Rhein-Pfalz Kreis Ort sucht Arzt

Es ist anders als viele denken. Einen Ärzteschwund gibt es nicht. Nach einer Statistik der Bundesärztekammer gab es am Ende des vergangenen Jahres in Deutschland 366.000 berufstätige Ärzte. Das waren 130.000 Mediziner mehr als am Ende des Jahres 1990 und damit so viele Ärzte wie nie zuvor in der deutschen Geschichte. Gefühlt sind es jedoch weniger geworden, wenn es im Lambrechter Tal – wie im abgelaufenen Jahr geschehen – tiefgehende Diskussionen darüber gibt, wie die notärztliche Versorgung zu gewissen Zeiten aufrechterhalten werden kann. Im Frühjahr soll es in der Verbandsgemeinde Lambrecht zur Gründungsversammlung eines Trägervereins zur Notarztversorgung kommen. Kreistagsmitglied Peter Seelmann (CDU) sagte, dass die Zukunft der ärztlichen Versorgung für die Talgemeinden eines der wichtigsten Themen überhaupt sei. Im noch gut versorgten Bad Dürkheim ist das Thema zuletzt angekommen, weil die FWG das Stichwort Tele-Arzt gerne als Tagesordnungspunkt einer Kreistagssitzung gesehen hätte. Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU) lehnte dies jedoch mit der Begründung ab, dass es sich hierbei nicht um eine Selbstverwaltungsaufgabe des Landkreises handele. Eingang in die Tagesordnung fand das Thema im Dezember aber doch. Der Landrat hatte Olaf Diederichs, den Stellvertretenden Leiter der Abteilung Sicherstellung bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, in den Kreistag zu einem Vortrag eingeladen. Die frappierendste Erkenntnis für die Zuhörer daraus: Die Ärzteschaft im Kreis Bad Dürkheim ist überaltert. Knapp 40 Prozent der heute im Landkreis praktizierenden Ärzte sind bereits über 59 Jahre alt. Weitere 20 Prozent sind zwischen 55 und 59. Nun begreift es die Kassenärztliche Vereinigung als ihre Aufgabe, kleine Kommunen zu unterstützen und Maßnahmen zu ergreifen und zu entwickeln, die zu einer weiterhin guten Versorgung auch in ländlichen Regionen führen. Wie der Mainzer Medizinprofessor und in Böhl-Iggelheim als niedergelassener Arzt tätige Michael Jansky kürzlich der RHEINPFALZ sagte, gebe es von politischer Seite zunehmend Anreize in Form günstigerer Grundstücke und verbilligter Kredite. „Ort sucht Arzt“ nennt die KV selbst diesen Prozess. Letztlich – und das macht Diederichs deutlich – ticken junge Ärzte aber ähnlich wie viele andere Milieus des akademischen Publikums: Sie gehen ungern in strukturschwache Regionen und lassen sich lieber dort nieder, wo Lebensqualität durch familienfreundliche Infrastruktur gesichert und Zugang zu kulturellen Ressourcen gewährleistet ist. Der Landarzt, wie ihn das ZDF über Jahre gezeigt hat, ist quasi tot. Nach einer Befragung von Mainzer Medizinstudenten können sich nur vier bis acht Prozent vorstellen, als Hausarzt in einer ländlichen Region zu arbeiten. Lediglich 19 Prozent wollen überhaupt als Hausarzt arbeiten. Schon heute zeigt sich, dass junge Hausärzte einfach anders sind als die Medizinergeneration, die gerade Richtung Ruhestand geht. Wie Diederichs darstellt, sind nur noch 41 Prozent dieser Vertragsärzte in der klassischen Konstellation in einer Einzelpraxis tätig. Im Landkreis Bad Dürkheim sind nahezu die Hälfte der Arztpraxen durch sogenannte Berufsausübungsgemeinschaften gekennzeichnet – also die Gemeinschaftspraxis. Dadurch sinkt der bürokratische Aufwand und das Risiko für den einzelnen Arzt, der heute zum Beispiel nicht mehr so oft Bereitschaftsdienst leisten möchte, wie Diederichs weiß. Ärzte, auch das geht aus den Statistiken der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung hervor, arbeiten heute insgesamt weniger als früher und räumen dem Familienleben wieder mehr Zeit ein. Überdies ist der Anteil der Frauen im Arztberuf gestiegen. Babypausen sind einkalkuliert und tragen mit dazu bei, dass die Versorgung, die in der Vergangenheit oftmals von einem Mediziner sichergestellt wurde, heute von zwei bis drei Ärzten gewährleistet wird. Womit diese jungen Hausärzte in einem relativ „alten“ Landkreis wie Bad Dürkheim konfrontiert werden, scheint schon jetzt festzustehen. Durch die sich neu ergebenden Strukturen in der Alterspyramide nehmen die chronischen Erkrankungen zu und die Anzahl der Patienten ab. Prognostiziert werden für das Jahr 2030: 1,8 Prozent weniger Patienten, aber ein Anstieg der Arztbesuche um sieben Prozent. „In Rheinland-Pfalz leiden schon jetzt rund 500.000 Patienten (15 Prozent) an drei oder mehr chronischen Krankheiten“, so Diederichs. Stand heute ist die Versorgung in den verschiedenen Orten des Landkreises noch recht gesichert. Die Stadt Neustadt erreicht sogar den Höchstversorgungsgrad von 110 Prozent. In Bad Dürkheim sind es 98 Prozent. Hier gibt es nach Darstellung der Kassenärztlichen Vereinigung derzeit vier offene Hausarztsitze. Schlechter sieht es in Grünstadt aus, wo die Versorgung bei 88 Prozent liegt (bei 75 Prozent geht man bereits von Unterversorgung aus). Hier gäbe es derzeit Platz für sechs weitere Hausärzte. Insgesamt arbeiten gerade 35 Hausärzte im Kreis Bad Dürkheim. Die Facharztversorgung mit Chirurgen, Augenärzten et cetera ist im Gegensatz dazu auf einem sehr hohen Level. Hier gibt es derzeit keinen offenen Sitze.