Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Nichts war mehr wie vorher“: Alexander Weber spricht über die drei Corona-Jahre

Dass Schutzausrüstung oder Desinfektionsmittel knapp werden, wird so wohl nicht mehr passieren, meint Alexander Weber. Man habe
Dass Schutzausrüstung oder Desinfektionsmittel knapp werden, wird so wohl nicht mehr passieren, meint Alexander Weber. Man habe aus der Pandemie gelernt.

Drei Jahre ist es her, dass beim Gesundheitsamt des Rhein-Pfalz-Kreises der erste Corona-Fall bekannt wurde: Ein Reiserückkehrer aus Südtirol, wo damals ein erster Hotspot war. Dann explodierten die Zahlen auch hier. „Es waren sehr turbulente Zeiten, an die wir vorher nicht im Traum gedacht hätten“, sagt Alexander Weber im Interview mit Britta Enzenauer. Hinter seiner Abteilung liegen prägende Monate.

Herr Weber, ob Corona noch eine Pandemie ist oder nicht, darüber streiten sich gerade die Experten. Fakt ist jedoch, es gelten kaum noch Corona-Regeln, der Alltag wird normaler. Gilt das auch für die Arbeit im Kreisgesundheitsamt?
Ja, das gilt auch für unsere Arbeit im Gesundheitsamt. Wir sind in Sachen Corona zwar noch nicht komplett arbeitslos, aber die Situation ist längst nicht mehr vergleichbar mit der vor ein, zwei oder drei Jahren.

Alexander Weber (52) leitet die Abteilung  Gesundheit und Verbraucherschutz bei der Kreisverwaltung  seit Oktober 2011. Angedock
Alexander Weber (52) leitet die Abteilung Gesundheit und Verbraucherschutz bei der Kreisverwaltung seit Oktober 2011. Angedockt daran ist das Kreisgesundheitsamt, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Städte Ludwigshafen, Frankenthal und Speyer fallen.

Können Sie sich noch erinnern, wann Corona im Zuständigkeitsbereich des Kreisgesundheitsamts ankam? Das müsste nun fast genau drei Jahre her sein, oder?
Genau. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war Anfang März 2020. Dabei handelte sich um einen Reiserückkehrer aus Südtirol, wo sich damals erste Hotspots entwickelt hatten. Diese lösten dann in Deutschland maßgeblich die erste Welle aus. Ab diesem Zeitpunkt haben wir den Dienstbetrieb auf die Sieben-Tage-Woche umgestellt.

Sie und Ihre Mitarbeiter haben drei besondere Jahre hinter sich gebracht. Die Aufklärung besorgter Menschen und die Fallnachverfolgung hat sie alle sehr gefordert – wohl vor allem in der Zeit, als es auch seitens der Politik noch keine sicheren Antworten darauf gab, wie wir uns alle zu verhalten und auf das Virus zu reagieren haben. Haben diese drei Jahre geprägt?
Das stimmt. Diese drei Jahre waren prägend, und wir werden sie sicherlich nicht vergessen. Es waren sehr turbulente Zeiten, an die wir vorher nicht im Traum gedacht hätten. Allen Kolleginnen und Kollegen möchte ich an dieser Stelle für ihren unermüdlichen Einsatz in diesem Ausnahmezustand nochmals herzlich danken.

Es gab Kritik seitens der Bürger, was Regeln und Vorgehen anbelangte. Kritik, die auch das Kreisgesundheitsamt getroffen hat. Von Überforderung war die Rede. Die Bürgermeister der Städte, die das Kreisgesundheitsamt mitbetreut, forderten plötzlich eigene Gesundheitsämter. Wie bewerten Sie das heute? Und was würden Sie mit einigen Monaten Abstand zu dieser aufgewühlten Zeit gerne noch loswerden?
Die Corona-Pandemie war die schwerste Krise in diesem Land seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Unsere Gesellschaft war auf diese Krise nicht vorbereitet, alle Lebensbereiche waren betroffen. Nichts war mehr wie vorher. Wer hätte einmal gedacht, dass wir Ausgangsbeschränkungen haben würden, Kontaktverbote oder Lockdowns? Das hat die Menschen gestresst, jeder hatte nur noch den Wunsch, schnellstmöglich sein „altes“ Leben zurückzubekommen. Die Gesundheitsämter standen in dieser Zeit an vorderster Front. Wir bekamen dauernd neue Aufgaben zugewiesen, von denen wir teilweise zuerst über die Medien erfuhren. Die Gesundheitsämter waren gefordert wie noch keine Behörde zuvor. Dass dies zu Überlastungen führt, liegt ja in der Natur der Sache. Von daher hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle etwas mehr Verständnis für unsere Arbeit gewünscht. Etwas weniger Aufgeregtheit und Aktionismus hätten manchmal besser getan. Nicht unerwähnt möchte ich jedoch lassen, dass wir auch viele aufmunternde und lobende Rückmeldungen für unsere Arbeit bekamen. Wie so oft finden diese Dinge aber weniger den Weg an die Öffentlichkeit.

Was glauben Sie: Sind die Antworten auf Corona-Fragen nun gefunden? Würde eine nächste Pandemie geordneter ablaufen?
Die Pandemie wird momentan auf allen Ebenen aufgearbeitet. Für die nächste Pandemie sind wir aufgrund der vielen Erfahrungen und Erkenntnisse sicherlich besser gerüstet. Allerdings neigen wir Menschen sehr schnell zum Vergessen. Das heißt, je länger diese Pandemie zurückliegt, desto mehr werden die Erfahrungen verblassen. Die Spanische Grippe vor etwas mehr als 100 Jahren ist ein gutes Beispiel. Im Prinzip war die Corona-Pandemie nur eine Frage der Zeit und trotzdem traf sie uns alle überraschend.

Welche Regeln haben Ihrer Meinung nach am besten geholfen?
Effektiv waren die Lockdowns zu Beginn der Pandemie, die Kontakte reduzierten, was wiederum die Anzahl der Infektionen minderte. Damit konnten Ausbrüche lokal begrenzt werden, und das Gesundheitssystem hatte die Möglichkeit, sich auf höhere Krankheitslasten einzustellen. Die Wirksamkeit eines Lockdowns ist in der Frühphase am effektivsten, verliert aber mit Fortschreiten der Pandemie schnell an Wirksamkeit, und die negativen Folgen nehmen zu. Im Anfangsstadium war auch die Kontaktpersonennachverfolgung effektiv. Ebenfalls geholfen hat die Maskenpflicht, sofern die Masken korrekt getragen wurden. Über die Schließungen von Schulen und Kitas lässt sich streiten. Hier deutet einiges darauf hin, dass die negativen Folgen gravierender sind als der beabsichtigte Nutzen. Entsprechende Erfahrungen machen wir gerade bei den aktuellen Einschulungsuntersuchungen bei uns im Gesundheitsamt.

Welche Erfahrungen sind das?
Wir merken, dass den Kindern der Besuch der Kindertagesstätten gefehlt hat. Im Vergleich zu den Einschulungskindern vor der Pandemie stellen wir fest, dass das Sozialverhalten anders ist. Die Kinder sind zum Beispiel unruhiger, zappeliger und teils ängstlicher. Die sprachliche Entwicklung – insbesondere bei Kindern mit Migrationshintergrund – ist schlechter, und wir merken es auch bei der Feinmotorik. Wir haben momentan vermehrt Kinder, die Stifte nicht richtig halten können. Das sind normalerweise Dinge, die in der Kita vermittelt werden. Wenn Kinder von sich aus nicht gerne malen, bleibt die Motorik während eines Lockdowns auf der Strecke, weil es keine Kita gibt, in der dies aufgefangen wird.

Jetzt fallen die Masken: Das Ende der Maskenpflicht ist richtig oder falsch?
Auch wenn die Masken sehr effektiv waren, ist das jetzt auf jeden Fall vertretbar. Wir haben in der Bevölkerung eine hohe Immunität, und die Verläufe sind durch die aktuellen Virusvarianten deutlich milder. Zudem steht es jedem frei, weiterhin sich selbst zu schützen und eine Maske zu tragen.

Wer Corona hat, muss nicht mehr zu Hause bleiben. Das Ende der Isolationspflicht ist ebenfalls richtig – oder doch falsch?
Wir haben schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass Corona nicht mehr verschwinden wird und wir lernen müssen, damit zu leben. Durch die bereits erwähnte hohe Immunitätsrate und die milderen Verläufe ist es auch richtig, jetzt zu sagen, wir gehen mit Corona wie mit anderen Erkrankungen um. Das heißt, es gilt der allgemeine Grundsatz: Wer krank ist, bleibt zu Hause.

Ihr Team war gerade für die Fallnachverfolgung massiv aufgestockt worden. Zwischenzeitlich arbeiteten über 100 Mitarbeiter im Shell-Haus in der Mundenheimer Straße, quasi der Corona-Zentrale des Kreisgesundheitsamts. Soldaten kamen zur Verstärkung. Was ist dort heute los?
Kein Vergleich mit der Hochphase der Pandemie. Zwischenzeitlich haben wir im Shell-Haus ganze Stockwerke geräumt. Dort arbeiten nur noch wenige Mitarbeiter, die sich hauptsächlich ums Meldewesen kümmern und Kontakte zu Krankenhäusern und anderen medizinischen oder Pflegeeinrichtungen haben.

Ist Fallnachverfolgung überhaupt noch ein Thema?
Nein, ist sie nicht mehr, und es würde ja auch keinen Sinn ergeben. Wie bereits erwähnt, ist die Fallnachverfolgung nur im frühen Stadium einer Pandemie effektiv. Im Vergleich zu anderen Ländern wurde in Deutschland an dieser Strategie viel zu lange festgehalten.

Wie hat der Hackerangriff auf die Kreisverwaltung nochmals Ihre Arbeit verändert?
Der Hackerangriff führte dazu, dass wir uns in vielen Bereichen nochmals neu erfinden mussten, weil zunächst unsere komplette technische Infrastruktur nicht mehr zur Verfügung stand. Je höher der Grad der Digitalisierung war, desto größer war die Herausforderung. Aus diesem Grund konnten wir einige Zeit auch keine aktuellen Corona-Zahlen liefern.

Gibt es heute Teams, die Erfahrungen mit der Pandemie aufarbeiten?
Die Erfahrungen aus der Pandemie arbeiten wir natürlich auch intern auf. Das läuft neben der normalen Arbeit und wird dementsprechend noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Gerade wurde von der Kreisverwaltung gemeldet, dass die Zusammenarbeit mit den Altenheimen intensiviert worden ist – es geht darum, das Infektionsrisiko zu minimieren. Können Sie das etwas näher erklären?
Als Gesundheitsamt sind wir für die infektionsschutzrechtliche Überwachung der Alten- und Pflegeeinrichtungen zuständig. Hierzu haben wir ein neues Konzept entwickelt, das wir den Einrichtungen vorgestellt haben. Wir wollen mit ihnen noch näher zusammenarbeiten, um auf Basis der gesetzlichen Vorgaben sowie neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse das Infektionsrisiko der in den Heimen lebenden und arbeitenden Personen zu minimieren. Praktisch heißt das, dass wir in den kommenden Monaten alle Einrichtungen besuchen. Schwerpunkte dieser Begehungen werden sein, die vorgeschriebenen Hygienekonzepte und Trinkwasserinstallationen zu überprüfen. Im Fokus wird auch noch mal die Bedeutung einer guten Handhygiene stehen. Vorab erhalten die Einrichtungen von uns einen Selbstauskunftsbogen, der zum einen als Vorbereitung dient und zum anderen als ständige Check-Liste genutzt werden kann, auf welche Punkte in der täglichen Arbeit zu achten ist.

Gibt es andere Beispiele dafür, dass Lehren aus Corona gezogen wurden und in der Praxis umgesetzt werden?
Ja, die gibt es. Wenn Sie alleine an den Beginn der Pandemie zurückdenken, als wir in Deutschland nicht ausreichend Schutzausrüstung, Desinfektionsmittel und so weiter hatten. Das wird sicherlich so nicht mehr passieren. Auch das Meldewesen hat sich zwischenzeitlich verbessert. Zu Beginn der Pandemie bekamen wir die Meldungen ja noch per Fax und mussten diese dann abtippen und elektronisch weitermelden. Wir sind im Gesundheitsamt gerade dabei, weitere Arbeitsprozesse zu digitalisieren und sind nun auch personell besser aufgestellt. Das wird es uns erlauben, künftig noch mehr in Richtung Gesundheitsprävention zu arbeiten.

Sicher sind während der Pandemie andere Bereiche des Gesundheitsamts zu kurz gekommen. Wo muss nachgearbeitet werden, worauf liegt der Fokus?
Im Prinzip waren wir gezwungen, in allen anderen Bereichen etwas kürzer zu treten, weil die meisten Ressourcen der Bekämpfung der Corona-Pandemie untergeordnet wurden. In den anderen Bereichen arbeiteten wir in einer Art Notbetrieb, es wurde stark priorisiert. Routinebegehungen in medizinischen Einrichtungen waren gar nicht mehr möglich, sondern wir wurden nur noch anlassbezogen tätig. Die Schuleingangsuntersuchungen fielen größtenteils aus. Hier ist ein Nacharbeiten nicht mehr möglich. Bestimmte Aufgaben dagegen, wie etwa die amtsärztliche Leichenschau, mussten weiterhin jeden Tag wahrgenommen werden. Untersuchungsaufträge im amtsärztlichen Dienst haben wir im Gegensatz zu vielen anderen Gesundheitsämtern auch weiterhin übernommen.

Ist die Corona-Anspannung abgefallen? Macht es wieder mehr Spaß, zur Arbeit zu gehen, Herr Weber?
Wer sagt, dass es während der Pandemie keinen Spaß gemacht hat? Aber ja, es stimmt. Nicht mehr in diesem absoluten Ausnahmezustand und der daraus resultierenden Belastungssituation arbeiten zu müssen, ist schon angenehmer. Es ist auch angenehm, nicht mehr rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche zur Verfügung stehen zu müssen. Von daher ist jetzt einiges an Anspannung abgefallen.

Sie haben in Ihrem Zimmer noch kein Telefon. Eine Folge des Hackerangriffs. Tut es mal gut, wenn es nicht ständig läutet?
Das stimmt, mein Festnetztelefon läutet nicht mehr. Da die Festnetznummer aber auf einen anderen Apparat umgeleitet ist, bekomme ich statt Telefonläuten gelbe Zettelchen mit Rückrufwünschen, so wie bei Ihnen. Und dann gibt es auch noch ein Mobiltelefon, dessen Rufnummer immer mehr an Bekanntheit gewinnt. Von daher ist es nicht ruhiger, sondern eher anders.

Interview: Britta Enzenauer

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