Studentin der Politik und des Öffentlichen Rechts nicht alleine da. Doch nur wünschen genügt nicht. Paula Schmidt fordert das ganz aktiv ein! Aber wie geht das in so Konstrukten wie der Europäische Union (EU) oder den Vereinten Nationen (UN), die von Mutterstadt aus gefühlt so weit weg sind wie der Mond von der Erde? Mit viel Enthusiasmus.
Schon als kleines Kind habe sie gern argumentiert und diskutiert. Ihre Eltern, beide nicht politisch aktiv, hätten ihr aber immer erklärt, warum sie etwas nicht durfte. Und dass es sich lohnt, zu hinterfragen. So konnte sie das eine oder andere Verbot mit guten Argumenten abwenden. Dass man so auch Menschen eine Sache näherbringen kann, das habe sie am Ludwigshafener Theodor-Heuss-Gymnasium erfahren. Dort gab es eine Anne-Frank-Ausstellung, für die sich Schüler zu Botschaftern ausbilden lassen konnten. Die damals 15-jährige Paula Schmidt war eine davon. Sie hat Schüler, aber auch Erwachsene, durch die Ausstellung geführt. Diese Erfahrung habe ihr Selbstbewusstsein gegeben: „Und es war der Auslöser für mein politisches Engagement“, sagt sie heute. So war sie auch Schuldelegierte bei der Landesschülerversammlung und gründete einen Debattierclub.
Bewusst wählte sie Geschichte als Leistungsfach. „Ich wollte fundierte Kenntnisse der Vergangenheit erwerben“, erläutert sie. Dabei wurde ihr Interesse an internationalen Organisationen, insbesondere an der Europäischen Union, geweckt. „Wir, die junge Generation, sind europäisch aufgewachsen. Für uns ist es selbstverständlich, uns in Europa frei zu bewegen, zu reisen oder einen Schüleraustausch mitzumachen“, sagt sie. Sie ist überzeugt: „Wir müssen es in Europa schaffen, gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen, auch um als geopolitischer Player China oder den USA etwas entgegenzusetzen.“ Zudem sei Deutschland DER Profiteur der EU. Überzeugt vom europäischen Gedanken wollte sie aktiv werden. „Ich stieß auf die Jungen Europäischen Föderalist:innen (JEF), einen Jugendverband, der den europäischen Bundesstaat zum Ziel hat.“ Diese Nichtregierungsorganisation (NGO) betreibe Lobby-Arbeit für die Europäische Gemeinschaft, habe etwa 4000 Mitglieder in Deutschland und 30.000 europaweit.
Europa-Hass gespürt
Nach ihrem Abitur absolvierte sie einen Bundesfreiwilligendienst in der Bundeszentrale der JEF in Berlin. Für mehrere Monate zog sie von Mutterstadt nach Berlin. „Ein kleiner Kulturschock, aber spannend“, erzählt sie. In der Zeit habe sie unter anderem eine Fahrt nach Moldau mit organisiert. „Es war sehr aufschlussreich, dort mit jungen Menschen zu sprechen, denn das Land befindet sich gesellschaftlich zwischen russischer Aggression und Aufbruch nach Europa“, sagt Paula Schmidt. Auch begleitete sie die Europawahl-Kampagne mit dem Slogan „EurHope“. Sie kam mit Menschen auf der Straße in Kontakt, die ganz unterschiedliche Sichtweisen auf Europa hatten. „Wir sind auch angefeindet worden“, berichtet sie, „das gehört heute leider zum politischen Engagement dazu.“
Es gebe derzeit mitunter einen regelrechten Hass auf die EU. Umso wichtiger sei die Arbeit von Organisationen wie JEF. „Die Ergebnisse der Europawahl im Juni waren aber enttäuschend“, resümiert sie. Denn Parteien, die die nationale Souveränität für ihre Ländern fordern, erhielten Zulauf. „Doch es hätte schlimmer kommen können“, sagt sie. Optimismus, weitermachen, nicht aufgeben – das gehöre auch zum politischen Engagement. Und das wünscht sie sich von viel mehr Menschen. „Wir sollten uns wieder mehr als Subjekte wahrnehmen“, sagt sie und plädiert für Eigeninitiative und Engagement. „Der Wandel muss von unten kommen“, sagt sie. Nur dann werden „die da oben“ wahrnehmen, was die Bürger bewegt.
Wie „die da oben“ arbeiten, das hat sie während ihres zweimonatigen Praktikums im Bundestag erleben dürfen. „So nah am politischen Puls zu sein, mitten im Maschinenraum des Parlamentarismus, das war sehr motivierend“, sagt sie. Besonders interessierte Paula Schmidt der Europaausschuss. Mit dem Mannheimer Bundestagsabgeordneten Konrad Stockmeier (FDP), bei dem sie das Praktikum absolvierte, hatte sie auch die Gelegenheit dazu.
Türen blieben verschlossen
Zudem habe sie sich bei der Deutschen Gesellschaft der Vereinten Nationen (DGVN) eingebracht. So habe Paula Schmidt vom Zukunftsgipfel der UN in New York im September erfahren, beim dem das erste Mal junge Leute dabei sein durften. Sie bewarb sich und wurde aus 100 Bewerbern aus ganz Deutschland ausgewählt. Sie wurde eine von sechs Jugendbeobachtern. Während dieses Gipfels wurde ein Zukunftspaket verabschiedet, in dem 56 Ziele zu Themen wie Klimaneutralität, Frieden, digitale Technologien, Reform des UN-Sicherheitsrats, aber auch mehr Rechte für zukünftige Generationen vereinbart wurden. Die sechs wollten nicht nur Beobachter sein, sondern sich auch einbringen. Jeder hatte Schwerpunktthemen. Paula Schmidt hat sich unter anderem mit dem Thema Wahrung der Menschenrechte in der Digitalisierung auseinandergesetzt.
Doch der Enthusiasmus wurde von der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York gedämpft, die sie vor dem Gipfel kontaktierten. „Man sagte uns, dass viele Mitgliedsländer kein Interesse hätten, dass wir bei den Verhandlungen dabei sind, was zeigt, dass die Jugendbeteiligung auf internationaler Ebene eine riesige Herausforderung ist.“ Aber sie ließen sich nicht entmutigen und brachten ihre Anliegen beim „UN Berlin Future Forum“ vor, an dem alle Leute zuvor zusammenkamen, die beim Zukunftsgipfel eine wichtige Rolle spielten.
Paula Schmidt habe dort gefordert, dass das Mitspracherecht der Zivilgesellschaft, wie das von nicht-staatlichen Akteuren wie zum Beispiel Wiki-Media (der Kopf von Wikipedia), bei der UN Internet Governance nicht geschwächt werden soll. Es sei geplant gewesen, dass zum Beispiel die Regulierung des Internets künftig stärker eine nationale Aufgabe sei. „Unser Erfolg war mäßig, denn die gewünschten Änderungen wurden nicht im globalen Digitalpakt übernommen“, gibt sie zu. Aber als kleinen Erfolg verbuche sie, dass es künftig einen Gesandten für digitale Menschenrechte geben soll. Und sie haben als junge Beobachter ihre Eindrücke auf Social Media veröffentlicht, um so die Arbeit der UN für junge Menschen greifbar zu machen. „Auch das ist eine wichtige Aufgabe“, ist sie überzeugt.
Ein weiterer Höhepunkt war, dass sie bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats dabei sein durfte. Es ging um den Konflikt im Libanon: „Das war Weltpolitik auf Mini-Ebene, leider aber ohne Ergebnis“, berichtet sie. Dabei sei es eine Chance gewesen, aufeinander zuzugehen und sich auszutauschen. Sie hätte sich auch mehr Engagement der anderen Staatenvertreter gewünscht, denn die Kernaufgabe der UN sei Friedenssicherung.
Dennoch fällt ihr Resümee positiv aus: „In New York bei einem diplomatischen Spitzentreffen dabei zu sein, sich mit den Akteuren auszutauschen, das war für mich persönlich eine unfassbare Erfahrung“, sagt sie. Und es hat sie bestärkt, ihren Weg beruflich in diese Richtung weiterzugehen mit dem klaren Ziel: „Wir jungen Leute wollen mit am Tisch sitzen bei den Verhandlungen.“